
Das Atmen fällt schwer, jeder Tritt wird wohl überlegt. Die Stadt Leh, Hauptstadt der nordindischen Region Ladakh, liegt auf 3500 Meter Seehöhe, mitten im Himalaya-Gebirge. Dichter Staub und die Abgase der Lkw machen das Atmen zusätzlich zur Qual. Innerhalb weniger Minuten ist die Nase verstopft, sind die Schleimhäute ausgetrocknet.
Um sich davor zu schützen, tragen viele Bewohner Staubmasken. „Das ist seit dem Unglück so“, sagt Kamal K. Bhardwaj. Mit Unglück meint der indische Reiseleiter die Ereignisse des 4. August dieses Jahres.
Heftige Regenfälle haben vor einem Monat die nordindische Region heimgesucht. Kurz nach Mitternacht rasten dann innerhalb weniger Minuten zahlreiche Schlammlawinen in die Täler, überraschten viele Bewohner Ladakhs im Schlaf. 600 Menschen starben, mindestens 400 werden noch vermisst. Sie liegen unter den Schlammmassen, die überall noch zu sehen sind. Dutzende Häuser wurden weggerissen, das Krankenhaus von Leh zerstört, Wasser- und Kommunikationseinrichtungen verwüstet.
„Mit Händen und Schaufeln haben wir versucht die Verschütteten auszugraben“, erzählt Kamal. Er war zwei Tage nach dem Unglück in die Region geflogen. Eigentlich wollte er ein Buch über Ladakh schreiben. Aus dem geplanten Urlaub wurde dann ein Hilfseinsatz in der Hauptstadt Leh. Als er ankam, fand er eine Geisterstadt vor. Die Bewohner hatten Leh verlassen, aus Angst vor weiteren Schlammlawinen, aber auch aus Angst vor Epidemien.
Bis 14. August ist es den Helfern – unter ihnen auch Touristen – gelungen, Menschen lebend zu bergen. Seither finden sie nur Tote. Die anfangs gefundenen Opfer wurden in Massenleichenverbrennungen bestattet, erzählt Kamal. Im Sitzen, um Holz zu sparen.
Das indische Militär spielt in Ladakh eine große Rolle. Die Kaschmir-Region – 250.000 Einwohner – liegt im Dreiländereck Pakistan, China und Indien. 30.000 Soldaten aus dem ganzen Land sind dort stationiert, um die Grenzen zu sichern. Die Brücken gehören alle dem Militär. Deshalb waren sie nach dem Unglück auch rasch wieder aufgebaut. Doch zahlreiche Straßen sind bis heute nur erschwert befahrbar. Noch immer liegt der Schlamm teilweise meterhoch.
In Ladakh kehrt aber bereits der Alltag ein. „Leben bedeutet Leiden. Das musst du akzeptieren“, zitiert Kamal die buddhistische Lehre. Während im zerstörten Viertel von Leh Häuserruinen stehen, 2000 Menschen obdachlos und Schlamm und Trinkwasser nach wie vor ein Problem sind, haben in den unzerstörten Straßen die Märkte wieder aufgesperrt, kontrollieren Polizisten, ob jemand falsch parkt.
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