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Europas Beitrag zur Wiege der Menschheit könnte ein Grieche sein

Graecopithecus freybergi, genannt "El Graeco", spielt wieder mit um den Titel "ältester Vorfahr des Menschen" – eine Erkenntnis, die aus einer Zahnwurzel kam.

Der Zahn des Anstoßes: Zusammengewachsene Wurzeln sprechen für die Hominiden-Definition für den Graecopithecus freybergi. Bild: dpa

Rauschen im Blätterwald, seit diese Woche Forscher aus Deutschland und Bulgarien den ältesten Vormenschen am Balkan ansiedelten und nicht – wie die gängige Theorie von der Wiege der Menschheit besagt – in Afrika.

Um Licht ins Thema zu bringen, muss man bis ins späte Miozän zurückdenken, in eine Zeit vor acht Millionen Jahren: Das tropische Klima in Südeuropa ändert sich, es wird trockener. Das Mittelmeer verschwindet fast, Savanne breitet sich aus. Vielleicht der entscheidende Umstand, der die Schimpansen aus den weniger werdenden Bäumen treibt. Nun kommt Ouranopithecus, übersetzt Himmelsaffe, ins Spiel. Alter: 8 bis 10 Millionen Jahre. Fundort: Nordgriechenland. Unter Paläoanthropologen wird er seit langer Zeit als letzter gemeinsamer Vorfahr von Menschenaffen und Hominiden gehandelt. Dann ist da noch Graecopithecus, gut 7 Millionen Jahre alt. Sein Unterkiefer wurde 1944 nahe Athen gefunden. "El Graeco" (der Grieche) könnte möglicherweise ein Vorfahr der afrikanischen Hominiden sein. Die bekannteste Vertreterin deren Gattung Australopithecus ("Südlicher Affe") aus Ostafrika heißt Lucy. Ihr Alter wird auf 3,2 Millionen Jahre datiert. Ihr ältester möglicher Vorfahr Sahelanthropus aus dem Tschad nimmt sich mit sechs Millionen Jahren immer noch jung aus gegen "den Griechen".

Eine Frage der Definition

Vor diesen Daten wird die Aufregung verständlich. Definiert man "El Graeco" als Hominiden und nicht als Menschenaffen, hieße dies, die Wiege der Menschheit wäre am Balkan gestanden und nicht wie bisher einmütig verfochten in Ostafrika. Statt einer East-side-Story müsste man eine North-side-Story in die Lehrbücher schreiben.

Ausgelöst wurde die jüngste Debatte von der Paläontologin Madelaine Böhme von der Uni Tübingen (D). Sie und ihr bulgarischer Kollege Nikolai Spassov analysierten insbesondere die Zahnwurzel des Vormahlzahns P4 des "Griechen". Zahnwurzeln unterscheiden sich bei Hominiden und Schimpansen, indem sie mehr oder weniger verschmelzen, argumentieren die Forscher in ihrem Artikel im Fachmagazin PLOS ONE.

"Wir wissen wenig über Zahnwurzeln", merkt dazu Gerhard Weber an. Der Professor für Paläoanthropologie an der Uni Wien will in der Debatte um die Menschheitswiege die Kirche im Dorf lassen.

Ist er es oder ist er es nicht?

"Wir suchen immer noch die Abzweigung von den Schimpansen. Graecopithecus wird als solcher vorgeschlagen, aber nur, weil man das nicht ausschließen kann." Nicht mehr und nicht weniger stehe im Papier von Böhme und Spassov. Dass in Europa mögliche Mensch-Urahnen existiert haben, wisse die Forschergemeinde schon lange. "Welcher aber unser tatsächlicher Vorfahr ist, das wissen wir nicht", sagt Weber. Es bestehe zudem die Möglichkeit, dass der Vormensch mehrmals, also an unterschiedlichen Orten entstanden sei (Homoplasie). Weber: "Evolution ist ein Zufallsprozess, der mehrmals passieren kann." Legt man der Definition unserer Urahnen den Gang auf zwei Beinen zugrunde, könnte dies durchaus der Fall gewesen sein. Böhme und Spassov würden "Homoplasie in ihrem Papier nicht ausschließen", so Weber.

Für den modernen Menschen, den Homo sapiens, gilt die Out-of-Africa-These ohnehin ohne Einschränkung weiter. "Wir sind vermutlich die Nachfahren einer Auswanderungswelle aus Afrika vor 60.000 Jahren", sagt der Wiener Urzeitforscher.

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Artikel Klaus Buttinger 27. Mai 2017 - 00:04 Uhr
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