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Letzte Ruhe für Tote von Marienburg - 2.116 Gebeine beigesetzt

GLINNA. "Da lag ein Kinderkopf vor mir." Wenn Bodo Rückert über das Massengrab im polnischen Marienburg (Malbork) spricht, ist er immer noch sichtlich betroffen. Die mehr als 2.100 Leichen aus dem Zweiten Weltkrieg waren im Oktober zufällig beim Bau eines Hotels am Fuße der berühmten Ordensburg in Marienburg gefunden worden.

POLAND WAR MASS GRAVE

Das entdeckte Massengrab von Malbork (Polen) Bild: EPA

In dem Grab befanden sich die Gebeine von 2.116 Menschen, darunter 1.001 Frauen, 381 Männer und 377 Kinder - die restlichen Leichen konnten nicht genauer identifiziert werden. Am Freitag ist Rückert auf einen deutschen Friedhof bei Stettin gekommen, um die Leichen endlich würdevoll zu bestatten, bei denen es sich vermutlich um deutsche Zivilisten handelte.

Auf der Kriegsgräberstätte in Glinna, einem kleinen Dorf, das zur Gemeinde Stare Czarnowo (Neumark) gehört, wurden bisher mehr als 13.000 deutsche Soldaten beerdigt. Nach dem Fund in Marienburg legte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hier ein gesondertes Grabfeld für Zivilisten an. Auf der Wiese ist ein großes Grab ausgehoben, darin stehen in vier Reihen mehr als 100 Holzsärge. Rund 300 Menschen sind zu der Trauerfeier unter freiem Himmel gekommen, die von Geistlichen aus Deutschland und Polen geleitet wird. Der Leichenfund hatte in beiden Ländern für Aufsehen gesorgt - nicht allein wegen der großen Zahl der Toten.

"Das sah so aus, als ob die wild verscharrt wurden", erinnert sich der 72-jährige Rückert, der für den deutschen Heimatkreis Marienburg zur Beisetzung gekommen ist. "Die waren alle nackt - das ist ja das Mysteriöse." Nach Einschätzung von Experten kamen die Toten von Marienburg zwischen Jänner und März 1945 durch Kälte, Hunger und Krankheiten ums Leben. Nur wenige Gebeine weisen laut der gerichtsmedizinischen Untersuchung Merkmale eines gewaltsamen Todes wie Einschusslöcher oder Verbrennungen auf.

Gefunden wurden die Leichen nur gut 300 Meter vom mittelalterlichen Schloss des Deutschen Ordens entfernt, einer der größten Touristenattraktionen Polens. Marienburg gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zum deutschen Ostpreußen und war im Frühjahr 1945 Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht, bei denen die Festungsanlage der Ordensritter zu großen Teilen zerstört wurde. Die Polen bauten sie wieder auf, heute gehört die Backsteinburg zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Der Heimatkreis Marienburg hat laut Rückert eine Liste mit den Namen von 1.800 Menschen erstellt, die nach dem Krieg in der Stadt vermisst wurden. "Viele Marienburger glauben, dass einige von den Toten darunter sind", sagt der 72-jährige, der heute in Köln lebt. Unter den Toten könnten aber auch deutsche Zivilisten aus anderen Orten sei, die auf der Flucht in Marienburg gestorben seien. "Wer diese Menschen wirklich waren und wie sie zu Tode kamen, das ist immer noch nicht ganz verlässlich beantwortet", sagt der Präsident des Volksbundes, Reinhard Führer.

Der ehemalige Marienburger Rückert ist froh, dass die Toten nun endlich würdig bestattet werden, obwohl dies nun "fern der Heimat" geschieht. Auch die meisten Marienburger hätten die Toten gerne in Marienburg bestattet, sagt der 72-Jährige, der viele Freunde in Polen hat. In Marienburg und Umgebung habe es keine geeignete Friedhofsfläche gegeben, sagt Volksbund-Chef Führer. In Glinna sollen künftig auch weitere zivile Kriegsopfer aus Polen beerdigt werden. Führer geht davon aus, dass seine Mitarbeiter "mit Sicherheit" weitere Gräber finden.

Typische Streitigkeiten, wie sie das deutsch-polnische Verhältnis angesichts seiner wechselvollen Geschichte immer wieder belasten, habe es bei der Suche nach einer letzten Ruhestätte für die Toten aus Marienburg nicht gegeben, betont Führer. "Ich bin sicher, dass uns dieser Anlass eher näher bringt als trennt." Durch die Entdeckung des Massengrabs sei vielen Polen klar geworden, dass auf deutscher Seite "auch Unschuldige ums Leben gekommen sind, dass man nicht nur selbst gelitten hat".

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Artikel apa/nachrichten.at 14. August 2009 - 19:23 Uhr
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