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Börse-Chef: "Arbeitnehmer nicht doppelt besteuern"

LINZ/WIEN. Christoph Boschan leitet seit einem Jahr die Wiener Börse – Er fordert mehr Finanzbildung und Steuer-Erleichterungen.

Börse-Chef: "Arbeitnehmer nicht doppelt besteuern"

Nur Besserverdiener verdienen mit Aktien viel Geld, kritisiert Boschan. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Christoph Boschan (39) ist seit einem Jahr Vorstandschef der Wiener Börse. Im OÖNachrichten-Interview spricht der deutsche Manager über Bildungsdefizite, politische Versäumnisse und wie er den Kapitalmarkt und die Börse in Österreich in Schwung bringen will.

 

OÖNachrichten: Am 5. Oktober startet das heurige OÖN-Börsespiel, bei dem die Wiener Börse Partner ist. Wie ist es um das Interesse und Wissen der Österreicher an der Finanzwelt bestellt?

Boschan: Bei Initiativen wie dem Börsespiel spürt man die Wucht des Interesses der Leute, von Schülern und von Lehrern. Die Frage ist aber: Kommt das Thema auch in den Bildungsplänen vor? Leider zu wenig. Wir fordern, dass es ein verpflichtender Bestandteil in allen Lehrplänen wird.

Die Skepsis der Österreicher gegenüber dem Kapitalmarkt ist aber groß. Viele haben schlechte Erfahrungen gemacht.

Man sollte aus dem ideologischen Schützengraben heraussteigen. Einerseits sollte man sich dem Thema aus der Sicht des Anlegerschutzes nähern. Die Aufarbeitung der Finanzkrise hätte man besser nicht mit der x-ten Überregulierung der Banken gemacht, sondern mit der breiten Verankerung von Finanzbildung. Andererseits geht es um die Wahrnehmung von Chancen.

Also höhere Renditen?

Fast sieben Prozent betrug die Durchschnittsrendite des Wiener Leitindex ATX in den vergangenen 26 Jahren – trotz aller Krisen. Das schlägt jede andere Veranlagungsform. Diese Über-Renditen wären allen Personen zugänglich. Tatsächlich profitieren aber nur jene zwei Prozent der Bevölkerung, die die höchsten Einkommen haben. Man muss Privatanlegern mit geringeren Einkommen Bewegungs-spielraum verschaffen.

Wie soll das funktionieren?

Man darf Arbeitnehmer nicht doppelt besteuern. Sie gehen arbeiten, zahlen Lohnsteuer und müssen dann bei der Altersvorsorge noch Kapitalertragsteuer (KESt) bezahlen. Darum verlangen wir, dass die KESt bis zu einem jährlichen Brutto-Einkommen von 60.000 Euro pro Haushalt gestrichen wird.

Das klingt wie ein Auftrag an die künftige Bundesregierung. Was wünschen Sie sich noch?

Es braucht politische Aufmerksamkeit. Eine totale Negation des Kapitalmarkts ist einer Volkswirtschaft nicht zuträglich. Länder mit entwickelten Kapitalmärkten wachsen nachhaltiger und erholen sich schneller von Krisen. Was die Regulierung von Unternehmen betrifft, sollte es keine Über-Erfüllung von internationalen Verpflichtungen mehr geben.

Wie stehen Sie zu einer möglichen Finanztransaktionssteuer?

Das ist mittlerweile eine akademische Frage, weil sie von der Mehrheit der Staaten abgelehnt wird. Jene, die so eine Abgabe schon eingeführt haben, sind auf dem Weg, sie wieder abzuschaffen. Angesichts des Brexit könnte Kontinentaleuropa den Briten kein größeres Geschenk machen, als eine Finanztransaktionssteuer einzuführen.

Seit 2012 ist die Zahl der an der Wiener Börse notierten Unternehmen von 103 auf 85 gesunken. Wie wollen Sie hier die Trendwende schaffen?

Erstens ist das ein internationales Phänomen, das auf Übernahmen und Fusionen zurückzuführen ist. An der Deutschen Börse gab es seit 2012 sogar 295 Abgänge, also auch prozentual mehr. An der US-Technologiebörse sind halb so viele Firmen gelistet wie vor 20 Jahren. Die Börsen-Abgänge in Österreich sind unterproportional. Aber sie erfolgen natürlich von einem niedrigen Niveau. Damit muss man sich beschäftigen. Ein Grund dafür sind etwa die derzeit billigen Kredite. Unternehmen müssen aber grundsätzlich auch Geld brauchen und Börse-Transparenz wollen. Wir können sie nicht zum Börsengang zwingen, versuchen aber, die vielen Vorteile zu erklären.

Sie sind nun ein Jahr Börse-Chef. Welche Maßnahmen setzen Sie?

Wir haben viele Initiativen gesetzt. So ist etwa der Kurszettel bei Anleihen schon deutlich länger geworden, beispielsweise um Campari und den AC Milan. Das liegt am Zinsumfeld, aber auch daran, dass wir klarmachen, dass wir als Dienstleister die schnellsten und günstigsten sind. Auch haben wir das Handelsangebot für Privatanleger mit der Gründung eines neuen Marktsegments um internationale Aktien erweitert. Die Umsatzentwicklung ist entsprechend gut. Im ersten Halbjahr stieg der Aktienumsatz um 22 Prozent auf 36 Milliarden Euro. 2017 wird definitiv ein Rekordjahr für die Wiener Börse. Noch nie wurden mehr Einzelaufträge ausgeführt als heuer.

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Artikel Dietmar Mascher und Alexander Zens 14. September 2017 - 00:04 Uhr
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