17. Juni 2011 - 11:39 Uhr · Von Martin Dunst · Weltspiegel

"Die Russen retteten mein Leben"

Unternehmen Barbarossa

Der deutsche Vorstoß scheint anfangs kaum zu bremsen, die Soldaten kämpfen fern der Heimat. Bild: bpk

In den Morgenstunden des 22. Juni 1941 griffen 3,6 Millionen Wehrmachtsoldaten organisiert in 150 Divisionen unter dem Codenamen »Unternehmen Barbarossa« die Sowjetunion an. Hitler hatte den 1939 geschlossenen Nichtangriffspakt mit Stalin gebrochen. Der Krieg im Osten wurde von beiden Seiten ohne Rücksicht auf Verluste geführt. Beide Diktatoren hatten eines gemeinsam: Es zählte nur der Sieg, gleichgültig um welchen Preis.

Die Bilanz war verheerend. Der Russlandfeldzug kostete insgesamt 26 Millionen Menschen das Leben. Mit 15 Millionen Opfern waren die Verluste unter der russischen Zivilbevölkerung besonders hoch. Im Kessel von Stalingrad und an anderen Schlachtschauplätzen starben auch viele Soldaten aus Österreich oder gerieten in Gefangenschaft - siebzig Jahre danach sind nur noch wenige Zeitzeugen am Leben.

Maximilian Hopf (87) aus Weyer (Steyr-Land) hat den Russlandfeldzug mitgemacht und überlebt. Sein Bruder ist am 9. August 1942 vor Stalingrad gefallen. Obwohl siebzig Jahre vergangen sind, schildert Hopf seine Erlebnisse an der Ostfront im Gespräch mit den OÖNachrichten so lebhaft und detailgetreu, als ob er gestern erst aus der Gefangenschaft nach Hause zurückgekehrt wäre und nicht bereits am 14. Dezember 1945. „Wir standen immer mit einem Bein im Grab, ich musste oft um mein Leben fürchten, diese Dinge sind prägend und nicht auszulöschen“, sagt der Kommerzialrat, der froh ist, „dass wir seit sechzig Jahren in Österreich in Frieden leben.“

Seine Jugend habe ihm das Nazi-Regime mit diesem blödsinnigen Krieg geraubt. „Ich bin mit 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst nach St. Georgen verpflichtet worden. Weil ich ein fescher junger Bursch war, wollten mich SS-Offiziere anwerben, instinktiv habe ich abgelehnt, obwohl wir nichts anderes als ,Ein Reich, ein Volk, ein Führer’ gekannt haben.“ Die Propaganda von der Hitlerjugend an habe funktioniert. Zur „Belohnung“ für seine Absage an die Schutzstaffel ist Hopf zur Wehrmacht eingezogen worden. „Ich bekam einen Stahlhelm aufgesetzt, einen Karabiner in die Hand gedrückt und glaubte damals der Ideologie, für mein Volk und den Führer zu kämpfen“. Nach wenigen Monaten Ausbildung in Mistelbach und Allentsteig fuhr Hopf als Soldat der 262. Infanteriedivision 1942 an die russische Front...

Warum Adolf Hitler vor siebzig Jahren den Angriffsbefehl auf die Sowjetunion erteilt hatte, über diese Frage sind sich viele Historiker uneinig. Anzunehmen ist ein Mix aus mehreren Überlegungen, wie Universitätsprofessor Stefan Karner, Gründer und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz, bestätigt. „Es handelte sich um einen militärischen Feldzug, einen Wirtschaftskrieg und einen Rassenkrieg.“ Hitler wollte demnach den Bolschewismus auslöschen, Juden und Slawen vernichten, neuen Lebensraum für sein tausendjähriges Reich schaffen und von den Kornkammern in der Ukraine profitieren.

Paralysierter Stalin

Obwohl der russische Geheimdienst Machthaber Josef Stalin bereits Ende 1940 sehr genau über einen geplanten Angriff Nazi-Deutschlands informiert hatte, wurde „der Stählerne“ von der Offensive am 22. Juni dennoch kalt erwischt. „Stalin hat auf den Angriff fahrlässig reagiert, indem er zu Beginn gar nicht reagiert hat“, sagt Historiker Karner. Der Diktator sei mehrere Tage lang wie paralysiert gewesen, habe sich in seinem Bunker eingeschlossen und nichts unternommen – obwohl er ausreichend Kenntnis über die Lage gehabt habe. „Er konnte und wollte wohl nicht wahrhaben, dass Hitler tatsächlich diesen Angriff wagt.“

Als Maximilian Hopf an die Front kam, steckte die anfangs erfolgreiche Offensive der Deutschen wenige Kilometer vor Moskau fest. Soldaten, Zugtiere und Fahrzeuge versanken im Schlamm. Hopf kam mit seiner Einheit nördlich von Kursk zu stehen, er war als Meldegänger für seinen Kompaniekommandanten eingeteilt. „Wir mussten die Stellung halten, wurden deshalb nicht Richtung Stalingrad abkommandiert – im Nachhinein betrachtet wohl ein glücklicher Umstand.“

Bei einem Angriff auf russische Stellungen, der den Feind täuschen sollte, geriet der junge Ennstaler in Gefangenschaft. „Unsere Artillerie hat aus allen Rohren gefeuert. Unter Getöse schoben wir uns vorwärts, immer wieder Deckung suchend auf und nieder.“
Hopf und seine Kameraden wurden plötzlich von hinten unter Beschuss genommen. „Mein Kamerad aus Wels wurde von einer MG-Salve in den Hals getroffen. Ich schulterte ihn und wollte mich zurückziehen, als zwei braune Gestalten aus einem Schützengraben gesprungen sind.“

Der junge Soldat geriet bei diesem Gefecht als Einziger seiner Kompanie in Kriegsgefangenschaft, sein lebensgefährlich verletzter Welser Kamerad überlebte nicht. Hopf hatte damals auch mit seinem Leben abgeschlossen: „Daheim ist uns durch die Kriegspropaganda eingebläut worden, dass die Russen keine Gefangenen machen.“ Als ein russischer Soldat mit einer Handgranate an den Helm von Hopf klopfte, glaubte dieser, es sei um ihn geschehen. „Ein anderer hat mir wiederum einen Klumpen Brot zugesteckt – so verschieden sind die Menschen.“

Der Gefangene wurde von Gefechtsstand zu Gefechtsstand weitergereicht, war sich die ganze Zeit über sicher: „Dass ich nach einem Verhör erschossen werde.“ Ein Lichtblick war eine Begegnung mit zwei russischen Soldatinnen, die nahezu perfekt Deutsch sprachen und den entkräfteten jungen Mann mit einem Trockenfisch fütterten. Hopf dachte in diesem Moment zum ersten Mal: „Maxl, vielleicht hast du doch noch eine Chance.“

General kannte Steyr

In einem Bauernhof wurde der Bursch aus Weyer schließlich einem General vorgeführt, der ihn auf Deutsch ansprach und wissen wollte, woher er komme: „Ich antwortete: aus dem Deutschen Reich, aus einem Dorf nahe Steyr.“ Der General habe erwidert: „Dann sind Sie ja Österreicher!“ Er kenne zudem die Stadt Steyr von einem früheren Besuch in den Steyr Werken. Der General versicherte Hopf, dass er nicht erschossen werden würde, nach dem Krieg nach Hause fahren dürfe. Doch so weit war es noch lange nicht, für Hopf begann erst einmal eine Odyssee kreuz und quer durch Russland in viele Gefangenenlager – in einem davon ist er nur knapp dem Tod entkommen...

An der Ostfront kämpften in einigen Divisionen überdurchschnittlich viele Österreicher, viele von ihnen sind gefallen – darum ist der Russlandfeldzug und die Schlacht um Stalingrad noch heute in vielen Familien präsent. Die 45. Infanteriedivision (ungefähr 15.000 Mann) hatte als Hauptstandort Linz. Diese Truppe mit vielen Österreichern kam ganz nahe an Moskau heran. Auch in der 44. Infanteriedivision kämpften viele Österreicher, die aus dem so genannten Wehrkreis 17 vorrangig aus Wien und Niederösterreich rekrutiert worden waren. Diese Einheit war Teil der sechsten Armee unter General Friedrich Paulus, die im Kessel von Stalingrad untergegangen ist.

Noch heute ist zu hören, der Russlandfeldzug sei kein Angriffskrieg Hitlers, sondern vielmehr ein Präventivschlag gegen Stalin und die Bolschewisten gewesen. Dieser Theorie erteilt Historiker Karner eine klare Absage. „Hitler hat 1941 den Kampf begonnen – das ist ein Faktum. Es liegt außerdem kein Angriffsbefehl von russischer Seite vor.“ Laut Karner sprechen auch militärische Überlegungen gegen eine russische Offensive im Jahr 1941. „Stalin hatte kurz zuvor maßgebliche russische Offiziere liquidieren lassen, die Logistik für einen derartigen Angriffskrieg in Form von Funk- und Telefon-Ausstattung war nicht vorhanden, die Produktion schneller Panzer noch nicht angelaufen.“ Ihm sei schon bewusst, „dass sich ein Diktator wie Stalin über all diese augenscheinlichen Gegebenheiten hinwegsetzen konnte, doch in diesem Fall hat er nach heutigem Wissensstand wohl auf die Empfehlungen seines Generalstabs gehört.“ Der Historiker ist allerdings überzeugt, dass weder Hitler noch Stalin ihren Nichtangriffspakt als Langzeitprojekt betrachtet hätten.

Auf Seiten der Wehrmacht kämpften unter anderem auch Rumänen und Italiener, später auch Männer aus den eroberten Gebieten. So sind die Deutschen etwa in der Ukraine zu Beginn wie Befreier gefeiert worden, allerdings nicht sehr lange.

Keine Soldatenehre

Im Schlepptau der Wehrmacht folgten SS- und Polizeiverbände, die an Gefangenen und der Zivilbevölkerung unzählige Gräueltaten verübten, häufig unter dem Vorwand, es handle sich bei den Opfern um Partisanen oder gefährliche Polit-Funktionäre. Schon vor Beginn des Unternehmens Barbarossa hat Hitler seinen Generälen klargemacht, dass russischen Kriegsgefangenen keine Behandlung etwa nach der Genfer Konvention oder dem Haager Abkommen zustehen würde. Im Gegenteil, der so genannte Kommissar-erlass aus 1941 erlaubte es SS-Einheiten, Gefangene nach Gutdünken zu selektieren, als „gefährlich“ einzustufen, an Ort und Stelle zu exekutieren oder sie in Konzentrationslager zu verfrachten.

Bedenken von Wehrmacht-Offizieren gegen diese Barbareien blieben die Ausnahme. Im Verlauf des Kriegs passten sich die Russen rasch an die Brutalität ihrer Gegner an, hatten Gefangene auf beiden Seiten unter üblen Repressalien zu leiden.
Maximilian Hopf war im Ural einer so genannten Waldbrigade zugeteilt, die schwere Holzarbeit verrichten musste. „Eines Tages war ich so abgemagert, dass ich nicht mehr aufstehen konnte – normalerweise ein Todesurteil.“ Doch eine Ärztin päppelte den Kriegsgefangenen wieder auf – „ich habe mit Ach und Krach überlebt.“ In anderen Lagern kamen Hopf seine Fertigkeiten als gelernter Tischler zugute. „Die Russen staunten zum Beispiel darüber, wie ich Sesselleisten im Bürogebäude einer Traktorenfabrik verlegte. Weil ich effizient arbeitete, bekam ich die eine oder andere Vergünstigung und mehr zu essen.“ Einmal wurde es dem Gefangenen erlaubt, über Rundfunk Grüße in die Heimat zu übermitteln. Wie Hopf später erfahren sollte, hatte eine Nachbarin seiner Eltern in Weyer beim Feindsenderhören die Botschaft aufgeschnappt und an die Familie Hopf weitergegeben, die so wusste, dass der Sohn zwar in Gefangenschaft, aber am Leben war...

In einem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt sich Andreas Kranebitter, der im Innenministerium für die Gedenkstätte Mauthausen arbeitet, mit russischen Kriegsgefangenen im Konzentrationslager. Zu diesem Zweck arbeitet Kranebitter eng mit russischen Kollegen zusammen. Er fliegt am Sonntag nach Moskau, stöbert dort in Archiven, spürt Einzelschicksalen nach und versucht zu klären, nach welchen Kriterien russische Kriegsgefangene von der SS entweder zum Arbeitsdienst im KZ eingeteilt oder sofort exekutiert worden sind. „Bereits im Herbst 1941 sind viertausend russische Kriegsgefangene nach Gusen und Mauthausen gebracht worden“, sagt Kranebitter. Von diesen Häftlingen habe kaum jemand überlebt. In diese Zeit, also 1941 und 1942, fällt laut Kranebitter auch die Installation einer Gaskammer im KZ Mauthausen. „Ein Zusammenhang liegt nahe, zumal der Lagerkommandant bis zu 20.000 weitere russische Häftlinge erwartet hat.“

Während Hopf als Gefangener von einem ins nächste Lager zog, wendete sich das Kriegsgeschehen an der Front endgültig. Aus Angriff wurde Rückzug. Hitler hatte die personellen und industriellen Ressourcen Stalins falsch eingeschätzt. Während der Nachschub für die Wehrmacht stockte, rollte im russischen Hinterland Panzer um Panzer vom Band, der Vorrat an Soldaten schien beinahe unerschöpflich.

In Stalingrad vernichtetet die Rote Armee unter immensen Verlusten die gesamte sechste Armee der Deutschen. Entscheidende Panzerschlachten gingen in Folge verloren, die Wehrmacht musste sich immer weiter zurückziehen, die russische Gegenoffensive ließ sich nicht mehr aufhalten. Auf die Frage, ob sich Parallelen zum Russlandfeldzug Napoleons ziehen lassen und der harte Winter auch Hitler zum Verhängnis geworden ist, sagt Karner: „Noch problematischer als die Kälte ist die schiere Weite des Landes.“

Maximilian Hopf reiste in sechswöchiger Fahrt Richtung Heimat. Mitte Dezember 1945 konnten ihn seine Eltern überglücklich in die Arme schließen. „Die Russen retteten mir das Leben“, sagt der ehemalige Soldat heute. Wäre er nicht in Gefangenschaft geraten, hätte er den Krieg bestimmt nicht überlebt. „Von zwei Kameraden weiß ich, dass meine Einheit 1944 komplett aufgerieben worden ist.“

Zu Hause war Hopf wieder als Tischler tätig und ab 1957 rechte Hand des Ehepaars Leiner, baute von St. Pölten aus die gleichnamige Möbelkette mit auf. Russland hat der rüstige Pensionist ein Mal in den 1970er Jahren besucht: „Die Städte Leningrad und Moskau habe ich kaum wieder erkannt.“

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/weltspiegel/Die-Russen-retteten-mein-Leben;art17,652140
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