Zehn Millionen Liter! Wieviel ist das wirklich? Folgender Vergleich relativiert die Vorstellung, das sei eine wahre Ölsintflut: „Ein 50 mal 20 Meter großes, zwei Meter tiefes Schwimmbad fasst zwei Millionen Liter Wasser“, sagt Gerhard Herndl, Leiter des Departments für Meeresbiologie der Uni Wien. Die austretende Tagesmenge Erdöl entspricht also „nur“ dem Inhalt von fünf solcher Schwimmbecken.
Das Dumme ist aber: BP scheint das Leck auf absehbare Zeit nicht stopfen zu können. Da wird aus der Schwimmbeckenmenge schnell ein ganzer See. Längst hat der Ölteppich die Küste Louisianas erreicht, schwappt auf Mississippi, Alabama und Florida über, sickert in Salzmarschen und Mangrovesümpfe. Eine riesige Umweltkatastrophe: Die Bilder ölverklebter Pelikane, Schildkröten und Muscheln oder verendet an den Strand geschwemmter Delfine gingen um die Welt.
Wie lange werden die Ökosysteme an den Küsten und im Ozean geschädigt bleiben? Herndl ist optimistisch, rechnet „mit ein paar Monaten, sobald das Leck geschlossen ist“.
Dann können die im Golf von Mexiko verbreiteten „Ölfresser“ ganze Arbeit leisten – Bakterien, die im Laufe ihrer Evolution enormen Appetit auf Erdöl entwickelt haben. Und davon gibt es in der Region wegen der vielen Ölförderstellen mehr als genug.
Die Bakterien bekommen laut Professor Herndl im Golf von Mexiko aber auch Hilfe von oben – von der Sonne. In der Region ist ihre UV-Strahlung sehr intensiv, sie zersetzt die Ölmoleküle, wandelt sie durch Verbrennungsprozesse in Kohlendioxid um. Den Rest verleiben sich dann die Bakterien ein.
Ein langsamer Tod
In einem halben Jahr sollte der Spuk vorbei sein, bezieht sich Herndl auf seine Erfahrungen mit Ölaustritten in der Nordsee – er war 13 Jahre am Niederländischen Meeresforschungsinstitut in Groningen tätig. Nur an der Küste werde sich das Öl länger halten: „Dort kann sein Abbau Jahre dauern, es versickert in den Sümpfen und Salzmarschen und ist für die Bakterien schwerer erreichbar.“ Die dort vorkommenden Lebewesen sterben den Erstickungstod.
Neun von zehn Tieren, die jetzt ölverklebt an der Küste gefunden werden, seien verloren: „Das Gefieder der Vögel kann kein Fett mehr produzieren, das Öl dringt in den Magen, da hilft es auch nichts mehr, wenn man sie vom Ölfilm befreit“, sagt Herndl.
Den Lebewesen in tieferen Meeresschichten steht der „schwarze Tod“ noch bevor: Im Laufe der Zeit bildet das Öl Klumpen, sinkt in die Tiefe. Sie können auch dort von Mikroorganismen abgebaut werden, aber das dauert. Zu lange für Meeresschildkröten, die die Klumpen für Nahrung halten und dann als vergiftetes Treibgut an die Küste geschwemmt werden.
Fast wie im Golfkrieg
Besonders gefährdet sind laut Herndl alle „Filtrierer“, die die Nahrung aus vorbeiströmendem Wasser herausfiltern oder -sieben und so das darin enthaltene Öl im Körper anreichern. Vor allem Muscheln sind betroffen.
Die Bedingungen im Golf von Mexiko sind laut Herndl mit jenen im Persischen Golf vergleichbar. Saddam Hussein hatte dort 1991 im ersten Golfkrieg 850.000 Tonnen kuwaitisches Öl ins Meer leiten lassen. „Sechs Monate später waren laut einer UN-Studie keine Ölrückstände mehr im Persischen Golf nachweisbar“, sagt Herndl. Das lasse auch für den Golf von Mexiko hoffen.
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