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"Ein Albtraum, ich kann nicht aufhören zu weinen"

MEXIKO-STADT. Ein heftiges Erdbeben in Mexiko-Stadt hat mehr als 220 Menschen in den Tod gerissen – darunter 32 Schulkinder.

"Ein Albtraum, ich kann nicht aufhören zu weinen"

Hunderte Freiwillige suchten in der Millionenmetropole Mexiko-Stadt in den Trümmern der eingestürzten Gebäude nach möglichen Überlebenden Bild: APA/AFP/YURI CORTEZ

Die alljährliche Erdbebenübung war erst seit zwei Stunden vorbei, dann wurde aus der Probe bitterer Ernst: Bei einem heftigen Erdbeben der Stärke 7,1 sind in Mexiko in der Nacht auf Mittwoch mehr als 220 Menschen ums Leben gekommen – ausgerechnet am Jahrestag des verheerenden Erdbebens von 1985 mit 10.000 Toten. Nach Angaben von Innenminister Miguel Angel Osorio Chong wurden alleine in einer eingestürzten Schule 32 Kinder und fünf Erwachsene getötet.

Nach dem Erdstoß brach in Mexiko-Stadt Panik aus. Menschen schrien und weinten. Die Wolkenkratzer schwankten hin und her, Gebäude stürzten ein, Fassadenteile fielen auf die Straßen. Wer konnte, rannte so schnell es ging nach draußen, weg von den Häusern. Über der Skyline hingen Rauchschwaden, Staub lag in der Luft.

"Dieses Erdbeben ist eine harte Probe und sehr schmerzhaft für unser Land, aber wir Mexikaner haben gelernt, dem mit dem Geist der Solidarität zu antworten", sagte Staatspräsident Enrique Peña Nieto in einer ersten Reaktion.

Baby starb vor der Taufe

Neben der Hauptstadt waren besonders die Bundesstaaten Morelos und Puebla betroffen, das Epizentrum des Bebens lag 130 Kilometer Luftlinie südöstlich von Mexiko-Stadt bei Axochiapan. In Atzala im Bundesstaat Puebla stürzten während einer Taufe das Dach und die Kuppel einer Kirche ein, mindestens elf Menschen wurden hier getötet. Unter den Todesopfern war auch das Baby, das gerade getauft werden sollte.

Da mehrere Krankenhäuser beschädigt wurden, mussten Verletzte teils unter freiem Himmel von Ärzten notdürftig versorgt werden. Nach Angaben des Energieunternehmens CFE waren 3,8 Millionen Menschen zeitweise ohne Strom, auch das Telefonnetz in der Hauptstadt kollabierte.

Hunderte Freiwillige halfen

Ausgerüstet mit Atemmasken, Fahrradhelmen, Spitzhacken und Schaufeln halfen Hunderte Freiwillige bei den Rettungsarbeiten mit. Im Licht von Taschenlampen und Scheinwerfern suchten sie die ganze Nacht zwischen den Trümmern der eingestürzten Gebäude nach möglichen Überlebenden. Auch zwei Gefängnisse im Bundesstaat Puebla mussten evakuiert und Gefangene verlegt werden.

Die Einwohner von Mexiko-Stadt reagierten geschockt. "Ich kann nicht aufhören zu weinen, es ist der gleiche Albtraum wie 1985", sagte die 52-jährige Georgina Sanchez, die sich ins Freie geflüchtet hatte. "Es war ziemlich stark, die Gebäude haben gewackelt", berichtete der 43-jährige Alfredo Aguilar.

Die Behörden warnten die Hauptstadtbewohner vor geborstenen Gasleitungen und forderten sie auf, wegen der Explosionsgefahr nicht zu rauchen. US-Präsident Donald Trump bot dem Nachbarland Hilfe an: "Wir sind bei euch und werden für euch da sein", schrieb er auf Twitter. In Mexiko ist Trump wegen seiner Forderung nach dem Bau einer Grenzmauer und wegen seiner kritischen Äußerungen über Einwanderer äußerst unbeliebt.

Erst am 7. September waren bei einem Beben der Stärke 8,2 mindestens 100 Menschen im Land umgekommen, dabei lag das Epizentrum aber im Pazifik und war in Mexiko-Stadt nicht so stark zu spüren. Danach gab es weit über tausend Nachbeben.

Weltweit aktivste Bebenzone

Der mittelamerikanische Staat befindet sich in einer der weltweit aktivsten Erdbebenzonen. Der Großteil der Landmasse liegt auf der sich westwärts bewegenden nordamerikanischen Erdplatte. Unter diese schiebt sich die langsam nach Nordosten wandernde "Cocosplatte". Der Boden des Pazifischen Ozeans taucht so unter die mexikanische Landmasse ab. Das führt immer wieder zu schweren Erschütterungen, die das Land bedrohen.

 

Student: "Es herrscht Katastrophenstimmung"

Student: "Es herrscht Katastrophenstimmung"

Erst vor einem Monat ist Viktor Plasser (24) aus Neukirchen an der Enknach in die Stadt Puebla gezogen, um sein Bachelorstudium abzuschließen. Puebla liegt rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt. „Das zweite Beben ist wie ein Blitz eingefahren. Ich konnte sehen, wie die Häuser hin und her wackeln“, sagt der
FH-Student im OÖN-Gespräch. Jetzt herrsche „Katastrophenstimmung“.

Ständiger Blick auf das Handy

Raul Solis, der den Stand „Street Taco“ in Linz betreibt, schaute gestern ununterbrochen auf sein Smartphone. „Auf Facebook kann ich sehen, ob es meinen Lieben gut geht“, sagt Solis, der im Süden Mexikos aufgewachsen ist. Nach dem schweren Erdbeben konnte er gestern aufatmen: „Meine Bekannten aus Mexiko-Stadt sind in Sicherheit, sie helfen jetzt alle zusammen.“

Erleichtert ist auch Diego Sosa, Inhaber der Vinothek in der Bischofstraße in Linz und seit 17 Jahren in Österreich. Der Kontakt zu seiner Heimat ist nie abgerissen, und so stand der 53-Jährige mit Verwandten und ehemaligen Freunden aus seiner Heimat in Verbindung: „Ich habe viele SMS und WhatsApp-Nachrichten bekommen. Zum Glück sind alle gesund, aber das Chaos ist groß, die Schäden sind enorm“, sagt Sosa, der in Mexiko-Stadt geboren wurde und auf der Halbinsel Yucatan aufwuchs. Gleichzeitig weiß er: „Es könnte sein, dass noch ein zweites, wenn nicht sogar drittes Nachbeben kommt.“

Papst spendete 126.000 Euro

Papst Franziskus stellt nach dem schweren Erdbeben in Mexiko 150.000 Dollar für kirchliche Hilfsmaßnahmen zur Verfügung. Die umgerechnet rund 126.000 Euro sollen unter den besonders betroffenen Diözesen aufgeteilt werden, teilte das vatikanische Entwicklungsministerium laut Kathpress am Donnerstag mit.

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Artikel OÖN/APA 21. September 2017 - 15:19 Uhr
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