KREMSMÜNSTER. Ist die Ökonomie eine Wissenschaft ohne Werte? Diese Frage stellte der renommierte Wiener Wirtschaftsprofessor Erich W. Streissler zu Beginn seines Referats anlässlich der Oekumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster.
„Selbstverständlich ist sie das“, sagte Streissler. Ökonomen seien in der Wirtschaftspolitik nicht zur Wertsetzung berechtigt. Nur gewählte Politiker dürften das, im Auftrag des Volkes.
Was folgte, war Kritik an der politischen Klasse – in durchaus amüsanter Art und Weise. Die Auffassungsfähigkeit von Politikern habe über die Jahre stetig abgenommen, sagte Streissler: „Das ist eine Sachaussage, keine Wertung.“ Er konkretisierte seine Ansichten anhand der Umwelt- und Klimapolitik. Politiker würden in Wochen denken, da habe die Umweltpolitik, die ganz langfristig zu sehen sei, eine geringe Dringlichkeit.
In Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise verschwinde die Umweltpolitik völlig von der Bildfläche der Politiker und der Öffentlichkeit. „Man stützt sogar den Kauf benzinfressender Autos und verschärft damit die Umweltbelastung“, sagte Streissler und spielte auf die Verschrottungsprämie an.
Große Budgetdefizite würden in Kauf genommen, um kurzfristige Effekte zu schaffen. Alle verließen sich auf die Hilfe des Staates, darunter leide die Selbstinitiative. „Die Defizite ruinieren langfristig die Wirtschaft, weil sie Schulden, Zinsen und Abhängigkeit von Gläubigern erhöhen“, sagte Streissler.
Schlecht im langfristigen Denken sind dem emeritierten Universitätsprofessor zufolge nicht nur die Politiker weltweit, sondern auch seine Berufskollegen aus den USA. Amerikanische Ökonomen würden den Klimawandel fahrlässigerweise verharmlosen.
Die Folgen des Klimawandels seien massiv, vor allem weil die Nahrungsmittelerzeugung weniger produktiv werde. „Das wichtigste wirtschaftliche Ziel ist die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung für kommende Generationen“, sagte Streissler. Dazu brauche es eine Fülle von Umweltsanierungsmaßnahmen. Es dominiere aber die Mentalität: „Wenn Bangladesh versinkt, ist das schlimm. Maßnahmen dagegen sollen aber nicht uns treffen.“
Kritik am Budgetplan
In der Umweltpolitik seien die Ökonomen ausnahmsweise zur Wertsetzung gezwungen. Auch auf die großen Wirtschaftstreibenden könne man sich in diesem Bereich nicht verlassen, gab es auch Kritik an der Wirtschaft. Darum sei jeder Einzelne gefordert, sich zu organisieren. Österreichs Politiker denken laut Streissler am kurzfristigsten. Er kritisierte die Verschiebung der Budgeterstellung, „nur um sozialistische Mehrheiten bei Landtagswahlen zu verteidigen.“
Die Oekumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster dauert bis Freitag und ist allgemein zugänglich. Sie wird vom ORF Oberösterreich, dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, dem Evangelischen Bildungswerk OÖ, der Linzer Kirchenzeitung, dem Stift Kremsmünster und dem Land OÖ veranstaltet. Am Freitag lesen Sie in den OÖNachrichten einen Bericht über den Vortrag des Linzer Universitätsprofessors Teodoro Cocca.
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