Spezial

Menü
Facebook Twitter Google+ E-Mail
Die moralische Autorität Deutschlands

Böll neben Philosoph Theodor W. Adorno und dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (v.l.) Bild: dpa

Heinrich Böll - Die moralische Autorität Deutschlands

Am 21. Dezember wäre der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden.

Von Peter Grubmüller, 11. November 2017 - 00:04 Uhr

"Ich bin ein potent Krimineller. Sonst können Sie gar keine Romane schreiben, wenn Sie nicht potent kriminell sind." Diese Sätze sprach Heinrich Böll 1981. Sie waren Wasser auf den Mühlen all jener, die Böll verdächtigten, ein Naheverhältnis zum Terrorismus zu haben. Böll, der 1917 in Köln als Sohn eines Tischlers und Bildhauers zur Welt kam, war in den 70er-Jahren wie viele andere deutsche Intellektuelle einer Hexenjagd ausgesetzt, weil die kritischen Köpfe der BRD dieser Zeit in der Analyse von Entwicklung und Wesen des Terrorismus und in dessen Bekämpfung Schwachstellen der Demokratie gleichermaßen erkannten wie begründeten.

"Die Öffentlichkeit macht einen zur moralischen Autorität, ich habe dieses Image nie gewollt", sagte Böll 1975, als die konzertierte Kampagne gegen ihn aus dem strengen bürgerlichen Lager im Gefolge der Entführung des Industriellen-Chefs Hanns Martin Schleyer durch die RAF noch gar nicht begonnen hatte.

Heinrich Böll
Der Wehrmacht-Soldat Heinrich Böll

Am Beispiel dieses Dichters und politischen Publizisten werden Verantwortung und Wirkung des Schriftstellers deutlich. Eines Schriftstellers, der die Kunst nicht von der Wirklichkeit trennen will, weil er gar nicht kann. In der schlichten Aussage Bölls, "man schreibt über das, was man weiß", ist die Summe der Aufgabenstellung ausgerechnet. Böll sah seine Aufgabe nie in der Herstellung von Belletristik – also einer schönen, vielleicht auch die Wirklichkeit schönenden Literatur und künstlichen Überhöhung der Fakten. Für ihn war Schreiben Sachverhaltsdarstellung, mit seiner Feder als Spot, die ihm Werkzeug war, Ausschnitte der gesellschaftlichen Untiefen hervorzuheben.

Die moralische Autorität Deutschlands
Heinrich Böll gehörte wie Nobelpreis-Kollege Günter Grass der Gruppe 47 an – dem legendären Schriftstellertreffen, zu dem von 1947 bis 1967 der Dichter Hans Werner Richter einlud  
Bild: dpa

Drei Mal verwundet

Nach dem Abitur begann Böll eine Buchhändlerlehre, wurde aber schon ein Jahr später zur Wehrmacht eingezogen. Drei Mal wurde er verwundet, seine Mutter erlag während eines Fliegerangriffs einem Herzinfarkt. Mehrere Monate verbrachte Böll in einem amerikanischen Lager in Ostfrankreich. Zurück in Deutschland, studierte er Germanistik. Seine Frau Annemarie war Lehrerin und gewährleistete das Einkommen.

Prügelknabe und Liebling

Böll wurde Dreschflegel, Intellektuellen-Liebling und Prügelknabe einer Nation, die mit ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigt war und auch deshalb ihrer eigenen, zutiefst verunsicherten Jugend ratlos gegenüberstand. Die politische Komponente seines Schaffens war auch die Begründung für die Verleihung des Nobelpreises 1972 und damit an den ersten Deutschen, seit Thomas Mann 1929 mit dieser Auszeichnung gewürdigt worden war.

Die moralische Autorität Deutschlands
Böll bei der Verleihung des Nobelpreises 1972  
Bild: dpa

Aus dem traditionellen Rahmen der Romangestaltung oder der Stilistik hatte er sich kaum hinausbewegt. Aber wer über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg spricht, der wird an seinen Werken nicht vorbeikönnen.

Böll starb am 16. Juli 1985, einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, wo er sich wegen eines Gefäßleidens hatte operieren lassen.

 

Sonderausgaben

Der Verlag dtv hat zu Heinrich Bölls 100. Geburtstag eine limitierte Sonderedition mit den fünf wichtigsten Werken des Schriftstellers aufgelegt:

„Ansichten eines Clowns“, Roman, 304 Seiten, 12,40 Euro.

„Billard um halb zehn“, Roman, 336 Seiten, 12,40 Euro.

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum – oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, Erzählung, 160 Seiten, 10,30 Euro.

„Irisches Tagebuch“, 144 Seiten, 10,30 Euro

„Wanderer, kommst du nach Spa...“, Erzählungen, 224 Seiten, 12,40 Euro

Mehr zum Thema

Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden.
Was sagen Sie zum Thema? Jetzt kommentieren

Haben Sie bereits einen Benutzernamen? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Um sich registrieren zu können müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort, Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Handynummer mitteilen.
Gewünschter Benutzername
Gewünschtes Passwort
Wiederholung Passwort
E-Mail
Anrede
  Frau    Herr 
Vorname
Nachname
OÖNcard / Kundennummer (optional)
Handynummer
/

Sicherheitsfrage
Wie viel ist 2 + 2? 
Bitte Javascript aktivieren!