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Die unendlichen Weiten des World Wide Web Bild: colourbox.com

"Die Grundidee des Internets ist Anarchie"

Interview zum Serienstart: Informatik-Professor Gustav Pomberger über Licht und Schatten des Internetzeitalters.

28. November 2015 - 00:05 Uhr
Am 9. November 1995 ging nachrichten.at unter dem Namen OÖ Online als eines der ersten österreichischen Medien-Portale ins Netz. Ein Rückblick und ein Jubiläum, auf das wir stolz sind - und Anlass für unsere Serie zum Thema "Schöne neue Welt".

Gustav Pomberger ist Mann der ersten Stunde, wenn es um das Internet geht. 1980 hat der heutige Informatik-Professor der Johannes Kepler Universität seine ersten E-Mails verschickt. Nichts habe die Gesellschaft so radikal verändert wie diese neue Technologie, sagt er. Eine Technologie, die viel Licht gebracht hat – aber auch viel Schatten.

  1. OÖNachrichten: Wir feiern heuer 20 Jahre nachrichten.at – seit wann sind Sie „online“?

    Pomberger: Seit meiner Zeit an der ETH Zürich im Jahr 1980. Wir waren damals sehr früh dran, hatten ein Uni-internes Netz und haben schon E-Mails und Dokumente verschickt. Als ich 1984 nach Linz kam, hatte ich das Gefühl, in der Wüste zu sein. Das Internet war zwar schon Thema an der JKU, aber die Infrastruktur war noch nicht so weit.
  2. Hatten Sie damals eine Ahnung, welche Dimensionen das Internet annehmen wird, dass es unser Leben dauerhaft verändert?

    Wir hätten nicht im Traum daran gedacht, dass es praktisch in jedem Haushalt möglich sein wird, E-Mails zu empfangen und Dokumente auszutauschen. Damals kamen die ersten Faxgeräte in die Haushalte – da war ein Fax schon eine Sensation. Aber wir waren überzeugt, dass sich das Internet nicht aufhalten lassen wird.
  3. In welchen Bereichen hat das Internet aus Ihrer Sicht unser Leben am stärksten verbessert?

    Hauptsächlich bei zwei Dingen: Der Wissenszugang ist ein unglaublicher Segen. In Sekundenschnelle finde ich dank Suchmaschinen und Online-Archiven Informationen. Die Suchalgorithmen haben riesige Fortschritte gemacht. Und zweitens, die Alltagsinformationen, die uns das Leben erleichtern und uns gar nicht mehr bewusst sind. Ich schaue mir das Tennis-Finale der US Open im Fernsehen an und denke gar nicht daran, welche Ingenieurleistung dahintersteckt. Die Vorteile des Internets überwiegen, sonst hätte es sich nicht so weiterentwickelt. Ein schlecht funktionierender Texteditor ist immer noch besser als kein Texteditor.
  4. Sie haben in einem OÖN-Interview im Jahr 2000 davon gesprochen, dass Sie eine E-Mail-Flut von 187 Mails pro Tag haben. Wie geht es Ihnen damit heute?

    Heute habe ich um 11.15 Uhr schon 144 E-Mails erhalten – und da hat meine Sekretärin schon die unrelevanten herausgelöscht. Ich muss ehrlich sagen, die Mails bringen mich fast um meine Lebensqualität. Ich weiß nicht, wie ich das managen soll. Es ist immer noch eine Plage.
  5. Eine Plage, die noch viel weiter reicht als das E-Mail-Postfach. Man denke an die vielen Informationen, mit denen man permanent überschüttet wird.

    Ich bin wirklich besorgt wegen dieser Reizüberflutung, vor allem, was unsere Kinder betrifft. Was heute noch sehr unterschätzt wird, ist die Gleichzeitigkeit. Wir lesen E-Mails, surfen parallel dazu im Web, daneben läuft ein Online-TV-Sender, und am Handy kommen auch Nachrichten herein. Wir tun es, weil es verfügbar ist. Das kann massive Auswirkungen auf unsere psychische und wahrscheinlich auch physische Gesundheit haben. So gesehen bringt uns das Internet nicht nur Lebenszeit, es kostet uns auch Lebenszeit.
  6. Kritische Worte, und das aus dem Munde eines Informatikers.

    Ich beschäftige mich einfach mit dem Thema. Aber wahrscheinlich gar nicht einmal stärker als jeder andere. Schließlich kann sich heute jeder die Infrastruktur, die für den Zugang zum Internet notwendig ist, leisten. Richtig entziehen kann man sich dem Ganzen längst nicht mehr. Da müsste man schon richtiggehend aussteigen.
  7. Wie schafft man es, davon nicht überfordert zu werden?

    Es bräuchte eine neue Kulturtechnik, wie man Wesentliches von Unwesentlichem unterscheidet, Signifikantes von Nicht-Signifikantem. Eine große Gefahr ist dabei die Trägheit unseres Bildungssystems, da diese Kulturtechnik nicht gelehrt wird. So ist Informationsgewinn oft ein Bumerang, weil die Info nur Schrott ist.
  8. Zum Teil auch gefährlicher Schrott.

    Natürlich. Über das Internet werden auch Ideologien verbreitet und Menschen manipuliert. Wo es Technologie gibt, wie im Übrigen auch Medikamente oder Ähnliches, wird es Missbrauch geben.
  9. Braucht das Netz eine Regulierung?

    Dieses Thema wird uns noch stark beschäftigen. Aber die Grundidee des Internets ist Anarchie. Wer macht denn die Regeln? Derjenige, der die Regeln vorgibt, ist am Ende ja auch derjenige, der der Manipulator ist.
  10. Vor 20 Jahren haben Sie noch gesagt, Österreich hinke hinterher in der Bereitschaft, neue Technologien zu nutzen. Wie ist das heute?

    Wir haben bei der Akzeptanz von Informations- und Kommunikationstechnologien enorm aufgeholt. Das ist jetzt eine subjektive Wahrnehmung, aber ich habe den Eindruck, dass die Handy-Dichte und die Nutzung der Smartphones bei uns höher ist als in New York.
  11. Es heißt, Daten sind das neue Öl. Haben wir dabei das Match nicht schon längst an die großen amerikanischen Firmen Google, Facebook und Amazon verloren?

    Ja, wir haben uns längst verkauft. Das beobachte ich seit 20 Jahren. Wenn es einmal so ein geografisches Monopol gibt, kann man fast nichts mehr daran ändern. Dabei hätten wir Europäer die gleichen Chancen gehabt. Wenn es um die wissenschaftlichen Grundlagen geht, waren wir immer schon an vorderster Front dabei. Bei der kommerziellen Ausschlachtung waren aber die Amerikaner besser.
  12. Ist dies das Ende der Privatsphäre?

    Wer ein Smartphone und einen ans Internet angeschlossenen Computer nutzt und glaubt, er hätte noch Privatheit, ist ein Illusionist. Wenn ich jetzt mein iPhone nutze, mache ich so gesehen eine permanente Schweinerei: Wenn ich ein Handy verwende, bei dem ich die Batterie nicht mehr entfernen kann, und Apps habe, die sich nicht wirklich deaktivieren lassen, dann muss mir bewusst sein, dass ich jeglicher Privatheit beraubt wurde.
  13. Machen Sie sich da keine Sorgen?

    Nein, nicht mehr. Ich war früher sehr skeptisch, hatte lange kein Handy. Aber ich habe den Gedanken an Privatheit aufgegeben. Ich mache mir keine Sorgen mehr über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann.
Gustav Pomberger    
Bild: privat
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