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"Ich wurde von den Terrormilizen des IS verschleppt, verkauft und versklavt"

BADGAD / LINZ. Die Sacharow-Preisträgerin Baschar hat überlebt und kämpft für die Rechte der Jesiden.

"Ich wurde von den Terrormilizen des IS verschleppt, verkauft und versklavt"

Lamija Adschi Baschar wurde auf der Flucht schwer verletzt. Bild: Alexander Schwarzl

Es war an einem Tag im August 2014, als für Lamija Adschi Baschar der Alptraum begann. Die Milizen des Islamischen Staates (IS) fielen in ihr Dorf Kocho im Nordirak ein und richteten ein Massaker an den dort lebenden Jesiden an. Tausende Männer wurden umgebracht, Tausende Frauen versklavt. Baschar überlebte und kämpft heute für die Rechte der religiösen Minderheit. Für ihr Engagement erhielt die 19-Jährige den Sacharow-Menschenrechtspreis des Europaparlaments.

 

OÖN: Bei uns kann sich niemand vorstellen, wie schrecklich der Terror des IS in Wirklichkeit ist. Können Sie erzählen, was Sie miterlebt haben?

Lamija Adschi Baschar: Ich gehöre auch zu den Tausenden Frauen und Mädchen, die in Gefangenschaft waren. Ich wurde von den IS-Milizen verschleppt, fünf Mal verkauft und versklavt. Ich wurde gefoltert und vergewaltigt.

Die Terroristen haben Sie verschleppt. Wo kamen Sie hin?

Zuerst haben sie uns junge Mädchen (Anmerkung: Baschar war damals erst 16 Jahre alt) von den Müttern getrennt. Ich kam mit meinen Schwestern nach Mossul. Dort haben sie mich am Sklavenmarkt verkauft. Nach ein paar Tagen landete ich in der syrischen Stadt Rakka. Ich wurde immer wieder weiterverkauft. Insgesamt war ich 20 Monate in Gefangenschaft.

Wie wird dieser Frauenhandel organisiert?

Einerseits gibt es in verschiedenen Orten einen richtigen Sklavenmarkt. Aber die Frauen werden auch über die Sozialen Medien wie Facebook verkauft. Dort gibt es dann regelrechte Auktionen.

Wie viel wird für eine Frau bezahlt?

Das haben sie uns nicht gesagt. Aber es gab Frauen, die nur für eine Zigarette verkauft wurden.

Wer waren die Männer, von denen Sie gekauft wurden?

Einer war ein Saudi, alle anderen Iraker. Sie waren mindestens 20 oder 30 Jahre älter als ich. Manchmal war ich die einzige Gefangene, manchmal waren noch andere Mädchen da. Mein letzter Besitzer war ein Arzt, ein Krankenhausdirektor, der selbst Sklavenhändler war. Und es gab auch einen Bombenbauer. Der zwang mich, Selbstmordwesten herzustellen.

Wie gelang Ihnen die Flucht?

Ich konnte heimlich Kontakt mit meiner Familie aufnehmen, die für 7500 Dollar für mich einen Schlepper organisiert hat, mit dem ich flüchten konnte. Ich bin mit zwei anderen Mädchen, einer 18-Jährigen und einer Neunjährigen, geflohen. Dabei sind wir auf eine Landmine getreten. Die beiden anderen Mädchen sind gestorben. Mich hat der Schlepper dann ins Spital gebracht. Ich war schwer verletzt und habe ein Auge verloren.

Woher nehmen Sie die Kraft, in der Öffentlichkeit für die Rechte der Jesiden zu kämpfen?

Ich erinnere mich an die Schreie der Kinder und Frauen, die in Gefangenschaft sind. Ich glaube, dass Gott mich gerettet hat, um die Stimme dieser Opfer zu sein.

Was kann Österreich für die Jesiden tun?

Einerseits ist es wichtig, dass sich Österreich dafür engagiert, dass ein internationaler Gerichtshof die Verbrecher zur Rechenschaft zieht, und auch dafür, dass im Nordirak eine Schutzzone für die Jesiden eingerichtet wird. Aber viel wichtiger ist es, dass Österreich ähnlich wie Deutschland ein Kontingent für jesidische Flüchtlinge schafft.

Könnten Sie sich vorstellen, in die Heimat zurückzukehren?

Ohne internationalen Schutz nicht, denn es könnte sein, dass sich in einem Jahr eine noch radikalere Gruppe wie der IS entwickelt und uns Jesiden angreift.

 

Die Jesiden

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit mit rund einer Million Menschen, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen.

Seit 2014 sind die Jesiden Opfer eines Genozids. Die radikal-islamistischen Milizen des IS betrachten sie als „Ungläubige“ und „Teufelsanbeter“. Sie töten die Männer und versklaven die Frauen. Menschenrechtsgruppen schätzen, dass noch immer 3500 Frauen in Gefangenschaft des IS sind. 1800 konnten zwar fliehen, sie leben jedoch schwer traumatisiert in Flüchtlingslagern.

Der internationale Kampf für die Rechte der Jesiden ist mühsam. In Brüssel hat sich auf Initiative des oberösterreichischen EU-Abgeordneten Josef Weidenholzer die überparteiliche jesidische Freundschaftsgruppe gegründet. Diese Gruppe macht sich dafür stark, dass der Genozid an den Jesiden als solcher anerkannt wird und im Nordirak eine Schutzzone eingerichtet wird.

Mehr zum Thema unter www.luftbruecke-irak.de

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Artikel Heidi Riepl 21. März 2017 - 00:04 Uhr
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