25. März 2017 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Oberösterreich

Anton Zeilinger: Der Physiker und der See

Der Physiker und der See

Die Akademie der Wissenschaften hat ihren Sitz in der Alten Aula der Uni Wien, Zeilingers Büro dort ist aufgeräumt – „dank meiner Mitarbeiter“, sagt er. Bild: Raimund Appel

Seine Teleportations-Experimente haben hohe Wellen geschlagen, seither gilt der gebürtige Innviertler Anton Zeilinger als "Mr. Beam". Oberösterreich hat er früh verlassen, doch die Bande sind eng – Attersee sei dank.

Die Puppen seiner Schwester mussten für erste Experimente herhalten: "Schon als Bub wollte ich Dinge zerlegen, um zu wissen, wie sie funktionieren", erinnert sich Anton Zeilinger.

Pech für die Schwester: Nachdem Funktionsprinzip von Arm- und Beinbeweglichkeit erkannt und die Neugier gestillt war, suchte sich der im Mai 1945 in Ried im Innkreis Geborene ein neues Forschungsobjekt. "Das Zusammenbauen hat mich nie interessiert, da war mir schad’ um die Zeit". Auf Puppen folgten Radios, die kindliche Neugier wurde fokussierter: "Dass ich Wissenschafter werden will, wusste ich relativ früh". Heute zählt Zeilinger zu den besten Physikern weltweit.

Die Faszination für Wissenschaft hat er vom Vater, ebenfalls gebürtiger Rieder und Biochemiker mit Schwerpunkt Milchwissenschaft. Die Liebe zur Physik entfachte "mein Mittelschullehrer, er konnte im Unterricht begeistern", sagt Zeilinger, dem es als erster gelang, Teilchen zu teleportieren.

Auf den Spitznamen "Mr. Beam" angesprochen schmunzelt er keck und nippt an seiner heißen Schokolade, die er beim Treffen in seinem Büro dem Nachmittagskaffee vorzieht. Man merkt schnell: Öffentlichkeitsscheu ist der auch vom Erscheinungsbild auffällige Brillenträger nicht. Als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört Öffentlichkeitsarbeit freilich zu seinem Aufgabenprofil. Er erfüllt es mit Leidenschaft, wirbt weit über die Landesgrenzen hinaus stets für die Leistungen der mehr als 700 ÖAW-Mitglieder aus allen Disziplinen. Und trägt durch die eigene Forschung viel zur internationalen Präsenz bei. Am Institut für Quantenoptik und -information hat er ein Team von einem Dutzend Forscher, mit dem er Experimente wie die Quanten-Teleportation ausklügelt.

Der Physiker und der See

Im Labor ist der Physiker Herr über seine Experimente. (Jacqueline Godany)

Ein Anflug von Zweifel

In Wien studierte Zeilinger einst Physik und Mathematik, nur kurz hegte er Zweifel: "Die Ausbildung war nicht gerade herausragend, zwei Semester habe ich Wirtschaftswissenschaften inskribiert, aber schnell gemerkt, das liegt mir noch weniger." 1971 promovierte er, es folgte eine Assistenzstelle an der Uni und zig Forschungsaufenthalte im Ausland. Bei denen Zeilinger Selbstbewusstsein entwickelte: "Wichtig war die Zeit am renommierten MIT in Boston, weil ich gemerkt habe, die kochen ja auch nur mit Wasser". Zurück in Österreich ("Ich konnte mir nie vorstellen, im Ausland zu leben") war er an mehreren Hochschulen tätig, emeritiert ist er 2013 an der Uni Wien.

Zeilinger gilt als Nobelpreiskandidat: "Natürlich wäre das schön, aber viel wichtiger wäre ein österreichischer Preisträger als Motivation für die Jungen." Dass es in der Forschung durchaus Konkurrenzdenken gibt, will er nicht verhehlen: "Das ist Teil des Prickelns und wichtig, um voran zu kommen."

Und wie wird man Weltklasse? Neben Expertise braucht es "einen guten Riecher, das unterscheidet die wirklich Guten". Und: "Man muss lernen, mit Misserfolgen umzugehen", denn "Ideen haben bei uns eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit", sagt der Physiker über die Arbeit in seinem Team. Wenn dann aber ein Experiment aufgeht, "dann ist das ein wirklich gutes Gefühl". Es klingt nach Understatement.

Zur fachlichen Weltklasse kommt bei Zeilinger die Gabe, komplizierte Physik in verständliche Kost zu transformieren: "Wenn Sie mich teleportieren, entsteht woanders aus neuer Materie ein neuer Anton Zeilinger, der völlig identisch ist mit dem Original. Gleichzeitig ist das Original nicht mehr Anton Zeilinger, sondern strukturlose Materie." Wird es irgendwann funktionieren, das Beamen von Menschen? "Na!", kommt eine knappe und klare Antwort.

Die "Star Trek"-Vision interessiert den Forscher auch nicht, er konzentriert sich auf andere Bereiche der Quantenphysik: Die Entwicklung von Computern, "die sehr viel schneller sind als alles, was es derzeit gibt" oder die Verschlüsselung von Telefongesprächen und Videobotschaften – Quantenkryptographie. "Wir haben eine Kooperation mit China, das 2016 einen Satelliten gestartet hat, der erstmals eine interkontinentale Verschlüsselung ermöglichen soll", erklärt Zeilinger. Der Erfolg wäre ein Meilenstein, denn "damit ist Sicherheit durch Naturgesetz und nicht die trickreiche Anwendung mathematischer Formeln gewährleistet".

Der Physiker und der See

Seine Heimatverbundenheit zeigt er auch am Oberösterreicher-Ball. (Johannes Zinner)

Private Verschwiegenheit

So auskunftsfreudig der Professor über seine Arbeit ist, so verschlossen gibt er sich, was das Privatleben anlangt: "Mein Prinzip ist ganz einfach: Darüber spreche ich nicht."

Gern redet Zeilinger dafür über seine Verbundenheit zu Oberösterreich: Zwar zog die Familie schon als er zwei Jahre jung war nach Niederösterreich und später nach Wien, wo der Vater Rektor an der Uni für Bodenkultur wurde und Zeilinger ins Gymnasium ging. "Aber seit ich mich erinnern kann, waren wir in meiner Kindheit jeden Sommer am Attersee".

Eine große Verwandtschaft väterlicherseits – Zeilingers Mutter war aus Schlesien geflohene Deutsche – prägte ihn: "Ich fühle mich als Oberösterreicher und Wiener". "Mostschädl" oder "Weana Bazi" will er aber nicht sein, "manche Leute sagen, ich bin ein Sturschädl". Stimmt’s? "Das müssen sie die Leute fragen."

Mindestens einmal im Monat kommt er ins Hoamatland, statt dem Atter- ist nun der Traunsee das Ziel. Dort hat Zeilinger ein Segelboot: "Beim Segeln kann ich am besten abschalten". In Traunkirchen ist er auch beruflich verankert: Seit 2009 betreibt er die "Internationale Akademie", die junge Naturwissenschafter fördert. Dass er irgendwann den Forscherhut an den Nagel hängt, glaubt der 71-Jährige nicht: "Ich kann mir vorstellen, Pensionist zu sein, aber ich bin mir sicher, da würde ich genauso noch Physik machen".

Der Physiker und der See

Leidenschaftlicher Erklärer, im Hintergrund eine Büste von Gottfried Wilhelm Leibniz, auf dessen Entwürfe die ÖAW zurückgeht. (Raimund Appel)

 

  • 1847 wurde die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) als Gelehrtengesellschaft gegründet. Mehr als 700 Mitglieder, 28 Forschungsinstitute und rund 1500 Mitarbeiter zählt sie heute. Anton Zeilinger wurde 2013 erstmals zum ÖAW-Präsidenten gewählt, heuer wurde er für weitere fünf Jahre bestätigt.
  • Sechs Österreicher erst hat die National Academy of Science, eine 1863 von Abraham Lincoln gegründete Ehrengesellschaft für Wissenschafter, aufgenommen. Zeilinger ist der bisher letzte, die Auszeichnung eine von zig Ehrungen, die er neben unzähligen wissenschaftlichen Auszeichnungen erhalten hat.
  • 1 Prozent Inspiration, 99 Prozent Schweiß: Das ist das von Zeilinger nach Albert Einstein adaptierte Motto seiner Forschungsarbeit.

Nachgefragt ...

Heimat ist für mich... Heimat

Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich... der Traunsee

Das gibt es nur in Wien... das Wiener Kaffeehaus, Großstadtleben, Opern und Konzerte

Mein Lieblingsplatz in Wien... eigentlich jedes Kaffeehaus

Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern... Es gibt gar nicht so viele, wie man glaubt:

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Anton-Zeilinger-Der-Physiker-und-der-See;art4,2518844
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