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Wir sind erst ganz am Anfang

2015 mussten wir erleben, wie in atemberaubender Geschwindigkeit europäische Werte bröckeln, für deren Aufbau Jahrzehnte nötig waren. Ein Rückblick von OÖN-Weltspiegel-Redakteur Eike-Clemens Kullmann.

Kein Hotspot am Brenner Bild: GEORGI LICOVSKI

Weltweit waren heuer 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung. Das ist die höchste Zahl, die jemals vom UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR registriert wurde. Und die Zahl der Flüchtlinge wächst rasant, wie erstmals auch viele europäische Länder mit wachsender Sorge feststellen mussten. Nachdem sich in den vergangenen Jahren vor allem die Mittelmeer-Anrainerstaaten Italien und Griechenland mit der menschlichen Katastrophe konfrontiert sahen, wurde das Unglück Hunderttausender, ja von Millionen 2015 auch für die Balkanstaaten und Mitteleuropa schmerzlich spürbar.

Seit Monaten ringt Europa und vor allem die EU mit der Flüchtlingskrise. Für Letztere geht es um viel. Um die europäische Idee, um Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit und um Solidarität der Mitgliedsstaaten untereinander. Genau dieser Eckpfeiler der Europäischen Union ist gehörig ins Wanken geraten. Wir mussten erleben, wie in atemberaubender Geschwindigkeit europäische Werte bröckelten, für deren Aufbau Jahrzehnte nötig waren.

Wir mussten in diesem Jahr auch Zaun um Zaun wachsen sehen (selbst wenn er in Österreich für einige nicht so heißen durfte und noch dazu lückenhaft ist). Neben diesen tatsächlichen wuchsen vor allem politische Zäune. Europa ist in der Flüchtlingskrise so zerstritten wie nie zuvor. Dabei braucht Europa gerade bei dieser enormen Herausforderung Einigkeit. Auch wenn die Frage einer Beendigung von Kriegen und Konflikten in Syrien, Libyen – hier gibt es zumindest erste Lösungsansätze – und vielen anderen Staaten vor allem im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen muss. Für Europa geht es zuerst einmal darum, höchst unterschiedliche nationale Interessen und Egoismen in dieser menschlichen Krise hintanzustellen.

Endlich handeln

Europa muss endlich handeln, statt nur zu reden, vielleicht gerade noch etwas zu beschließen, dies dann aber nicht oder unzureichend umzusetzen. Die Außengrenzen der EU sind daher ebenso zu sichern, wie es gilt, Quoten festzulegen. Soll heißen: Europa muss sich endlich darüber klar werden, wie viele Menschen es aufnehmen kann und wie diese zu verteilen sind.

Dass es dabei in erster Linie um jene gehen muss, die Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, sollte außer Streit stehen. Diese Männer, Frauen und Kinder müssen menschenwürdig versorgt werden, auf dass sie vielleicht bald wieder in ihre Heimatländer zurückkehren können. Denn viele von denen, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden sind, wollen, wenn es sicher ist, wieder zurück.

Europa muss sich aber auch – bei aller berechtigten Skepsis – mit der Türkei einigen. Heißt: Massive Unterstützung dafür, dass dort die zwei Millionen Flüchtlinge menschenwürdig versorgt und behandelt werden und auch sonst davon abgehalten werden, den lebensgefährlichen Weg übers Meer nach Europa auf sich zu nehmen. Darüber hinaus muss das UNHCR wieder in die Lage versetzt werden, seiner Aufgabe, Flüchtlingen zu helfen, nachzukommen. Die Staatengemeinschaft hat sträflich vernachlässigt, diese UN-Organisation dafür mit den nötigen Mitteln auszustatten. All das ist nicht einfach und wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: in der Flüchtlingskrise stehen wir erst ganz am Anfang.

 

Weltspiegel: Menschen 2015

Franziskus, die „Stimme des Gewissens“

Papst Franziskus hebt sich positiv durch seine Schlichtheit und Volksnähe von früheren Päpsten ab. Im Umgang jovial, ist der erste Argentinier auf dem Stuhl Petri im Inhalt dennoch überaus streng. Und so prangerte er noch Monate vor dem Klimagipfel in Paris in seiner ersten Enzyklika „Laudato si’“ Umweltzerstörung, Klimawandel und Konsumrausch an. Nicht zuletzt deshalb erhält der Heilige Vater den Karlspreis 2016 – der übrigens diesmal nicht in Aachen, sondern wohl als besondere Auszeichnung in Rom verliehen werden wird.

Er sei eine „Stimme des Gewissens“, die mahne, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, heißt es in der Begründung des Preisdirektoriums. Und: Diese Stimme des Gewissens erinnere daran, dass Europa verpflichtet sei, Frieden, Freiheit, Recht, Demokratie und Solidarität zu verwirklichen – aufbauend auf den Idealen seiner Gründungsväter.

 

 

 

 

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Artikel Eike-Clemens Kullmann 31. Dezember 2015 - 00:04 Uhr
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