Nach mehr als einem Jahr äußerst zäher Verhandlungen ist es fix: Der österreichische börsenotierte Online-Sportwettenanbieter bwin und die britische PartyGaming schließen sich nun doch zusammen. Die beiden Unternehmen gründen eine neue Gesellschaft mit Sitz auf Gibraltar, die an der Londoner Stock Exchange - "wahrscheinlich" auch im Leitindex FTSE 100 - notierten wird. Nach dem Zusammenschluss wird bwin die Wiener Börse verlassen. Wieviele Arbeitsplätze in Österreich verloren gehen, ist noch unklar.
Kurssprung an der Wiener Börse
An der Börse sorgte der Merger offenbar für Überraschung, hatte es doch zuletzt so ausgesehen, als ob der eigentlich seit langem erwartete Deal doch noch platzen könnte. In Wien wurden die bwin-Aktien ab 12:15 Uhr kurzzeitig vom Handel ausgesetzt, schon vor der Ad-hoc-Meldung war der Kurs um 12 Prozent hochgesprungen. Nach der Handelswiederaufnahme gegen 13:45 Uhr schnellten die Papiere gegenüber dem Vortagesschluss sogar um bis zu 27 Prozent nach oben - am Ende des Handelstages stand ein Plus von 18 Prozent. Möglicherweise interessiert sich auch die heimische Finanzmarktaufsicht (FMA) für die großen Kursbewegungen der bwin-Aktie: "Wir sehen uns alle Auffälligkeiten an", hieß es bei der Behörde auf APA-Anfrage. Die in London notierte PartyGaming-Aktie wurde nicht ausgesetzt, hat aber heute bisher um rund 21 Prozent zugelegt.
Das neue Unternehmen, eine Gesellschaft nach Europäischem Recht (SE) mit noch unbekanntem Namen, wird laut Eigenangaben der weltweit größte - börsenotierte - Anbieter von Online-Spielen. Als noch größer werde etwa Pokerstar geschätzt, der zusätzlich über ein Echtgeld-Glücksspielangebot für US-Kunden verfüge, sagte bwin-Investor-Relations-Boss Konrad Sveceny. bwin und PartyGaming kommen gemeinsam auf einen Netto-Spieletrag von 682 Mio. Euro und ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 196 Mio. Euro, teilte PartyGaming heute mit. Die jährlichen Synergien wurden mit rund 55 Mio. Euro beziffert, davon davon etwa 42 Mio. Euro aus Kosteneinsparungen und 13 Mio. Euro aus Cross-Selling-Umsätzen.
51,6 Prozent für bwin
bwin wird an der neuen Gesellschaft 51,6 Prozent halten und PartyGaming 48,4 Prozent. Ein Pflichtangebot nach österreichischem Übernahmegesetz muss laut Sveceny nicht gestellt werden, da es sich um eine Verschmelzung handle. Die Kernaktionäre beider Gesellschaften haben sich bereits verpflichtet, in den jeweiligen außerordentlichen Hauptversammlungen, die für das erste Quartal 2011 geplant sind, zuzustimmen. Bei bwin sind das die New Media and Gaming Holding, der bwin-Aufsichtsrat Hannes Androsch sowie dessen Androsch Privatstiftung, die gemeinsam über 14,4 Prozent des Kapitals verfügen. Bei PartyGaming müssen 28 Prozent der Aktionäre dem Merger zustimmen, nämlich die Emerald Bay, die Stinson Ridge, PartyGaming-CEO Jim Ryan sowie der Finanzchef Martin Weigold.
12,23 "New-PartyGaming"-Aktien für eine bwin-Aktie
bwin-Eigentümr sollen für eine Aktie 12,23 "New-PartyGaming"-Papiere bekommen. Eine Barabfindung wäre laut Sveceny maximal für 25 Prozent der Aktionäre möglich, da dem Deal mindestens 75 Prozent der jeweiligen Eigentümer zustimmen müssen.
Chefs der neuen Firma werden der bwin-Co-CEO Norbert Teufelberger sowie PartyGaming-Boss Ryan. Der zweite bwin-Vorstandschef Manfred Bodner wechselt in den Verwaltungsrat. Als Chairman (Chef des Kontrollgremiums) soll jemand von außerhalb berufen werden.
Die beiden Marken PartyGaming und bwin bleiben erhalten und sollen entsprechend regional positioniert werden. Zuerst will sich das Unternehmen auf die Integration konzentrieren, dann auf die "europäische Konsolidierung und die Öffnung der nationalen Märkte", etwa in Frankreich oder in Dänemark, sagte Bodner der APA. Sveceny: "Akquisitionen sind durchaus möglich. Wir schauen uns die verbleibenden Mitbewerber an." Auch in den Bereich Social Media will die neue Gesellschaft mit Übernahmen vordringen. In den USA, wo bwin bis vor kurzem auf Partnersuche war, sieht sich Bodner "in der gemeinsamen Firma mit PartyGaming sehr gut positioniert".
Analysten reagieren positiv
Der Zusammenschluss der beiden Unternehmen war schon lange erwartet worden, befindet sich doch die Online-Glücksspielbranche seit längerem in einer Konsolidierungsphase. bwin und PartyGaming ergänzen sich perfekt, sind sich Experten einig. Die Österreicher sind im Sportwetten-Bereich stark, die Briten im Poker- und Casino-Segment. Analysten bewerteten den Merger als positiv, wenngleich etwa Alfred Reisenberger von CA Cheuvreux Österreich zu bedenken gab, "dass der Zusammenschluss auch was kostet und nicht nur was bringt", wie er der APA sagte.
Für die Wiener Börse wurde der Deal hingegen als ein schwarzer Tag gesehen. "Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Wiener Börse austrocknet", konstatierte Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger. Börsenvorstand Heinrich Schaller jedenfalls bedauert den Abgang, will aber mit dem Unternehmen noch über ein Zweitlisting in Wien sprechen.
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