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„Die Firmen müssen endlich aufhören, sich auf den Konsumenten einzustellen“

LINZ. Am 15. Oktober werden beim Marketing Forum in Linz „neue Marketingwege“ gesucht. Vortragende und Konsumpsychologien Simonetta Carbonaro hat vorab mit den OÖNachrichten über Werbung gesprochen.

Simonetta Carbonaro

Simonetta Carbonaro Bild: privat

OÖN: Haben Sie einen „Bitte keine Werbung“-Aufkleber auf Ihrem Briefkasten?

Carbonaro: Nein, aber in meinem Kopf habe ich schon die Bitte, mich doch erst zu fragen, bevor man mir Werbung schickt. Nicht, weil ich sie grundsätzlich verteufle, sondern weil ich das meiste sofort wegwerfe.

OÖN: Welche Werbung hat Sie zuletzt emotional angesprochen und warum?

Carbonaro: Ich war vor kurzem im Kino mit Freundinnen. Nach dem Film waren wir uns einig: Der Film war schlecht, aber die Hornbach-Werbung vor dem Film hat uns total gefallen!

OÖN: Warum?

Carbonaro: Weil es eine nette und geheimnisvolle Geschichte war mit einer Prise Witz und Surrealität. Und die Zuseher sind aufgefordert, für ein Gewinnspiel selbst zum Drehbuchautor zu werden.

OÖN: Was macht also eine Werbung zur guten Werbung?

Carbonaro: Die Werbung muss aufhören mit leeren Floskeln über Lifestyle und Lippenbekenntnisse zum Thema Nachhaltigkeit. Sie sollte ehrlich sein mit Witz und, ja, sogar Poesie. Sie muss etwas zu sagen haben. Die meisten aktuellen Werbungen hingegen sind sinnlos.

OÖN: Geben Sie uns doch ein Beispiel: Wie würde eine perfekte Werbung über „Simonetta Carbonaro“ aussehen?

Carbonaro: Ich würde eine Freundin von mir mit jemand anderem über mich reden lassen. Das ist wie Mundpropaganda, die bekanntlich die wirkvollste Werbemethode ist. Also bitte: Sprechen Sie über mich!

OÖN: Wie würden Sie den Konsumenten von heute beschreiben?

Carbonaro: Der Konsument ist anspruchsvoller, informierter und kritischer geworden. Er hat verstanden, dass er die Macht hat, etwas zu verändern, wenn er sich mit anderen zusammenschließt. Das ist mit dem Internet sehr einfach geworden. Der Konsument sieht seinen Einkauf nicht mehr als Wunsch an, sondern als sein Recht. Dahinter steckt aber nichts Ideologisches, es ist pragmatisch.

OÖN: Wie können sich Firmen auf die Konsumenten am besten einstellen?

Carbonaro: Die Firmen sollen endlich aufhören, sich auf Konsumenten einzustellen. Sie sollten sich auf sich selbst fokussieren und ihr Dasein hinterfragen: „Was wäre die Welt ohne mich?“. Kundenorientierung sollte nicht bedeuten, sich am Kunden zu orientieren, sondern dem Kunden Orientierung zu geben. Und das geht nur, wenn man als Firma weiß, wer man ist und wo seine Kernkompetenzen liegen.

OÖN: Sie haben das Schlagwort „Zuvielisation“ geprägt: Was bedeutet das?

Carbonaro: Es ist ein Spielwort, das ich entwickelt habe und bedeutet „Zivilisation des Überdrusses“. Es gibt tausende Produktinnovation, die wir gar nicht verdauen können und die gar keine echten Innovationen sind, sondern nur eine neue Vermarktung von alten Dingen. Das führt dazu, dass alle nur noch nach dem billigsten Produkt suchen, was wiederum die Firmen in Bedrängnis bringt. Es ist ein Teufelskreis.

OÖN: Viele Menschen suchen in der Werbung nach Ehrlichkeit und Authentizität. Wie hat das die Werbebranche umgesetzt?

Carbonaro: Mit der Authentizität muss man wirklich aufpassen. Die Werbebranche hat das als Trend verstanden. Dabei geht es um eine tiefe Sehnsucht der Menschen nach Einzigartigem und Realem. Die Werbung hingegen lebt Scheinwelten vor. Das ist als würde ich sagen: Ich heiße Simonetta und ich bin authentisch. Dass das unglaubwürdig ist, hat die Branche einfach noch nicht begriffen.

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Artikel Von Elisabeth Eidenberger 09. Oktober 2010 - 00:04 Uhr
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