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Wiener-Börse-Chef: "Bildung ist der beste Anlegerschutz"

WIEN. Christoph Boschan führt seit zwei Monaten die Wiener Börse. Der Manager fordert Steuererleichterungen für Geringverdiener.

Wiener-Börse-Chef: "Bildung ist der beste Anlegerschutz"

"Die Österreicher sind sehr selbstkritisch", sagt der aus Deutschland stammende Vorstandsvorsitzende. Bild: Wiener Börse

Christoph Boschan ist seit Anfang September Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse. Wie der österreichische Kapitalmarkt an Schwung gewinnen soll und wie er seine eigenen Ersparnisse anlegt, sagt der deutsche Manager im OÖNachrichten-Interview.

 

OÖNachrichten: Obwohl es auf dem Sparbuch keine Erträge gibt, kaufen immer noch weniger als fünf Prozent der Österreicher Aktien. Wie wollen Sie das ändern?

Boschan: Es ist notwendig, die Attraktivität der Aktienanlage sichtbar zu machen. Trotz aller Krisen, die es gab und gibt, hat der Wiener Leitindex ATX seit 1991 im Schnitt mehr als sechs Prozent pro Jahr gewonnen. Das schafft keine andere Veranlagungsform. Das Problem ist, dass breite Bevölkerungskreise nicht von den Überrenditen profitieren, weil es an Finanzwissen fehlt.

Was konkret haben Sie vor?

Bildung ist der beste Anlegerschutz und überhaupt der Schlüssel. Darum machen wir mehr als 500 Schulungen pro Jahr. Es geht darum, den Blick zu weiten. Österreichs börsennotierte Unternehmen haben heuer zwei Milliarden Euro an Dividenden ausgeschüttet – aber nur an die wenigen, die Aktien halten. Das sind vor allem die vermögenden und gebildeten Schichten.

Anleger meiden Risiko, besonders seit der Finanzkrise. Wenn man nicht 1991, sondern 2007 eingestiegen ist, ging es bergab – beim ATX von 5000 auf 2500 Punkte.

Da haben Sie aber zwei Extrempunkte herausgegriffen. 2007 war knapp vor dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers. Natürlich gibt es Übertreibungsphasen, die nicht gesund sind. Anleger sollen ihr Geld auch nicht nur in Aktien investieren. Es braucht eine breite Streuung. Sicher ist nur eines: Dass das Geld auf dem Sparbuch abnimmt, weil die Staatsschulden derzeit auf dem Rücken der Bürger weg inflationiert werden.

Wie wollen Sie das Klima für Aktien in Österreich verbessern?

Erstens indem wir die Bedeutung des Kapitalmarkts darstellen. Für jeden Euro, der in ein börsennotiertes Unternehmen investiert wird, fließen dank Beschäftigungs- oder Zuliefereffekte 2,5 Euro zurück. Zweitens braucht es ein gemeinsames Programm mit Börse, Wirtschaft und Politik. Ich bin als Börsevorstand mehr oder weniger nur der Chef eines Infrastrukturunternehmens, der dafür garantiert, dass die Abläufe funktionieren – vergleichbar mit einem Bahnvorstand.

Die Politik hat die Bedingungen eher verschlechtert. Die 2012 eingeführte Wertpapier-KESt wurde heuer von 25 auf 27,5 Prozent erhöht.

Ich schlage vor, die Wertpapier-Kapitalertragsteuer für niedrige Einkommensschichten zu streichen, damit diese stärker an der Entwicklung der Unternehmen teilhaben können. Die Leute ärgern sich zurecht über Doppelbesteuerung, die hier erfolgt. Es braucht bessere Rahmenbedingungen. Österreich fördert Firmengründungen, aber was kommt danach? Idealerweise sollten die Firmen letztlich an die Börse gehen.

Die Wiener Börse erlebte dank der Osteuropa-Fantasie bis zur Finanzkrise einen Aufschwung. Heute betragen die Handelsumsätze nur ein Drittel von 2007. Statt Börsengänge gibt es Delistings, bei Anleihenemissionen tut sich trotz niedriger Zinsen wenig. Wie wollen Sie Dynamik entfachen?

Wir sind auf einem guten Weg. Seit 2013 sind die Umsätze um 43 Prozent gewachsen. Die Österreicher sind sehr selbstkritisch. Was Börsengänge und Delistings betrifft, fügt sich Österreich ins europäische Umfeld ein. 30 Unternehmen haben heuer schon Anleihen um drei Milliarden Euro gelistet. Was wir als Börse tun können und werden, ist, mit Dienstleistungen zu punkten und Unternehmen zu erklären, wie einfach der Weg an der Börse ist.

Welches Ziel verfolgen Sie?

Die Wiener Börse muss europäischer Durchschnitt werden, was die Marktkapitalisierung betrifft. Diese beträgt in Österreich 25 Prozent der Wirtschaftsleistung. Europaweit sind es 50 bis 60 Prozent. Die Lücke wollen wir schließen. Ich allein kann das nicht erreichen, wünsche mir aber dieses gemeinsame Ziel.

Wie legen Sie persönlich Geld an?

Langfristig, breit gestreut und in Anlageformen, die ich verstehe.

 

Zur Person

Christoph Boschan wurde 1978 in Berlin geboren und ist studierter Jurist. Er begann 1999 seine berufliche Laufbahn in Deutschland als Börsenhändler bei der Tradegate AG. Es folgten Engagements an der Börse Berlin und der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse. 2012 wechselte Boschan in den Vorstand der Börse Stuttgart, die er von 2014 bis 2016 als Geschäftsführer leitete. Seit 1. September 2016 ist der verheiratete Vater eines Sohnes Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse.

 

Halbzeit beim Börsespiel: Die Spannung steigt

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Artikel Alexander Zens 29. Oktober 2016 - 00:05 Uhr
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