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Bild: VOLKER WEIHBOLD
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Achtung Stufe: Im Rollstuhl durch Linz

  • Österreich hat die Barrierefreiheit zum Gesetz erhoben. Aber wie ungehindert können sich Rollstuhlfahrer fortbewegen?
  • Christoph Etzlstorfer ist einer von ihnen. Er ist mit Roswitha Fitzinger durch Linz gerollt.

Im Rollstuhl durch Linz

"A m besten, du setzt deine Arme so weit wie möglich hinten an und schiebst mit einer flüssigen Bewegung das Rad nach vorne", erklärt Christoph Etzlstorfer und umfasst das metallene Greifrad.

Plötzlich im Rollstuhl – dieser Moment kam für den 52-Jährigen Linzer im Alter von 17 Jahren nach einem Turnunfall in der Schule. Für mich "Normalo" hingegen ist es nichts weiter als ein Experiment, auf das ich mich einlasse, um den Blick zu schärfen für etwaige Hindernisse, die sich Rollstuhlfahrer tagtäglich in den Weg stellen.

 

Seit Jahresbeginn ist das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Menschen mit Behinderung sollen ungehindert überallhin gelangen, bauliche Barrieren verschwunden sein. So verlangt es der Gesetzgeber. Aber ist die so genannte Barrierefreiheit – nach einer immerhin zehnjährigen Übergangsfrist – auch Praxis oder doch bloß Theorie?

Die kurze Einschulung ist vorbei, die beiden Feststellbremsen sind gelöst, die Testfahrt kann beginnen. An der ersten, baustellenbedingten Engstelle vorbei wird der nächstgelegene Bankomat angepeilt. Bargeld braucht jeder einmal. Während ich noch darüber nachdenke, ob die Länge meiner Arme auch ausreicht, um die Tasten zu erreichen, ist schon einen Meter vor der Geldmaschine Endstation. Kapitulation vor zwölf Zentimetern. So hoch ist die Stufe, die zum Podest führt. "Das schaffe auch ich nicht", sagt mein Begleiter achselzuckend. "Um Hilfe bitten oder weiterfahren und sich einen anderen Automaten suchen," lautet sein Ratschlag. Die Entscheidung fällt auf Letzteres.

Achtung Stufe
Stufen sind nach wie vor die häufigsten Hürden für Rollstuhlfahrer. Viele sind ohne Hilfe nicht überwindbar.  
Bild: VOLKER WEIHBOLD

Stufen und die Zugänge zu Toiletten seien die häufigsten Knackpunkte für Rollstuhlfahrer, erzählt Etzlstorfer, vielfacher Paralympics-Teilnehmer und mehrfacher Medaillengewinner bei Welt- und Europameisterschaften, während die beiden Rollstühle flott weiterrollen. Zwar hätte sich in den vergangenen zehn Jahren vieles verbessert, aber längst funktioniere nicht alles klaglos, so Etzlstorfer: "Optimal ist es meist nur in Einkaufszentren." Auch Lebensmittelgeschäfte seien solche Inseln der Barrierewelt. "Allerdings nicht wegen uns Rollstuhlfahrer, sondern wegen der Einkaufswägen." Trotzdem verdeutliche dies, dass es ohne weiteres auch ohne Stufen gehe.

"Barrierefreiheit bedeutet für mich, mich dorthin bewegen zu können, wo ich hin möchte, ohne überlegen zu müssen, ob es ein Hindernis gibt."
Christoph Etzlstorfer

Gemächliches Einrollen in eine Einkaufspassage: Hier ist es nicht nur schön warm, sondern bis auf ein, zwei Ausnahmen sind alle Lokale und Geschäfte ebenerdig zugänglich. Selbst der Bankomat hat die passende Höhe – und keine Stufe davor. Geht doch!

Bergwertung

Das Geld ist weggepackt, der Weg aus der Einkaufspassage ein Hügelchen – zumindest für den, der zu Fuß unterwegs ist. Für die Rolli-Anfängerin wird er zur unerwarteten Bergwertung. Der Oberkörper nach vorn gebeugt, werden die Armbewegungen immer kürzer und schneller, der Puls steigt. Anschieb-Hilfe wird abgelehnt, es muss schließlich auch ohne gehen. Erleichterung, als sich die Türe ins Freie automatisch öffnet. Puhhh! Der Weg zur Landstraße führt über Pflastersteine und Straßenbahnschienen. Beides erweist sich zwar als holprig, aber unproblematisch. Endlich eine lange Gerade. Das müsste doch locker gehen ...? Mitnichten. Das leichte, mit dem freien Auge kaum erkennbare Gefälle zur Straßenmitte macht ein ständiges Gegenlenken erforderlich. Der linke Arm ist im Dauereinsatz. "Jetzt weißt du, warum selbst ich manchmal die Straßenseite wechsle", sagt Christoph Etzlstorfer und erzählt von Amerika, dem Musterland in Sachen Barrierefreiheit. "Ob ich nun ins Kino oder in ein Restaurant gehen möchte, ich muss nicht planen, weil ich weiß, es funktioniert." Ein Umstand, der sowohl der jungen Bausubstanz der Gebäude als auch der Vielzahl an US-Veteranen geschuldet sei, erklärt er.

Neu gebaut wird auch hierzulande, Barrierefreiheit ist deshalb jedoch keine Selbstverständlichkeit. "Nicht alle alten Gebäude können umgebaut werden. So realistisch bin ich. Wenn allerdings selbst in Neubauten Stufen als reines Gestaltungselement oder Toiletten im Keller eingeplant werden, dann ist das gedankenlos." Den Architekten fehle es vielfach an dem dafür notwendigen Bewusstsein. "Barrierefreiheit müsste bereits in der Ausbildung, im Studienplan fixiert werden", so Etzlstorfer, der einen kleinen Pizzaimbiss ansteuert.

Achtung Stufe
 
Bild: VOLKER WEIHBOLD

Selbiger ist ein Paradebeispiel dafür, dass selbst in einem kleinen Lokal Barrierefreiheit umgesetzt werden kann. Und die Glastür am Eingang? "Ach, das geht problemlos", sagt Etzlstorfer, während einer der Angestellten bereits zur Tür eilt. Viel Platz bleibt nicht zwischen Stühlen und der Wand, aber der Rollstuhl rollt problemlos vorbei. Selbst eine behindertengerechte Toilette gibt es. "Hier hat man wirklich mitgedacht", lobt der Linzer. Überhaupt: In der Innenstadt läuft vieles problemlos. "Die Gehsteige sind mittlerweile fast alle abgeschrägt, da hat sich viel getan", sagt er. Tatsächlich.

24.000 Menschen sind in Österreich auf den Rollstuhl angewiesen, 4000 davon sind querschnitts-gelähmt.

An einer großen Kreuzung ist ein Stück der Gehsteigkante abgefräst. Hinab ist kein Problem, auf der anderen Seite hinauf allerdings schon. Das kaum sichtbare Stüfchen von schätzungsweise einen Zentimeter Höhe reicht, um das Lenkrad auflaufen und den Rollstuhl nach vorne kippen zu lassen. Einfach aufstehen kommt nicht in Frage. "Soll ich ihnen helfen", fragt ein Passant und packt auch gleich an. Ich bin froh um die Unterstützung, aber ungefragtes Helfen ist nicht jedes Rollstuhlfahrers Sache. Für jene, die das Nachhinten-Kippen ihres Gefährtes beherrschen, sind solche Höhen freilich ohnehin kein Problem. Macht nichts. Keep on rolling. Während die Fußgeher über unsere Köpfe hinwegsehen, blicke ich geradewegs in freundliche Kinderaugen, befinde mich auf Augenhöhe mit neugierigen Hunden, die mir ihre feuchte Schnauzen ins Gesicht strecken. Es ist ein ruhiger Tag in der Innenstadt. Aber was, wenn sich hier die Massen bewegen ...? Während ich den Gedanken lieber nicht zu Ende denke, weicht mein Rollstuhl-Partner einer wartenden Menschentraube an einer Straßenbahnhaltestelle geschickt aus. Ich lasse ausweichen, zu sehr damit beschäftigt, mein Gefährt geradeaus zu halten, denn der verda.... Gehsteig neigt sich schon wieder oder immer noch, vom Ziehen in meinem linken Arm ganz zu schweigen. Aber das Ziel ist beinahe in Sichtweite.

Froh keinen Meter mehr fahren zu müssen, steige ich nach zwei Stunden aus dem Rollstuhl – erstaunt über die vielen kleinen, Barrieren, die als Rollstuhlfahrer deine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen und zum großen Hindernis werden. Christoph Etzlstorfers Fazit in Sachen Barrierefreiheit ist ein anderes: "Es hat sich schon viel getan und die Barrieren sind weniger geworden, es gibt aber immer noch viel Luft nach oben."

 

Beschämend und widerlich
Erwin Riess  
Bild: privat

"Beschämend und widerlich"

Beschämend und widerlich

Schriftsteller und Rollstuhlaktivist Erwin Riess zur Barrierefreiheit in Österreich und den USA

Zehn Jahre war Zeit, die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden und Geschäften, im Personenverkehr und der Gastronomie zu gewährleisten. Das schreibt eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2005 vor. Barrierefreiheit kommt nicht nur den zehn bis fünfzehn Prozent behinderten Menschen, sondern auch alten und gebrechlichen Menschen, Müttern und Vätern mit Kinderwägen und temporär behinderten Menschen zugute. Barrierefreiheit heißt Komfort für alle. Die Herstellung einer zugänglichen Umwelt löst darüber hinaus Aufträge für die Bauwirtschaft aus, schafft und sichert heimische Arbeitsplätze. Das Geld ist also doppelt gut angelegt.

Durch meine Arbeit an der New York University konnte ich in den Jahren 1986 bis 1997 die Einführung und Umsetzung des "Americans with Disabilities Act" – dem weltweiten Vorbild für alle Anti-Diskriminierungsgesetze – als Betroffener erleben. Wer bei Neubauten und umfassenden Sanierungen auf Barrierefreiheit "vergisst", zahlt eine spürbare Strafe und wird aufgefordert, den gesetzeskonformen Zustand in einer kurzen Frist herzustellen. Wenn das Unternehmen weiter säumig ist, droht eine saftige Strafe von mehreren tausend Dollar, wenn dann noch immer nichts passiert, wird der Laden geschlossen – und sei es ein Restaurant im Eigentum von Clint Eastwood (der Fall ging durch die Weltpresse). Weil das Gesetz keine Verzögerungen, Ausflüchte und andere Tricksereien erlaubt, kam es in den USA binnen weniger Jahre zu einer Revolutionierung der gebauten Umwelt.
Eine Klagsflut blieb aus, "it’s the law" sagen die freiheitsliebenden Amerikaner, da hilft kein Herumdeuteln. Ich habe das Gesetz im Vorjahr wieder in New York getestet. Die Unterschiede zu Österreich könnten größer nicht sein. Menschen mit Behinderung können sich in dieser Stadt ohne Einschränkungen bewegen.

In Österreich ist das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich ein Ungetüm. Es sieht nämlich keine direkte Klagsmöglichkeit vor, allenfalls ist die gerichtliche Feststellung einer Diskriminierung möglich, mit der Pönale kann man fünf Mal ins Kino gehen. Das alles verblasst aber neben dem Prunkstück des Gesetzes: neu errichtete (z. B. Fischhändler Nordsee, McDonald’s) und unsanierte Barrieren (Parkhotel Pörtschach, Moser Verdino Klagenfurt) müssen selbst bei einer Verurteilung in der Folge einer gescheiterten Schlichtung NICHT beseitigt werden. Man kann in Österreich Barrierefreiheit auf dem Klagsweg NICHT durchsetzen. So weit, so beschämend. Widerlich wird es, wenn man hinzufügt, dass der Bund seine Frist bis zum Jahr 2020 erstreckte und die Stadt Wien ihre Frist gar bis ins Jahr 2042 ausdehnte. Barrierefreiheit wird in Österreich auch in dreißig Jahren eher die Ausnahme als die Regel sein.

Dr. Erwin Riess ist Schriftsteller ("Groll-Romane", Theaterstücke), Aktivist der autonomen Behindertenbewegung und Rollstuhlfahrer seit 1980. Lehraufträge und Lesereisen führen ihn häufig ins Ausland. Riess lebt in Wien und Klagenfurt.

Von Roswitha Fitzinger, 23. Januar 2016

Kommentare

„Warum will jetzt auf einmal Ungar alle Welt manisch zu Nordsee hinein? “ Ruflinger Warum will jetzt auf einmal Ungar alle W...
„Leider wurden bei diesem Selbstversuch der mir sehr imponiert hat, die öffentlichen ...“ waltmart Leider wurden bei diesem Selbstversuch d...
„"Nicht alle alten Gebäude können umgebaut werden. So realistisch bin ich."Leider ist das ...“ alleswisser "Nicht alle alten Gebäude können umgebau...

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