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Russlands Dinosaurier Gazprom gerät ins Wanken

Öl- und Gasgeschäft: Der Börsenwert des Staatsbetriebs ist abgestürzt, aber das ist nur eine der vielen Gazprom-Baustellen.

Russlands Dinosaurier Gazprom gerät ins Wanken

Alexei Miller, ein Vertrauter Putins aus Petersburger Zeiten, kommandiert die Gazprom Bild: Reuters

Der Börsenwert des russischen Staatskonzerns Gazprom ist abgestürzt, auf dem Markt agiert er träge und ineffektiv. Dabei hat ihn die Wirtschaftskrise noch gar nicht richtig getroffen. Gazprom macht die üblichen Schlagzeilen.

Vergangene Woche hat der russische Staatskonzern dem ukrainischen Energieunternehmen Naftogas 2,6 Milliarden Dollar für nicht abgenommenes Gas in Rechnung gestellt, die Gesamtforderungen von Gazprom gegenüber der Ukraine belaufen sich inzwischen auf 29,2 Milliarden Dollar. Und wie Bloomberg kürzlich meldete, soll Saipem, eine Tochter des italienischen Staatskonzerns Eni, für 9,9 Milliarden Euro die neue Northstream-Rohrleitung durch die Ostsee bauen, die Gazprom plant. Beim diesjährigen Giro d’Italia aber erhält der neue Radrennstall Gazprom-Rusvelo eine Wild Card.

Zahlen des Niedergangs

Gazprom scheint weiter zu dominieren, ob als Investor, Gläubiger oder Sponsor. Aber hinter den Schlagzeilen verbergen sich Zahlen, die eher Niedergang spiegeln. Wie die Wirtschaftszeitung Wedomosti berichtet, machte Russlands größter Betrieb im dritten Quartal 2015 umgerechnet etwa 24 Millionen Euro Verlust. Der Preis für das Exportgas des Konzerns sank in den ersten neun Monaten von 352,7 auf 252,1 Dollar für 1000 Kubikmeter. Und die Fachwelt rechnet mit einem weiteren Absturz des Gaspreises, der dem Ölpreis in der Regel mit einer Verspätung von sechs bis neun Monaten folgt.

Angesichts der Rohstoffpreisflaute, aber auch der westlichen Finanz- und Technologiesanktionen ist der Börsenwert von Gazprom auf 36 Milliarden Dollar gefallen, im Mai 2008 waren es noch 367 Milliarden Dollar.

Chefsache Gazprom

Gazprom gilt in Russland als Chefsache. Der Konzern wird von Alexei Miller, einem Vertrauten Putins aus Petersburger Zeiten, kommandiert. Und der Kreml nutzt Gazprom seit 15 Jahren als Hauptvehikel zur Durchsetzung des strategischen Ziels, das Putin gern mit den Worten umschreibt: "Europas Energiesicherheit garantieren". Oder anders formuliert: Europa von russischen Energielieferungen abhängig machen.

Gazprom hat 430.000 Angestellte, sein 160.000 Kilometer langes Röhrennetz wickelt sich viermal um die Erde. Der Gigant kontrolliert 17 Prozent der globalen Gasreserven, besitzt außer Förder- und Transportfirmen einen eigenen Ölkonzern, Röhrenfabriken, Tankstellenketten, Banken, Fernsehsender, Zeitungen und den Fußballklub Zenit Sankt Petersburg. Das Flaggschiff der russischen Wirtschaft.

Man könnte auch Dinosaurier sagen. Auf dem Markt bewegt sich Gazprom träge und wenig effektiv. Der Monopolist versucht seit Jahrzehnten seine Kunden mit Vertragsklauseln nach dem Prinzip "Nimm oder bezahl" zum Kaufen zu zwingen. Auch 26 Milliarden der 29-Milliarden-Dollar-Forderungen gegenüber der Ukraine beruhen auf diesem Prinzip. Die Ukraine hat dagegen vor einem Schiedsgericht geklagt und könnte – wie zuvor Tschechien – Recht bekommen. Auch die Strategie, Pipelines zu bauen, um Kunden an sich zu binden, klemmt. Gegen die neue Northstream-Rohrleitung laufen Polen und andere osteuropäische Staaten Sturm, sie befürchten zu viel Abhängigkeit von Gazprom. Zuvor scheiterte schon der russische Plan einer "Southstream"-Pipeline durchs Mittelmeer an Monopolbedenken der Europäer.

Das Alternativprojekt einer russisch-türkischen Rohrleitung erledigte sich mit dem Abschuss des russischen Kampfbombers durch einen türkischen Düsenjäger im November. Auch die von Putin 2014 ausgerufene "Wende nach Osten" droht zum Reinfall zu werden. Ab 2019 will Gazprom durch die im Bau befindliche Pipeline "Sibiriens Stärke" Gas nach China liefern. Aber die Preisvereinbarungen darüber wurden nie veröffentlicht. Und Experten sagen ein Verlustgeschäft für die Russen voraus. Der Ölpreis, zurzeit unter 30 Dollar, müsse bei 80 Dollar liegen, damit der Gasexport nach China kein Verlustgeschäft werde.

Ende der Öl- und Gas-Ära?

Schon prophezeien russische Skeptiker das Ende der Öl- und Gas-Ära. "Die Steinzeit ist auch zu Ende gegangen, obwohl noch Steine da waren", verkündete Ex-Wirtschaftsminister German Gref kürzlich. Dabei trifft die Ölkrise Gazprom noch gar nicht voll. "Bei Preisen über 27 Dollar gehen die Gewinne der Exportfirmen zum Großteil als Steuer an den Staat. Deshalb halten sich die Verluste bei Gazprom in Grenzen", sagt der Moskauer Rohstoffexperte Leonid Grigorjew.

"Sicher gibt es bei Gazprom viel zu rationalisieren", bestätigt auch der Energieexperte Oleg Anaschkin. "Vielleicht reichen ja 100.000 Gazprom-Mitarbeiter. Aber wohin dann mit ihren 300.000 arbeitslosen Kollegen?"

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Artikel Stefan Scholl 25. Januar 2016 - 00:05 Uhr
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