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"Geld verdienen und helfen, schließt sich nicht aus"

LINZ. Die Mühlviertlerin Agnes Aistleitner (24) produziert Textilien im Norden Jordaniens und beschäftigt 15 Frauen.

"Geld verdienen und helfen, schließt sich nicht aus"

Agnes Aistleitner Bild: Alexander Schwarzl

"Skills are everywhere" (Fähigkeiten gibt es überall) – das steht auf dem Anhänger der Stofftaschen, die Agnes Aistleitner seit knapp einem Jahr im Norden Jordaniens produziert. Genauer gesagt in Irbid, einer Stadt zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Denn die 24-Jährige aus Tragwein wollte Geld verdienen und helfen. "Das muss sich nicht ausschließen."

Der Höhepunkt der Flüchtlingskrise war vorbei, und die Stimmung schlug von Willkommenseuphorie in Frust um, als Aistleitner entschied, ein Geschäft in einem der Nachbarländer Syriens hochzuziehen. "Ich war überzeugt, dass den Flüchtlingen direkt im Land geholfen werden muss. Das kostet viel weniger und ist die bessere Hilfe."

Prix Ars Electronica gewonnen

Und wenn sich die unkonventionelle Mühlviertlerin, die eigentlich Jus in Wien studiert, etwas in den Kopf setzt, zieht sie es auch durch. So wie damals, als sie mit 18 Jahren nach Kairo flog, um sich "einen Überblick über den arabischen Frühling zu verschaffen". "Ich habe den Schuldirektor um eine freie Woche gebeten, habe Termine mit Journalisten und Studenten vereinbart und bin nach Ägypten geflogen." Herausgekommen ist ein Kurzfilm, der mit dem Prix Ars Electronica ausgezeichnet wurde.

Nach gründlicher Recherche vereinbarte Aistleitner zahlreiche Gesprächstermine und flog im Februar 2016 zum ersten Mal nach Amman. "Jordanien hat so viele Einwohner wie Österreich, da kennt praktisch jeder jeden." Zumindest wenn man so eine begnadete und hartnäckige Netzwerkerin ist wie Aistleitner. Sie bearbeitete auch den Gründer der mittlerweile insolventen US-Textilkette American Apparel, Dov Charney, solange, bis er einem Kurzpraktikum Aistleitners in Kalifornien zustimmte.

Textile Tradition

Über drei Ecken lernte die 24-Jährige ihre Geschäftspartnerin Ranim Mekbel (28) kennen. Schnell entstand der Plan, sich auf Frauen zu konzentrieren und – ob der langen Tradition in Syrien – Textilien zu fertigen. "Wir wollten zuerst Bettwäsche produzieren, aber das war logistisch zu kompliziert, und die Margen zu gering", sagt Aistleitner. Die Entscheidung fiel auf "textile Werbemittel", also Stofftaschen mit Aufdruck. Eingemietet ist die Firma "teenah" (arabisch für Feigenbaum) in der Halle eines Firmeninkubators, wo sie derzeit weder für Miete noch Strom bezahlen. Zu den ersten Kunden zählen die Schweizer Accor Hotel und die Arbeiterkammer Oberösterreich.

"Geld verdienen und helfen, schließt sich nicht aus"

15 Frauen sind bereits angestellt, syrische Flüchtlinge und Jordanierinnen. Die meisten sprechen kein Englisch. "Wir kommunizieren viel über Google Translator und nonverbal." Die Baumwolle stammt aus Pakistan. Dass ein paar Rollen im jordanischen Zoll hängen bleiben, ist nichts Ungewöhnliches.

"Wir mussten schon Orders stoppen, weil wir nicht produzieren konnten." Solche Unwägbarkeiten können die 24-Jährige aber nicht stoppen, deren Ziel es ist, "Serienunternehmerin" zu werden. "2018 wollen wir eine Million Euro Umsatz machen. Wir müssen jetzt schnell wachsen."

 

Idee: Am Höhepunkt der Flüchtlingskrise entschied Aistleitner, ein Geschäft in Jordanien hochzuziehen, um Frauen Arbeit zu geben.

 

Konzept: Aistleitner produziert gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Ranim Mekbel Stofftaschen in Jordanien. 

Finanzierung: Die erste Finanzierungsrunde mit Venture Capital Fonds steht bevor. Das Startkapital von rund 20.000 Euro stammte aus Erspartem und wurde von Freunden vorgestreckt.

 

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Artikel Susanne Dickstein 30. Dezember 2017 - 00:04 Uhr
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