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Oberösterreich

Auf diese Taube schießt man nicht

Seit 2016 gehört das Taubenschießen in Altaussee zum immateriellen Kulturerbe Österreichs. Bernhard Lichtenberger wollte wissen, was es mit diesem seltsamen Sport auf sich hat.

Auf diese Taube schießt man nicht

Diese Aufnahme vom Taubenschützenverein Altaussee stammt aus dem Jahr 1927. Bild: Taubenschützenverein

In Altaussee haben sie einen Vogel. Eine Taube. Eine Holztaube, um genau zu sein. Sie ist nicht Ziel der einheimischen Schützen, sondern quasi deren Waffe. Statt auf sie zu schießen, wird mit ihr geschossen.

Es ist Sonntag, zehn Uhr. Männer trudeln beim Schneiderwirt ein und scharen sich um zwei Tische im Gastzimmer. "Do sitz’n de, de oiwei do sitz’n", steht auf der Banklehne, welche die Stammtische verbindet. Die Mitglieder des Taubenschützenvereins haben es nicht eilig damit, Hand an den Vogel zu legen. Die meisten umschließen zuerst mit kräftigem Griff die Bierflasche. "Zielwasser", sagt einer. Hölzerne Schützenscheiben zieren die Wände. Sie zeugen von einer Tradition.

Auf diese Taube schießt man nicht

 

Wann das Schießvergnügen des einfachen Mannes entstanden ist, lässt sich nicht genau festmachen. Ferdinand Freiherr von Andrian-Werburg schreibt 1905 in "Die Altausseer": "Sehr alt soll auch das Taubenschießen sein, welches früher in Altaussee stattfand, jetzt nur mehr im Markt (Bad Aussee, Anm.) betrieben wird. Es ist viel harmloser als der gleichnamige moderne Sport. Eine hölzerne Taube, deren Schnabel eine Eisenspitze bildet, hängt frei an einer langen Schnur. Eine zweite ist an der Schwanzspitze angebracht. Mittels der letzteren muss der Spieler der Taube den richtigen Schwung geben, damit sie mit dem Schnabel in die Kreise der gegenüberliegenden Scheibe trifft."

Was früher weit verbreitet war, von der Nordsee bis Südtirol, hat sich verflüchtigt. Selbst die Altausseer Schützen ließen ihre Taube bisweilen unberührt. Ab 1967 bohrte sich zehn Jahre lang kein Schnabelbolzen ins Holz des Zielstandes. Erst Heinz Leuner, der neue Pächter des Schneiderwirtes, verlieh der Tradition 1977 wieder Flügel. Seither pfeift der geschnitzte, mit Eisen beschlagene, zwei Kilo schwere Vogel ununterbrochen für die jährliche Meisterschaft durch die recht frische Luft – denn das Taubenschießen ist ein Freiluftsport für die kalte Jahreszeit, vom ersten Sonntag nach Allerheiligen bis zum Sonntag vor dem Faschingssonntag, samstags von 17 bis 21, sonntags von 10 bis 12 und 17 bis 21 Uhr. "Weil’s immer so war", erklärt Oberschützenmeister Gerhard Wimmer. "Im Sommer war neben dem Arbeiten der Bauern und einfachen Leute dazu keine Zeit", sagt der 46-Jährige, der in der Saline die Solegewinnung leitet.

Auf diese Taube schießt man nicht

Wobei für die Bezeichnung Sport durchaus Anführungszeichen herangezogen werden dürfen. In der Reihenfolge, in der es sich die Männer an den Stammtischen gemütlich machten, werden sie nacheinander nach draußen gerufen. Johann Demmel pflanzt sich breitbeinig auf einem Podest auf. Der "Aufigeber" drückt dem 64-jährigen Pensionisten, der im Salinenbergbau tätig war, die an einer acht Meter langen Kette baumelnde Taube in die Hand. Demmel klemmt sich die am Taubenschwanz hängende Schnur zwischen die Finger und führt beide Hände so weit über den Kopf, bis er mit einem zugekniffenen Auge Schnur und Kette nutzen kann wie Kimme und Korn bei einem Gewehr. Dann lässt er die Schnur los, und die Taube saust wie ein Pendel zur acht Meter entfernten Schützenscheibe, die nicht Ringe, sondern senkrechte Streifen aufweist. Der mittlere zählt vier Punkte, die äußeren einen Punkt. Der sogenannte "Zieler", der an der Scheibe wacht, notiert die Punkte.

Nach elf Schüssen – der schlechteste wird gestrichen – werden für Demmel 32 von 40 möglichen Punkten gezählt. Sein Schützenspuk hat nur wenige Minuten gedauert. Danach widmet er sich wieder dem, was ihn 1982 bewog, den Taubenschützen beizutreten – der Geselligkeit.

Derzeit zählt der Verein 25 Mitglieder. Der Hauptwohnsitz im Ausseerland und ein Mindestalter von 16 Jahren sind Aufnahmekriterien. Und das männliche Geschlecht. "A MeToo-Problem ham mir net", sagt ein Schütze und grinst. Dafür hapert es mit dem Nachwuchs. "16-Jährige sind nicht wirklich heiß darauf", gibt Oberschützenmeister Wimmer zu.

 

Christian Fischer winkt zufrieden mit seiner durchlöcherten Zielscheibe. 38 Punkte. "Wieso hast nicht gleich einen 40er geschossen? Lag’s am Wind?", feixt Wimmer. Ein 40er hätte den Schützen ein Fass Bier gekostet. In dieser Saison musste noch keiner zahlen, in jener davor wurden immerhin fünf angezapft. Am finalen Faschingswochenende geht es noch einmal rund, mit Meisterehrung, Ausschießen und am 12. Februar mit dem Schützenumzug in Ausseer Tracht.

Und schließlich kämpft man bei der Heim-Weltmeisterschaft am 14. und 15. April wieder einmal um Gold. Silber wird es sicher, da es global nur einen zweiten Taubenschützenverein gibt. Seit 24 Jahren messen sich die Altausseer mit den Kollegen aus dem bayerischen Nußdorf am Inn. Das freundschaftliche Duell könnte sich aber bald zu einem Dreikampf auswachsen. Der 1898 von Junggesellen in Bad Tölz gegründete Rauchclub "Gemütlichkeit" war wegen des Rauchverbots in eine Sinnkrise geraten. Weil sich das Wettrauchen (Wer hält die längste Asche an der Zigarre?) erledigt hat, sattelten die Gemütlichen jüngst im Binderbräu aufs Schützendasein um. Möge die Taube mit ihnen sein.

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Artikel Bernhard Lichtenberger 13. Januar 2018 - 00:04 Uhr
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