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Die letzten Tage in der Hölle von Stalingrad 

Auf den Tag genau vor 70 Jahren endete der Kampf um die Industriemetropole an der Wolga. Die 6. Armee war vernichtend geschlagen, ein neues Buch beleuchtet die Sicht der Russen.

Die letzten Tage in der Hölle von Stalingrad 

Ein Bild des Jammers: Stalingrad ist komplett zerstört, deutsche Soldaten schleppen sich in die Gefangenschaft. Bild: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Hinter ihnen donnerte und krachte es. Häuser verbrannten und stürzten ein, Keller wurden in die Luft geschleudert, Eisenträger bogen sich wie dünne Drähte, und Menschen zerplatzten, als seien sie aus sprödem Glas. Hinter ihnen war die Hölle aufgebrochen, starb eine Stadt unter Feuer und Explosion, gab es keinen Himmel und keine Erde mehr, sondern nur eine Wolke aus Eisen, Flammen, Steinen, Staub, Lehm und zerfetzten Leibern. Mit dieser düsteren Stalingrad-Schilderung beginnt der Roman von Heinz G. Konsalik „Das Herz der 6. Armee“. Jene Armee, die in Stalingrad vor 70 Jahren untergegangen ist.

50.000 Österreicher kämpften vor 70 Jahren in Stalingrad – nur 1200 kehrten zurück. Drei Überlebende erinnern sich an die unmenschliche Schlacht an der Wolga.

Mit eigenen Waffen geschlagen

Ende August 1942 greift die deutsche 6. Armee unter Generaloberst Friedrich Paulus die russische Industriestadt an. Um jedes Haus, jedes einzelne Zimmer wird gerungen. Am 19. November läuft die Gegenoffensive der Roten Armee an. In Paulus Rücken zieht der Untergang seiner Soldaten und Offiziere herauf, kesseln die Russen die Wehrmacht ein. Der Generalstab beschwört Hitler, einen Rückzug zu erlauben, um sich besser verteidigen zu können. Der Führer reagiert mit einem seiner berüchtigten Wutanfälle. „Ich werde die Wolga nicht verlassen. Ich werde mich nie zurückziehen!“ Hitler untersagt Paulus am 24. November 1942 den Ausbruch aus Stalingrad, opfert mit einem Federstrich das Leben von mehr als 200.000 Soldaten. Eine Tragödie in mehreren Akten.

Am 6. Jänner bietet der Kommandant der Roten Armee dem deutschen Führungsstab in Stalingrad eine ehrenvolle Kapitulation an. Die Zustände sind für beide Seiten grauenvoll. Neben den zehrenden Kämpfen sind vor allem auf deutscher Seite Hunger, Kälte und Erschöpfung ständige Begleiter.

Paulus lehnt nach Rücksprache mit Hitler das russische Angebot ab. Am 24. Jänner verlangt der Oberbefehlshaber der 6. Armee von seinem Führer, sich ergeben zu dürfen. Seine Armee hätte das Ende ihrer Kräfte erreicht. Er könne nichts mehr von den Männern verlangen. „Kapitulation ausgeschlossen. Die 6. Armee wird ihre Stellungen bis zum letzten Mann und zur letzten Patrone halten“, lautete der Befehl Hitlers.

Die Lage ist verzweifelt. Paulus wartet ab, wagt es nicht, sich zu widersetzen. Der Generaloberst wird in der Nacht zum 31. Jänner 1943 zum General-Feldmarschall ernannt. Weniger hohe Auszeichnung, sondern viel mehr die Aufforderung zum Selbstmord. Kein deutscher Feldmarschall geht nach dem Verständnis des Führers in Gefangenschaft. Erst als es um sein eigenes Leben geht, widersetzt sich Friedrich Paulus Adolf Hitler. Er bringt sich nicht um, geht am 31. Jänner widerstandslos in russische Gefangenschaft. Im Norden Stalingrads, dem Industriezentrum, dauert die Schlacht noch bis zum 2. Februar 1943. Dann wird es endlich still.

Das menschliche Drama von Stalingrad wird häufig in vier Zahlen ausgedrückt: 300.000 eingekesselte Soldaten, 110.000 Überlebene, die in die sowjetische Gefangenschaft gingen, 6000 Heimkehrer, die Letzten von ihnen mehr als zwölf Jahre nach dem Ende der Schlacht. „Die sowjetischen Verlustzahlen sind im Westen kaum bekannt“, sagt der deutsche Autor Jochen Hellbeck, Verfasser des Buches „Die Stalingrad Protokolle“.

Noch siebzig Jahre nach der Schlacht von Stalingrad würden in Österreich und Deutschland Wehrmachts-Soldaten primär als Opfer gesehen und die gegnerische Seite nicht oder nur kaum Erwähnung finden. Schätzungen gehen davon aus, dass auf Seiten der Roten Armee mindestens 450.000 Soldaten in Stalingrad gefallen sind, ein Forscher spricht sogar von bis zu einer Million Toter, dazu kommen noch zehntausende Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Die Stalingrad-Protokolle sind Aufzeichnungen einer russischen Historiker-Kommission, die während und nach der Schlacht in Stalingrad mit Zivilisten, einfachen Soldaten, Offizieren und Politkommissaren gesprochen hat. Ein Kapitel in dem Buch ist der Gefangennahme von Feldmarschall Friedrich Paulus gewidmet. Oberstleutnant Leonid Winokur, Politstellvertreter des Kommandeurs der 38. Schützenbrigade erinnert sich an das ehemalige Kaufhaus, in das sich der Führungsstab rund um Paulus geflüchtet hatte: „Roske (Kommandeur der 71. Division) empfing mich: Nicht sehr groß, hager, etwa 45 Jahre. Er war sichtlich nervös. Rechts von ihm saß General-Leutnant Schmidt. Der ganze Stab saß da. In Paulus’ Zimmer war es dunkel. Unbeschreiblicher Schmutz. Als ich eintrat, stand er auf, er hatte zwei Wochen alte Bartstoppeln, wirkte verzagt“ (...).

Freude und Küsse

Der Vorgesetzte von Winokur, Generalmajor Iwan Burmakow: „Am Tag nach Paulus Gefangennahme kamen Schumilow (General) und Chruschtschow (Politkommissar). Chruschtschow schloss uns gleich in die Arme, küsste uns. ,Danke danke, Leutchen! Ein Feldmarschall wird nicht oft gefangen genommen. Generäle schnappen wir vielleicht noch, aber einen Feldmarschall – das ist schwierig.’“

Auch Wehrmachtsangehörige in Gefangenschaft wurden von der Kommission befragt: Zugführer Ernst Eichhorn zeigte sich, vielleicht zum Zweck der Anbiederung, überrascht über die gute Behandlung der Gefangenen. „Meine Männer stellen sich die Frage, warum Deutsche und Russen eigentlich gegeneinander kämpfen.“ Für ihn und andere sei klar, dass die Juden allein die Schuld am Krieg tragen würden. Es lag wohl jenseits von Eichhorns Vorstellungskraft, das der ihn verhörende Offizier Lerenman auch Jude war.

„Opfermut der Russen wird ignoriert“

Herr Hellbeck, Sie haben Tausende Seiten unveröffentlichter Gespräche mit Sowjets ausgewertet. Wie lautet das wichtigste Ergebnis?
Jochen Hellbeck: Die Berichte der Offiziere, Soldaten oder Zivilisten eröffnen eine unmittelbare, menschliche Sicht auf die Russen und ihre Wahrnehmung der Schlacht. Sie sind von Moskauer Historikern noch während der Kämpfe protokolliert worden. Natürlich waren auch sie Patrioten, interviewten vor allem für Tapferkeit ausgezeichnete Kämpfer. Aber deren Erleben geben Sie ungefiltert wieder.

Wofür haben die Russen bei Stalingrad gekämpft?
Die Schlacht begann im Sommer 1942, ein Jahr nach Kriegsbeginn in der Sowjetunion, als die Deutschen teilweise noch als Befreier begrüßt worden waren. Aber die Nazis hatten mit ihrer Besatzungspolitik schnell klar gemacht, was deutsche Herrschaft für Sowjetbürger bedeutete. Das spielte Stalin in die Hände, die Sowjetideologie wirkte viel glaubwürdiger als vor dem Krieg.

Ob in Konsaliks Kalten Kriegs-Romanen oder in dem Stalingrad-Buch des britischen Historikers Anthony Beevor, die Rotarmisten erscheinen als grausam, primitiv und fanatisch. Wie sah ihr wahres Gesicht aus?
In der westlichen Forschung gibt es Klischees. Zum Beispiel: Die Bolschewisten zwingen ihre Soldaten mit Maschinengewehrfeuer in den Rücken zum Kämpfen. Tatsächlich haben die Sicherheitsorgane bei Stalingrad 98 Prozent der Fahnenflüchtigen einfach zurück an die Front geschickt. Während der Schlacht traten viele Soldaten der Partei bei, aber für sie bedeutete Kommunismus auch Kultiviertheit und Menschlichkeit, für sie waren die Deutschen die Barbaren.

Warum hat die Rote Armee die Schlacht um Stalingrad letztendlich gewonnen?
Die sowjetische Kriegsführung war variabler geworden, Stalin hörte mehr auf seine Generäle, die russische Zangenbewegung zur Einkesselung der Deutschen war kühn geplant und raffiniert wie zuvor viele deutsche Blitzkriegsoperationen. Die Rotarmisten hatten wegen des Eisgangs auf der Wolga enorme Nachschubprobleme, sie kämpften wirklich heldenhaft. Es ist der kommunistischen Propaganda damals gelungen, sie bis zum Letzten zu motivieren. In Deutschland aber wird die Niederlage von Stalingrad bis heute fast ausschließlich durch Hitlers Unfähigkeit erklärt, während man den Opfermut der Russen ignoriert. (scholl)

 

Buchtipp

„Die Stalingrad-Protokolle“, Jochen Hellbeck, S. Fischer Verlag, 608 Seiten, 26,80 Euro

Die letzten Tage in der Hölle von Stalingrad
 

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Artikel Martin Dunst 02. Februar 2013 - 00:04 Uhr
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