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70 Jahre Stalingrad - „Mein zerfetztes Bein war ein Glücksfall“

50.000 Österreicher kämpften vor 70 Jahren in Stalingrad – nur 1200 kehrten zurück. Drei Überlebende erinnern sich an die unmenschliche Schlacht an der Wolga.

„Mein zerfetztes Bein war ein Glücksfall“

Wehrmachtssoldaten der 6. Armee, in der neben Österreichern und Deutschen auch Italiener und Rumänen gedient haben, gehen in russische Gefangenschaft. Nur eine Handvoll sollte wieder heimkehren. Bild: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

"Ich habe im Krieg versucht, ein Mensch zu bleiben und es ist mir gelungen“, sagt Franz Rechberger (90). Er habe sich im Krieg nie mit der Zivilbevölkerung angelegt, sei immer höflich gewesen, wenn er wo in ein Haus gekommen ist.

Den Mythos von Ruhm, Ehre und Heldenmut auf dem Schlachtfeld samt glorreichen Siegen kann Rechberger wie so viele, die selbst dabei waren, nicht bestätigen. Vielmehr weiß er von Dreck, Blut und Angst zu berichten. „Es war eine fürchterliche Zeit.“ Auf der einen Seite der Straße sind laut dem einfachen Soldaten die Russen gestanden – „auf der anderen Seite standen wir“. Den Stahlhelm musste Rechberger in Stalingrad Tag und Nacht aufbehalten, „es gab keine Waschgelegenheit, täglich musste ich um mein Leben fürchten“.

Nach nur zwei Tagen Kampf um den strategisch wichtigen Marmai-Hügel waren aus seiner ursprünglich 120-Mann starken Kompanie gerade einmal noch zwölf Kameraden übrig. „Das Ganze war ein Gemetzel.“

In Stalingrad ist laut Rechberger um jedes einzelne Haus gekämpft worden. „Die Wehrmacht saß im Erdgeschoß, die Russen hielten den Keller und den Kanal.“

An jeden Kameraden, jeden Vorgesetzten und jedes noch so kleine Detail erinnert sich Rechberger: An ein Weihnachtsfest in einem Haus in Stalingrad, bei dem ein Militärarzt und ein weiterer Soldat vierhändig und unvergesslich Klavier gespielt haben. An den Tag, als er es ablehnte, auf Befehl eines Leutnants hin, einen gefangenen russischen Soldaten kaltblütig zu erschießen, oder daran, dass er unter Einsatz seines eigenen Lebens, bedroht von einem Scharfschützen, einem verwundeten Hauptmann das Leben gerettet hat.

Die Nazi-Propaganda vom Russen als Untermenschen hat Rechberger nie geglaubt. Mit Gelbsucht und offenen Beinen musste er während des Kampfes um Stalingrad sieben Wochen Bettruhe halten. „Ich war im Haus einer 73-jährigen Russin untergebracht, wir haben gemeinsam Weizen gemahlen, Brot gebacken und gegessen, ich konnte etwas Polnisch und habe zu dieser tollen Frau „Matka – also Mama – gesagt.“ Als Melder im Unterstab seiner Einheit sei er relativ unabhängig gewesen, habe nur selten seine Waffe benutzen müssen. „Dennoch gab es brenzlige Situationen, in denen ich mich zum Beispiel auf der Suche nach meinem Regiment verirrt habe und plötzlich mitten in einem Minenfeld gestanden bin.“ Rechberger ist überzeugt: „mein Dasein als Melder hat mir in Stalingrad das Leben gerettet.“

Am 31. Jänner 1943 lag die Stadt an der Wolga in Schutt und Asche, hatte die Rote Armee die deutsche 6. Armee fast vollständig aufgerieben. An diesem Tag begann für den Melder aus Hagenberg die vierjährige russische Kriegsgefangenschaft: „Ich musste hart arbeiten in Kalksteinbrüchen und in Sägewerken, war teilweise sehr geschwächt.“

Am 1. Oktober 1947 um 0.30 Uhr kehrte der damals 25-jährige Franz Rechberger von der Ostfront zurück nach Oberösterreich zu seiner Familie. „Das war ein Hallo, die ganze Nacht wurde erzählt und geschwatzt, niemand dachte ans Bettgehen.“ Die Besatzungszeit in der Russen-Zone beschönigt Rechberger nicht: „Da gab es Plünderungen und Vergewaltigungen, jeder Mensch ist halt verschieden.“ Ob er seine Erlebnisse von Stalingrad je ganz verarbeiten konnte? „Ich habe die Schrecken vergessen und bin fasziniert von der Gegenwart.“ Von 1983 an reiste der ehemalige Wehrmachts-Soldat nämlich 15 Mal nach Stalingrad, das längst in Wolgograd umbenannt worden war. „Ich habe dort wunderbare Freundschaften mit ehemaligen Rotarmisten geschlossen, wurde sogar zum Ehrenmitglied im russischen Veteranen-Verein ernannt.“

Odyssee eines Verwundeten

Vor beinahe siebzig Jahren hat Josef Prammer (89) sein Bein in der Hölle von Stalingrad verloren. Wehmütig ist der rüstige Pensionist und langjährige Gemeinde-Mitarbeiter in St. Georgen an der Gusen ob dieses Umstands nicht. Im Gegenteil. „Diese Verletzung war ein Glücksfall, hat mein Leben gerettet.“ Der 3. Dezember 1942 hat sich ins Gedächtnis von Prammer gebrannt. „Wir wussten, dass es schlecht um uns stand, wir im Kessel von Stalingrad eingeschlossen waren. Wir versuchten, die vorrückenden Russen aufzuhalten.“ An diesem 3. Dezember hat es laut Prammer geschneit, gegen 15.30 Uhr hat er kaum noch etwas gesehen. „Plötzlich flog mir eine russische Eiergranate vor die Füße, die explodierte so rasch, dass ich nicht mehr reagieren konnte.“ Prammers linkes Bein wurde zerfetzt. Vier Tage sollte es dauern, bis das kaputte Bein oberhalb des Knies amputiert worden ist. „Die Ärzte haben Tag und Nacht operiert, konnten sich nicht früher um mich kümmern.“ Was war sein erster Gedanke nach dem Erwachen aus der Narkose? „Ist meine Kamera noch da.“ Und das fehlende Bein? „Da habe ich nicht so viel nachgedacht, ich musste froh sein, dass ich noch lebe.“ Prammer ist im Besitz vieler alter Fotografien, von vielen ehemaligen Kameraden weiß er Geschichten zu berichten. In seinem alten Wehrpass sind unter anderem seine Verwundungen und Auszeichnungen eingetragen. Prammer ist nicht anzumerken, dass er nach Kriegsende viele Jahre nicht über seine Erlebnisse gesprochen hat. Heutzutage scheint er sich sogar über Interesse an seinem Leben zu freuen.

Am 17. Dezember 1942 verließ der schwer verwundete Soldat den Stalingrader Kessel in einer Junkers 52. „Da habe ich gefroren, weil die Maschine ein Loch hatte und wir zuvor 24 Stunden auf eine Starterlaubnis warten musste, ich war mit 17 anderen Verletzten in der Maschine und nur in eine Plane eingewickelt.“ Über Stalino und Lazarette in Dnjepopetrowsk, Lublin und Dresden ging es schließlich nach Linz. Prammers Odyssee von Stalingrad nach Hause dauerte bis zum 5. Mai 1943. Am 21. April 1944 wurde Soldat Prammer aus dem Militärdienst entlassen. Groll gegen die Russen hegt er keinen – Stalingrad konnte er vergessen, „weil ich zeitlebens in so vielen Vereinen so aktiv war.“ Wie es das Schicksal will, hat Prammers Sohn beim Arbeiten in Russland eine Russin kennen- und lieben gelernt. Vor allem mit der russischen Schwiegermama hat sich Prammer blendend verstanden, auch wenn sie kein Deutsch sprach und er nicht Russisch kann. „Schade, dass sie vor einem Jahr überraschend gestorben ist.“

Das Kriegsende herbeigesehnt

Wie Rechberger und Prammer, lebt auch der Linzer Toni Knoblehar nicht im Gestern, kann und konnte mit Hitler und den Nazis nichts anfangen und sagt: „Ich wurde meiner Jugend beraubt.“ Zum Kämpfen sei er gezwungen worden, „mir war relativ schnell bewusst, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Mit den Nazis und fanatischen Kameraden, die diesen Wahnsinn nicht sahen, wollte ich nichts zu tun haben.“

Als Funker im Stab des 48. Panzerkorps musste Knoblehar nicht an vorderster Front kämpfen, hatte auch nicht an Hunger oder Kälte zu leiden. „Unsere Stellungen wurden allerdings ab und zu aus der Luft beschossen.“ Seine Kriegserlebnisse hat der Linzer in dem Buch „Tagebuch einer verlorenen Jugend“ festgehalten. Es handelt sich im Wesentlichen um die Übersetzung seines Kriegtagebuchs. „Das habe ich in englischer Sprache geschrieben, damit die Kameraden nicht alles mitlesen konnten.“ Am 23. September 1942 schrieb Knoblehar: (...) Die Eroberung von Stalingrad wird immer härter, der Widerstand ist sehr stark, unsere Truppen sind abgekämpft. Wie ich in diesen Tagen mithören konnte, haben die Panzerdivisionen nur noch wenige intakte Panzer. Es ist bereits sehr kalt, in meiner Freizeit gab es nur einige gute Gespräche und das Radiohören. Der österreichische Soldat wünscht sich Heimaturlaub, sehnt das Kriegsende herbei. Doch dieses Ende sollte sich noch hinziehen. Knoblehars Funk-Trupp kapituliert an der Elbe. 6. Mai 1945: Letzte Originalaufzeichnung als Soldat der deutschen Wehrmacht. (...) Heute ist ein glücklicher Tag, – denn das ist das Ende dieses verdammten Kriegs und des preußischen Militarismus.

Knoblehar gerät in englische Gefangenschaft, macht sich dort als Dolmetscher verdient, ein Umstand der ihm Vorteile bringt. Was war für ihn das Schlimmste am Krieg? „Der psychologische Druck, für ein System kämpfen zu müssen, das ich abgelehnt habe.“

1972 Die Hölle von Stalingrad

500.000 Einwohner zählte Stalingrad (ab 1961 Wolgograd), als im Spätsommer 1942 die Vorhut der 6. Armee die Stadt erreichte. Zehntausende Bewohner konnten nicht rechtzeitig evakuiert werden, sie gerieten zwischen die Fronten, die Versorgung war katastrophal, viele Zivilisten starben.

Die Stadt erstreckte sich vor 70 Jahren über mehr als 30 Kilometer entlang der Wolga, bei nur fünf Kilometern Breite. Die Wolga, bis zu zwei Kilometer breit, schützte die Stadt. Den Namen des russischen Diktators Stalin erhielt das Industriezentrum, weil Stalin während der Oktoberrevolution die Verteidigung der Stadt gegen die Weiße Garde organisiert hatte.

Stalingrad war das industrielle Zentrum des Südens der Sowjetunion. Die Stahlgießerei „Roter Oktober“ beschäftigte mehr als 20.000 Mitarbeiter, in unmittelbarer Nähe befand sich das Traktorenwerk „Dserschinski“, in dem Panzer des Typs T34 produziert worden sind. Getreidesilos und Ölraffinerien prägten das Stadtbild. Übrig geblieben sind nur Ruinen.

Friedrich Paulus, Oberbefehlshaber der 6. Armee, befolgte bis zuletzt die Befehle Hitlers. Er verharrte im Kessel, verweigerte die Kapitulation. Nach zehn Jahren Kriegsgefangenschaft lebte Paulus bis zu seinem Tod 1957 in der DDR.

Die Schlacht um Stalingrad lässt sich grob in drei Phasen einteilen: Angriff der deutschen Wehrmacht ab 13. 9. 1942 („Operation Blau“).Ab 19. 11. Gegenoffensive der Roten Armee („Operation Uranus“) samt Einkesslung der 6. Armee. In der dritten Phase wird der Kessel erobert und aufgerieben.

 

Hintergrund von Historikerin Barbara Stelzl-Marx
Die Universitätsdozentin ist stellvertretende Leiterin am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Graz.

Die Schlacht um Stalingrad ist bereits 70 Jahre her – doch längst nicht vergessen.
Dazu tragen sicher auch die vielen Filme und Bücher bei, die es zu dem Thema gibt. Im Lauf der Zeit haben sich viele Mythen gebildet. Viele Familien in Österreich haben zumindest in ihrem weiteren Umfeld jemanden, der nicht mehr aus Stalingrad heimgekehrt ist. In Russland wird Stalingrad als Wendepunkt im Großen Vaterländischen Krieg instrumentalisiert und inszeniert.

Gekämpft wurde in Stalingrad nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Worten.
Die Propaganda spielte auf russischer und deutscher Seite eine wichtige Rolle. Weder Stalin noch Hitler wollten zurückweichen. Während Propaganda-Minister Joseph Goebbels nach der Stalingrad-Niederlage den „Totalen Krieg“ ausruft, steht auf russischen Flugblättern „... der Deutsche ist kein Mensch...“

Ungefähr 100.000 Wehrmachtsangehörige gerieten im Stalingrader Kessel in Gefangenschaft – nur rund 6000 kehrten später wieder heim.
Viele Soldaten waren bereits von den Entbehrungen der Kämpfe sehr geschwächt. Sie sind auf den teils langen Märschen oder bei harter Arbeit in den Lagern gestorben. Es gab zwar Übergriffe von russischer Seite, aber keine gezielte Vernichtung.

 
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Artikel Martin Dunst 08. September 2012 - 00:04 Uhr
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