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Der Komet kommt ganz sicher zu spät

Kometen faszinieren und ängstigen Menschen seit jeher. Aus Sicht der Naturwissenschaft weicht die Faszination der Erkenntnis. Für Impakt-Forscher Christian Köberl, den künftigen Generaldirektor des Naturhistorischen Museums in Wien, haben Kometen und Asteroiden ihren Schrecken verloren.

Der Komet kommt ganz sicher zu spät

Ein Komet mag etwas Salz für die Ursuppe geliefert haben, aber die Suppe ist auf der Erde gekocht worden. Bild: cityszene mairin

OÖN: Derzeit wird wieder von obskuren Kreisen prophezeit, dass 2012 ein Komet auf der Erde einschlagen und Verwüstungen anrichten wird. Ist das vorstellbar?

Köberl: Das ist unwahrscheinlich. Wir kennen ja die Kometenbahnen. Da gibt es die periodischen Kometen wie den Halleyschen, der alle 76 Jahre wiederkommt. Sie stammen aus dem äußeren Sonnensystem, draußen beim Neptun. Von diesen Kometen wissen wir, dass sie in näherer Zukunft nicht mit der Erde zusammenstoßen werden. Weiter draußen im All, hunderttausende Mal die Entfernung Erde-Sonne, gibt es noch ein Reservoir an Kometen, genannt die Oortsche Wolke. Von dort könnten auch zufällig Kometen ins innere Sonnensystem kommen.

OÖN: Die würde man aber recht bald entdecken und berechnen können, oder?

Köberl: Ja, solche Kometen brauchen viele Jahre bis in das innere Sonnensystem und sind recht selten.

OÖN: Wie hoch ist dann noch die Chance, dass ein solcher Komet einen unserer Planeten trifft?

Köberl: Da unser Sonnensystem hauptsächlich leerer Raum ist, wird dieser Komet – so wie die meisten anderen – zwischen den Planeten vorbeizischen. Es gibt ja nur ganz wenige, die auf Planeten einschlagen. Wie wissen aus der Untersuchung von Kratern und aus der Statistik, dass die meisten Einschläge auf der Erde oder dem Mond nicht von Kometen, sondern von Kleinplaneten, von Asteroiden kommen. Das sind Objekte, die hauptsächlich zwischen Mars und Jupiter um die Sonne kreisen. Sie bestehen aus Stein oder Metall, während Kometen überwiegend aus Eis bestehen mit ein wenig Staub und Gestein dazwischen. Die Gefahr, vor der wir uns aber nicht übermäßig fürchten müssen, bestünde also in einem Asteroideneinschlag.

OÖN: Asteroiden kommen aber auch nicht aus heiterem Himmel, oder?

Köberl: Von den Objekten, die einen größeren Durchmesser als einen Kilometer haben, kennen wir die meisten und wissen, auf welchen Bahnen sie sich befinden – dank einem Forschungsprojekt der NASA.

OÖN: Hypothetische Frage: Es käme ein ausgewachsener Asteroid auf die Erde zu …?

Köberl: ... dann wüssten wir aus Bahnberechnungen zehn, zwanzig Jahre vorher, dass eine Kollision möglich wäre.

OÖN: Und was könnte man bis dahin dagegen unternehmen?

Köberl: Es gibt da ein paar Ideen. Man kann eine Rakete hinschießen, sie auf dem Kleinplaneten verankern und längere Zeit feuern. Das würde die Bahn ein bisschen ablenken. Es reicht ja ein kleiner Schubs, damit er zehn Jahren später um 1000 Kilometer an der Erde vorbeifliegt, statt sie zu treffen.

OÖN: Wie viel Schubkraft wäre da erforderlich, welche Raketen müsste man einsetzen?

Köberl: Sojus- und Ariane-Raketen, wie wir sie heute haben, würden durchaus ausreichen.

OÖN: Atombomben darauf zuschießen à la Hollywood wäre nicht zielführend?

Köberl: Das ist nicht sehr günstig. Denn die Physik sagt etwas von der Impulserhaltung. Das bedeutet, dass ich nach einer solchen Explosion statt einem Körper 50 oder 100 Körper habe, die auf die Erde treffen würden wie ein Schrapnell. Vernünftiger wäre es, Atombomben knapp neben dem Objekt zu zünden, sodass die Explosionsschockwelle zu einer Bahnablenkung führt.

OÖN: Es soll auch sanftere Methoden geben …

Köberl: Ja, aber da muss man wirklich Zeit dafür haben. Es gab einmal die Idee, eine Seite eines solchen Asteroiden weiß anzumalen. Daraus ergäbe sich dann der sogenannte Jarkovsky-Effekt, der den Asteroiden dann durch leicht unterschiedliche Ausstrahlung von Lichtteilchen über zwanzig Jahre ein wenig ablenkt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es einfacher ist, einen Asteroiden weiß anzustreichen oder eine Rakete zu schicken.

OÖN: Was sagen Sie zur Hypothese, wonach Kometen das Wasser auf die Erde gebracht haben?

Köberl: Im Sonnennebel, bei der Entstehung des Sonnensystems, gab es jede Menge Wasser. Wenn ich ausrechne, wie viel Wasser wir auf der Erde haben, dann sind die Ozeane noch der geringste Teil. Ein Vielfaches des Ozeanwassers sitzt nämlich in Mineralien gebunden im Erdmantel. Würde ich das alles durch Kometen zuführen wollen, hätte es die letzten hunderte Millionen Jahre pausenlos einschlagen müssen. Man sollte das anders sehen: Die Bausteine, aus denen unsere Planeten entstanden sind, sind im Wesentlichen die gleichen wie die der Kometen und Asteroiden. Kometen und Asteroiden sind der Schutt aus der Entstehungszeit des Sonnensystems. Das Wasser war also im frühen Sonnensystem schon da, es ist nicht später durch Kometen dazugekommen.

OÖN: Es heißt auch, Kometen hätten die Urerde mit Leben geimpft, indem sie Aminosäuren im Gepäck hatten …

Köberl: Es ist einfach, Aminosäuren herzustellen. Da gibt es das berühmte Experiment von Miller und Urey, die unter Bedingungen der Uratmosphäre Aminosäuren herstellten. Das funktioniert auch in der Kälte, etwa in salzreichen Einschlüssen im gefrorenen Meerwasser. Auch dort bilden sich solche komplexen organischen Moleküle und verketten sich sogar. In Kometen können solche Moleküle durch die kosmische Strahlung und das Sonnenlicht entstehen. Astronomen mit Radioteleskopen finden sie in interstellaren Staub- und Gaswolken. Aminosäuren gibt es quasi im ganzen Weltraum. Aber eine Aminosäure ist noch nicht Leben. Drei Zahnräder nebeneinander sind auch noch keine Uhr. Der Schritt zum reproduktions-fähigen Leben ist ein viel schwierigerer und wird auf Kometen eher nicht abgelaufen sein.

OÖN: Wie erklären Sie sich, dass viele Menschen die geringe Gefahr, die von Kometen ausgeht, als bedrückender empfinden als eine viel wahrscheinlichere Gefahr, etwa den Klimawandel?

Köberl: Das lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die Menschen sich wenig für Naturwissenschaften interessieren, was mich sehr betrübt. Denn Naturwissenschaften sind etwas sehr Spannendes. Wenn man sich da ein paar Grundkenntnisse erwirbt, versteht man die Welt viel leichter. Hingegen sieht man sehr viel Esoterik – Homöopathie, Leute mit Wünschelruten etc. Das sind oft dieselben Leute, die mit dem Auto fahren, den Fernseher aufdrehen, das Mobiltelefon verwenden – alles Dinge, die auf den Errungenschaften der Naturwissenschaften basieren.

OÖN: Aber gibt es – um ein beliebtes Argument von Esoterikern zu verwenden – nicht noch hunderttausend Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht erklären können?

Köberl: Vor hundert Jahren waren es zweihunderttausend Dinge. Man hat zum Beispiel nicht gewusst, warum man krank wird. Dann hat man Bakterien entdeckt, später Viren. Man hat Penicillin entwickelt, so dass man etwas dagegen tun konnte. Das sind alles Errungenschaften von Biologie, Physik und Chemie.

OÖN: Warum haben die Naturwissenschaften in der Lehre einen schweren Stand?

Köberl: Es gibt eine Menge Naturwissenschaftler, die ihr Fachgebiet in der Öffentlichkeit gut vertreten. Aber es braucht halt auch jemanden, der zuhören will, statt sich vom Fernsehen berieseln zu lassen, und eine intellektuelle Herausforderung schätzt.

OÖN: Wie werden Sie – als künftiger Direktor des Naturhistorischen Museums – die Vermittlungsarbeit dort angehen?

Köberl: Aus den wunderbaren Sammlungen möchte ich gewisse Stücke hervorholen, an denen man ein Aha-Erlebnis aufhängen kann, das auch gesellschaftliche Relevanz hat. Zum Beispiel kann man bestimmte Mineralien zeigen und dazu passende, alltägliche Dinge. Ohne seltene Erden gäbe es etwa kein Handy, ohne Erdöl nicht, auch ohne Bauxit nicht.

OÖN: Wie wollen Sie junge Menschen für die Naturwissenschaften begeistern?

Köberl: Durch pädagogisch gut aufgebaute Führungen und Veranstaltungen im Museum möchte ich Schülern klarmachen, dass Naturwissenschaften etwas Spannendes sind, und dass es da Arbeitsplätze gibt. Im Gegensatz zur Publizistik, wo man Hörsäle quasi zusperrt, kann ich sagen: Praktisch jeder, der Erdwissenschaften, Chemie oder Physik studiert hat, bekommt eine vernünftige Arbeit. Wenn es mir gelingt den einen oder anderen Schüler zu motivieren, die Naturwissenschaften mit anderen Augen zu sehen, dann haben wir etwas gewonnen.

(Der Meteoriten- und Impaktforscher Christian Köberl (50) ist Leiter des Departments für Lithosphärenforschung der Uni Wien.)

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Artikel Von Klaus Buttinger 15. Mai 2010 - 00:04 Uhr
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