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Vom Schlafen im Stadtturm bis zur Chill-out-Lounge am Landesgericht

LINZ. Daidalos 2014: Auf der Suche nach Oberösterreichs zukunftsweisenden Lebensorten. Drei von neun Nominierten werden bei der Gala am 25. November ausgezeichnet.

Vom Schlafen im Stadtturm bis zur Chill-out-Lounge am Landesgericht

Der beste Schutz alter Substanz ist intensive Nutzung: Herminenhof, Wels, ZT Architectos Bild: Walter Ebenhofer

Zum diesjährigen Daidalos-Preis wurden 89 Projekte eingereicht. Alle Projekte zusammengefasst betrachtet, war die Qualität sehr hoch. Die Auswahl war jedoch herausfordernder als vor zwei Jahren, weil die Kategorien so unterschiedlich gute Objekte beinhalteten.

Die ursprünglich gewählten Einreichungskategorien Wohn-, Bildungs- und Kommunalbau traten bei der genaueren Begutachtung dann weitgehend in den Hintergrund. Die guten Projekte hatten nämlich eines gemeinsam: Sie entzogen sich der Festlegung auf eine bestimmte Nutzung oder eine bestimmte Typologie.

Stattdessen stellen sie vielschichtige Bauwerke dar, in denen Lehren, Lernen, Wohnen, Spielen, Miteinander-Reden, Kultur, Essen, sprich das Leben zusammenkommt.

Weil der Daidalos-Architekturpreis auf der Suche nach genau solchen gesellschaftlich innovativen Projekten ist, hat sich die Jury entschlossen, aus den insgesamt neun nominierten Projekten die drei "zukunftsweisendsten Lebensorte" auszuzeichnen. Folgend stellen wir drei weitere nominierte Projekte vor. Die Preisträger werden erst bei der Daidalos-Gala am 25. November in der Tabakfabrik gelüftet.

Ein öffentliches Wohnzimmer

Die neuen Nutzungen sind ein Glück für die Stadt Wels und der beste Schutz für den alten Herminenhof. Jahrzehntelang nicht genutzt, sammeln sich heute im denkmalgeschützten Industriebau und auf mehr als 5600 Quadratmetern die Musikschule, die Bibliothek und das Archiv der Stadt. Von außen ist auf den ersten Blick wenig erkennbar. Dafür ist das Innere geschickt angeordnet und vorbildhaft saniert. Herausstechend ist die Bibliothek, die mit Holzsäulen und -decke und der offenen Konzeption fast wie ein Wohnzimmer wirkt. Stadtentwicklerisch wurde ein neuer Baustein an einer nur scheinbaren Randlage gesetzt.

Das gute Ergebnis ist dank hervorragender Zusammenarbeit von Stadt, Land, Architekten (ZT Architectos/ Thomas Zinterl) und Denkmalschutz entstanden. Auf Zubauten wurde eigentlich verzichtet. Zwei notwendige neue Veranstaltungssäle sind unaufgeregt im Boden versenkt bzw. im Innenhof eingesetzt.

Die vielschichtigen Nutzungen sind einerseits klar voneinander getrennt, funktionieren daher weitgehend autonom, andererseits ist die Erdgeschoßzone mit Foyer, Veranstaltungs- und Seminarräumen aber so etwas wie eine gemeinsame Schnittmenge. Diese kann jederzeit auch von Externen gemietet werden.

Schlafen im Mittelalter

Zweimal wurde der Stadtturm von Enns fast weggerissen. Beide Male haben sich die Bürger mit Erfolg dagegen gewehrt. Nun gibt es diesen seit 1568. Letztes Jahr wurde auf Initiative von Bürgern die Möglichkeit geschaffen, dort oben zu übernachten. Das einzigartige Zimmer erfreut sich nicht nur eines großartigen "Feelings", sondern auch reger Buchung.

In der ehemaligen Türmerwohnung wurde ein sogenanntes Pixelzimmer eingerichtet. Im Zuge der Europäischen Kulturhauptstadt entstanden 2009 insgesamt fünf solcher originellen Hotelzimmer in Linz.

Seitdem wird das Konzept verfolgt, in Enns ist’s wieder einmal gelungen. Im neu gestalteten "Pixelzimmer" wohnen Gäste nun auf 20 Meter Höhe mitten auf dem Hauptplatz. Gäste haben für eine Nacht aber den gesamten Turm für sich. Bauherr war der Verein und Stammtisch "Herren zu Ens". Dieser hat zum Ziel, die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt zu fördern.

Mit der alten Substanz wurde sehr sorgfältig umgegangen. Unter anderem wurde vom ortsansässigen Architekten Christoph Haas der originale Boden komplett restauriert und wieder eingesetzt.

In der Dusche blickt man durch Glas auf die alte Decke. Das Gefühl, im alten Turm mit zeitgenössischer Gestaltung zu nächtigen, ist einzigartig.

Chillen vor der Verhandlung

Jeder kennt die Unruhe vor der Verhandlung in einem Gerichtsgebäude. Im postmodernen 1980er-Bau des Landesgerichts in Steyr war das bisher tägliche Realität. Vor allem wurden aber mehrere Bezirksgerichte am Standort Steyr zusammengefasst. Also haben Hertl Architekten in den rigiden Bestand die nötige zusätzliche Fläche für Büros, Verhandlungssäle und eben den Wartebereich im Kellerniveau eingesetzt. Im Hof selbst ist ein vollkommen neuer Raum entstanden, nicht nur was Nutzfläche betrifft, sondern eben auch das Chillen. Fast sakral wirkt die Box, drei Lichthöfe mit Moos und Bäumchen erzeugen genau die richtige, beruhigende, schattige Stimmung.

Ringförmig um diese neue Wartehalle sind die neuen Verhandlungssäle und ein Seminarraum im Bestandsgebäude angeordnet. Dort waren bisher Lager- und Garagenflächen. Das Dach der Wartehalle ist begehbar und dient nun den Mitarbeitern einen Stock darüber als Aufenthaltsort. Im Kontrast zum eher dunklen Charakter der Halle sind die Verhandlungssäle weiß und "clean", also als Orte der Konzentration gestaltet.

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Artikel Lorenz Potocnik 31. Oktober 2014 - 00:04 Uhr
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