Ist ein Zeitungsbote Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird oft Sprachkosmetik betrieben – und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben? Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China, wo in den vergangenen Jahren Millionen anspruchsvoller Jobs entstanden sind, obwohl nur wenige Chinesen Erfahrung darin haben, Fabriken zu managen, Forschungsprojekte zu koordinieren.
Deshalb ist es durchaus üblich, bei Bewerbungen nicht nur zu beschönigen, sondern sich Teile seiner Biographie frei zu erfinden. Wer damit durchkommt, kann hinterher an seinen Aufgaben wachsen, und wer auffliegt guten Gewissens sagen, alle anderen machten es doch genauso. Doch was bisher als Volkssport galt, wird vielen Chinesen unheimlich, nachdem die Flugaufsichtsbehörde CAAC eingestehen musste, dass sich auch in ihren Reihen viele Schummler befinden.
Betrug leicht gefallen
200 Piloten sollen in den vergangenen Jahren auf der Basis von falschen Angaben zur Flugerfahrung eingestellt worden sein, berichteten gestern chinesische Medien. Mehr als die Hälfte der Flugkapitäne arbeiteten für die Fluglinie Shenzhen Airlines, die in der Kritik steht, nachdem Ende August eine ihrer Maschinen im nordchinesischen Yichun über die Landebahn hinausschoss. 42 Menschen starben, 54 wurden verletzt.
Den Jobbewerbern soll der Betrug leicht gefallen sein, weil Chinas Fluglinien einen Großteil ihrer Piloten von der Armee rekrutieren, in deren Reihen es viel Korruption gibt. Künftig sollen Referenzen genauestens geprüft werden, versprach ein CAAC-Sprecher.
Auch unter prominenten Chinesen sind Lebenslauflügen weit verbreitet. Im Juni enthüllte der Blogger Fang Zhouzi, dass Chinas bestbezahlter Manager seine akademischen Titel frei erfunden hatte. Tang Jun, Ex-China-Chef von Microsoft und heute Präsident des chinesischen IT-Konzerns Huadu, hatte stets behauptet, in Japan einen Masterabschluss gemacht und am renommierten California Institute of Technologie promoviert zu haben. In Wahrheit hatte er sein japanisches Studium abgebrochen und sich später bei einer unseriösen kalifornischen Briefkastenuniversität einen Doktortitel gekauft. Tang, der durch seine Bestseller-Autobiografie mit dem Titel „Jeder kann meinen Erfolg imitieren“ zum nationalen Vorbild avanciert war, gab die Mogelei indirekt zu. „Wenn man alle betrügen kann, ist das auch ein Zeichen von Fähigkeit, ein Symbol von Erfolg“, sagte der 48-Jährige in einem Interview.
Spionieren nicht ungefährlich
Es ist aber nicht ungefährlich, Chinas mächtigen nachzuspionieren. Vergangene Woche wurde Fang vor seiner Pekinger Wohnung von Schlägern aufgelauert, die ihn mit einem Hammer angriffen und mit Äther betäuben wollten. Er konnte gerade noch fliehen. Einer seiner Mitstreiter, der Journalist Fang Xuanchang, hatte weniger Glück: Er wurde mit Eisenstangen zusammengeschlagen.
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