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Es braucht mehr Transparenz bei der Leistung

Verhaltensökonom Ernst Fehr über faire Gehälter und gerechte Steuern.

Es braucht mehr Transparenz bei der Leistung

Ernst Fehr: "Bei hohen Leistungen können hohe Gehälter gerechtfertigt sein. Man muss aber Leistung klarer messen." Bild: Weihbold

OÖNachrichten: In der Öffentlichkeit spielt die Frage, wie gerecht hohe Managergehälter sind, eine große Rolle. Sind sie gerechtfertigt?

Ernst Fehr: Wenn man aber nicht recht weiß, was entlohnt wird und die Performance unklar bleibt, dann meldet sich das Gerechtigkeitsempfinden. Die Menschen sind nicht dafür, dass man alle gleich entlohnt. Wer mehr leistet, mehr Energie, Zeit und Geld einsetzt, soll auch Erträge dafür haben. Bei der Entlohnung des Managements hat die Öffentlichkeit oft das Gefühl, dass das Leistungsprinzip nicht immer eingehalten wird. Ich habe ein neues Vergütungssystem entworfen, mit der Kernidee, dass man die Leistung der Topmanager besser misst. Bei hohen Leistungen können hohe Gehälter gerechtfertigt sein. Mein Vorschlag ist, die Leistung klarer zu messen und zu kommunizieren und damit Leistungsentlohnung besser zu legitimieren.

Damit würde der Aufschrei, den es bei exorbitant hohen Gehältern immer gibt, aufhören?

Er würde vielleicht nicht beseitigt, aber wahrscheinlich abgeschwächt werden. Heute wird immer nur von Bezahlungstransparenz geredet. Das kann sogar schädlich sein, weil es Aufwärtsspiralen gibt nach dem Motto "Wenn der so viel kriegt, will ich das auch". Es sollte so etwas geben wie Leistungstransparenz. Das ist das Schlüsselwort.

Ist es fair, dass es auch bei schlechter Leistung oft Boni oder Abfertigungen gibt?

Das ist nachgewiesen worden, dass in schlecht geführten Firmen die Leistungsentlohnung nicht funktioniert. Es gibt auch gut gemanagte Unternehmen. Es wäre falsch, die gesamte Wirtschaft über einen Kamm zu scheren. Manche Manager bringen hervorragende Leistung, die sollte man hoch entlohnen.

Es ist viel die Rede von fairem Handel und davon, die Globalisierung fairer zu machen. Sind solche Forderungen sinnvoll?

Da ist ein wahrer Kern dahinter, aber es wird auch von manchen Kreisen genützt, um Stimmung gegen Handelsabkommen zu machen. Dass die Liberalisierung des Welthandels riesige Wohlstandsgewinne erzeugt hat, steht völlig außer Frage. Die Frage ist nur, wer hat davon profitiert. Die Verteilung dieser Wohlstandsgewinne ist in manchen Fällen extrem ungleich gewesen. Am besten sieht man das in den USA, wo ganze Industrien von heute auf morgen nicht mehr konkurrenzfähig waren und die Menschen arbeitslos geworden sind. Es gibt also gesellschaftliche Folgekosten. Die Rechnung haben die Amerikaner präsentiert bekommen, indem sie heute einen Präsidenten haben, den 60 Prozent der Bevölkerung mittlerweile unmöglich finden.

Was sollte man tun?

Es gebietet die Vernunft, dass ein Wohlfahrtsstaat hier abfedert. Der ist nicht nur Luxus, sondern sichert die Menschen ab und macht sie empfänglicher für Liberalisierungen und technologischen Wandel. Es ist nicht nur ein moralisches Gebot – da kommt wieder die Bedeutung des Gerechtigkeitsempfindens ins Spiel – die Menschen müssen auch wahrnehmen, dass man sich um sie kümmert, wenn durch internationalen Handel solche Nachteile entstehen.

Wie ist es mit Gerechtigkeit im Steuersystem?

Thatcher wollte in Großbritannien einst eine Kopfsteuer einführen, wonach der Milliardär den gleichen Geldbetrag wie der kleine Einkommensempfänger zahlen sollte. Das haben die Menschen als extrem unfair empfunden. Fairnessüberlegungen spielen bei Steuern eine Riesenrolle.

Eine vernünftige Rolle?

Nicht nur. Es gibt die Selbstgerechtigkeit von Leuten, die alles als unfair empfinden, was negativ für sie ist. Die Pensionsdebatte ist auch eine Fairnessdebatte zwischen den Generationen. Keine politische Partei traut sich zu sagen, was notwendig ist, nämlich das Hinaufsetzen des Pensionsalters. Das ist ein Beispiel, wo Fairness eine dysfunktionale Rolle spielen und notwendige Reformen verhindern kann. Wenn keiner bereit ist, auf irgendetwas zu verzichten, kommen wir nicht weiter. Es gibt Politiker, die das noch schüren.

 

Zur Person

Ernst Fehr (61) ist seit 1994 Professor für Mikroökonomik und Experimentelle Ökonomie an der Universität Zürich. Der gebürtige Vorarlberger zählt zu den weltweit führenden Verhaltensökonomen und gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis. Vergangenen Dienstag wurde Fehr von der Universität Wien für seine Arbeit mit der Oskar-Morgenstern-Medaille ausgezeichnet.

 

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Artikel Monika Graf 09. September 2017 - 00:04 Uhr
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