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Zu Hause in Schloss Windsor

Im englischen Windsor Castle, dem größten privaten Schloss der Welt, würde man keine deutsche Bewohnerin vermuten. Dennoch residiert mit Anne Finlay eine dort. Jasmin Fischer hat sie getroffen.

Zu Hause in Schloss Windsor

Anne Finley - im Bild mit ihrem Ehemann Hueston - ist die einzige Deutsche unter den 200 Bewohnern von Schloss Windsor. Bild: privat

Mal eben spontan an der Haustür bei Anne Finlay klingeln, das funktioniert nicht. Wer sie besuchen möchte, den muss erst einmal die Palastwache mit ihren Pauken und Trompeten vorbeilassen. Dann wartet der Gast unter einer bekrönten Laterne darauf, dass die Lehrerin aus dem Ruhrgebiet durch sehr berühmte Torbögen herbeischreitet. Als einzige Deutsche residiert sie im Schloss Windsor – einem Ort, von dem die halbe Welt träumt.

Galant schiebt Anne Finlay sich an Heerscharen schnatternder Touristen vorbei und fischt einen schweren Eisenschlüssel aus der Handtasche. Er passt zu einer unauffälligen Holzpforte, die sich quietschend öffnet und den Blick auf feinste Rasenlandschaften freigibt. „Dies ist der private Park, zu dem nur die Königsfamilie und die Schlossbewohner Zugang haben.“ Gassi gehen mit ihrem Hund Bella hat hier definitiv ein anderes Flair als in ihrer alten Heimat Nordrhein-Westfalen: „Manchmal sieht man die Queen mit Kopftuch vorbeireiten.“

Dass Annegret Mikulsi aus Herne heute als Anne Finlay in Windsor bekannt ist, verdankt die 50-Jährige dem Wirken Amors. Der verschoss 1989 seine Pfeile, als der irische Theologe Hueston zu einem Austauschbesuch ins Ruhrgebiet kam. „Ich wusste zwei Wochen später, dass Hueston der Mann meines Lebens ist“, erinnert sich Anne. Die beiden heiraten in Deutschland, ziehen erst nach Kilkenny in Irland und später nach Cambridge, wo der Pfarrer als Dekan und Lehrbeauftragter arbeitet. Bis eines Tages ein Umschlag ins Haus flattert. „Er trug den Stempel der Downing Street. Zuerst dachten wir, uns will jemand auf den Arm nehmen.“ Gatte Hueston war aber im Gespräch für den Posten eines Kanonikers am Schloss Windsor – jemand, der die Finanzen der hier ansässigen Georgskapelle regelt und vor hohem Besuch predigt. Was das bedeutet, merkt der Geistliche schnell: In der letzten Bewerbungsrunde saß ihm ein freundlich lächelnder Prinz Philip gegenüber, Ehemann der Queen.

Umzug mit Folgen

Kurz später, im Jahr 2004, zog die Familie hinter die Schlossmauern. Anne Finlay, Lehrerin, Molekularbiologin und Mutter von drei Kindern, musste sich auf das neue Ambiente einstellen: „Es gab gleich einen Empfang mit der Queen, also musste ein festliches Kostüm her.“

Die Unterkunft im Schloss, eine Maisonette-Wohnung direkt an den historischen Kreuzgängen, ist reich an historischen Überraschungen. „Bei der Renovierung wurden Reste des ursprünglichen Fundaments gefunden.“ Archäologen rückten an, die Familie musste jahrelang Quartier in einem Turm beziehen. Und tat es freudestrahlend: „Wer hat schon auf jeder Etage ringsum Fenster?“

Heute ziehen sich die Reste jener alten Palastmauern nonchalant durch Finlays Abstellraum im Keller. Was auf anderen Etagen als Wandschrank anmutet, ist nicht mehr als eine Tür, die faszinierende Wandmalereien aus dem Mittelalter verdeckt. Mehr lebende und vergangene Geschichte ist in einer Privatwohnung kaum möglich.

Annes Kinder haben die Schulbank mit Chorknaben und Mini-Royals auf dem Schlossgelände gedrückt. Bald soll hier auch Elton Johns Nachwuchs lernen. Gäste nimmt Finlay gern mit aufs Dach der Schlosskapelle: Dort können sie noch heute auf den Spuren von Queen Victoria wandeln, die sich in ihrer großen Trauer um den verstorbenen Ehemann hoch über den Sandsteingiebeln an einem Geländer zur Predigt hangelte, nur um niemandem zu begegnen.

Die Schrulligkeiten ihres Wohnsitzes nimmt Finlay gerne in Kauf: Für jedes vergessene Pint Milch müssen sich die Finlays ihren Sicherheitspass schnappen und die Schlossmauern zum Einkaufen verlassen. Bei Kindergeburtstagen braucht das Wachpersonal am Tor die Gästeliste der Kinder. Dafür dürfen die dann auch in einem echten Verlies spielen. Parkplätze vor dem „Haus“ bekommt man eher selten. Und wenn, dann muss man seine Abfahrt genau planen. „Wenn Wachwechsel ist, kommen wir eine Stunde lang nicht zum Tor raus.“ Wegen der marschierenden, musizierenden Bärenfellmützen hätte die Familie schon fast eine Fähre über den Kanal verpasst. „Dafür müssen wir allerdings auch nie die Haustür abschließen, hier ist es absolut sicher.“ Meistens jedenfalls: Nur einmal habe sich ein Tourist irrtümlich in ihre Wohnung verirrt.

200 Menschen wohnen im Schloss – Geistliche, Ritter, Stallmeister, Bedienstete des königlichen Haushaltes. „Wenn am Abend die letzten Touristen gegangen sind, kehrt Dorfleben innerhalb der Mauern ein. Da werden Blumenkübel gewässert, der Grill rausgeholt oder eine zivilisierte Dinner-Party geschmissen. So wie in anderen Reihenhaussiedlungen auch. So, wie die Queen es gerne sieht.

Windsor Castles - das "englische Versailles"

Buckingham Palace, Holyrood Palace in Edinburgh und eben Schloss Windsor – das sind die offiziellen Hauptresidenzen der britischen Monarchen. Die Ursprünge von Windsor Castle liegen in der Zeit Wilhelms des Eroberers. Er kaufte das Grundstück den Mönchen von Westminster Abbey ab, ließ ab dem Jahr 1078 eine Holzburg errichten. Unter seinem Sohn Heinrich I. entstanden dann die ersten Steinhäuser auf dem Areal.

Das bis heute größte private Schloss der Welt verdankt sein Aussehen den Königen und Königinnen Englands. Die meisten Regenten hatten direkten Einfluss auf die Konstruktion und die Entwicklung des Schlosses. Es diente den Monarchen als Garnison, Festung, Wohnhaus, offizieller Palast und manchmal sogar als Gefängnis.

In seiner eintausendjährigen Geschichte hat sich das Schloss entwickelt und verändert. Je nach bevorzugten Baustilen, persönlichen Vorlieben, Erfordernissen und finanziellen Möglichkeiten der Monarchen erhielt das in der Stadt Windsor in der Grafschaft Berkshire liegende Schloss nach und nach sein Aussehen. Auf einer Fläche von mehr als 10 Hektar lebt die Geschichte.

Der Grundriss entwickelte sich aus den mittelalterlichen Befestigungen. Der Runde Turm teilt das Schloss in zwei unterschiedliche Bereiche, die sogenannten Höfe. Im Unteren Hof befindet sich die St.-Georgs-Kapelle, während im Oberen Hof die privaten königlichen Gemächer sowie die Staatsgemächer liegen.

Übrigens: Hält sich die Queen in Windsor Castle auf, so wird dies angezeigt. Dann nämlich weht ihre Flagge auf dem Round Tower. Die Touristen haben dann Pech. Die Staatsgemächer bleiben ihnen verschlossen.

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Artikel OÖN-Korrespondentin Jasmin Fischer 17. August 2013 - 00:04 Uhr
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