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"Die Einheit der Kirchen ist eine Frage des Willens"

Bischof Manfred Scheuer und Superintendent Gerold Lehner in der Lutherkirche in Linz Bild: VOLKER WEIHBOLD

"Die Einheit der Kirchen ist eine Frage des Willens"

OÖN-Interview zum Jahrestag des Anschlags der Thesen Luthers mit Superintendent Gerold Lehner und Diözesanbischof Manfred Scheuer. Für Lehner ist eine Wiedervereinigung unter einem gemeinsamen Dach möglich und nützlich, wenn die Eigenart erhalten bleibt.

Von Josef Achleitner, 31. Oktober 2017 - 00:04 Uhr

Es ist umstritten, ob Martin Luther seine 95 Thesen zur Kirchenreform heute vor 500 Jahren wirklich selbst an der Kirchentür zu Wittenberg angeschlagen hat. Jedenfalls gibt es sie, und sie haben nicht nur zur Abspaltung von Reformkräften geführt, sondern auch zu ungeheurem Bildungsaufschwung durch die deutsche Bibelübersetzung Luthers und andere Schriften. Nach Kriegen, Verfolgung, Verbot und Benachteiligung der jeweiligen Minderheit suchen die evangelische und katholische Kirche seit Jahrzehnten wieder Gemeinsamkeiten im ökumenischen Prozess..

 

OÖNachrichten: Die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 haben viel Echo gefunden. Überraschend waren die vielen gemeinsamen evangelisch-katholischen Aktionen.

Lehner: Wir haben das bewusst so gemacht, haben zu Jahresbeginn ein "Gemeinsames Wort" veröffentlicht, in dem jeweils vier hochkarätige Personen von beiden Seiten miteinander zum Reformationsgedenken Stellung nehmen und alle strittige Fragen benennen. Das war eine ganz andere Basis. Scheuer: Es hat gerade auf katholischer Seite ein großes Interesse an Veranstaltungen gegeben. Das betrifft gemeinsame Fahrten, etwa Wittenberg, ökumenische Gottesdienste, aber eben auch den Bildungsbereich. Es gab durch das Land eine große Offenheit.

In Deutschland gab es im Lutherjahr etwa in Wittenberg zu große Erwartungen. Können Sie zufrieden sein?

Lehner: Was wir in Oberösterreich an Großem gemacht haben, hat die Erwartungen eigentlich erfüllt: beim Kirchentag am Domplatz und beim Landhaus. Wir hatten mit 2000 Besuchern gerechnet, die sind auch da gewesen. Dann gab es sehr viele Einzelveranstaltungen. Die katholische Seite war da schon ein Wahnsinn: diese Offenheit, die Neugier, das Miteinander.

Man möchte mehr voneinander wissen.

Lehner: Das Verhältnis ist nicht mehr so vorbelastet. Bis heute noch treffe ich tief berührte Mitmenschen, die sagen, was es für sie bedeutet hat, am Domplatz zu stehen. So viele Leute, die Verletzungen von früher hatten, etwa aus gemischtkonfessionellen Ehen. Viele waren zu Tränen gerührt, zu sehen, dass das heute ganz anders ist.

Die vielen Gemeinsamkeiten sind erfreulich, dennoch geht es beiden Kirchen nicht gut, was Austritte oder die Distanz der Menschen betrifft. Hat sich da in diesem Jahr etwas geändert?

Lehner: Ich glaube, dieses Jahr hat uns geholfen, die Prioritäten wieder klarzukriegen. Was hilft mir eine Kirche, die 80 Prozent der Leute umfasst, die sich aber nicht von allen anderen unterscheidet? Reformation heißt schlicht und einfach Umkehr, wieder sich hinzudrehen zu dem, der uns eine bestimmte Art zu leben gelehrt hat. Wir brauchen keine neuen Pfarren, nicht neue Zahlen, sondern dass Kirche wieder eine Kraft aus dem Evangelium heraus wird, dass man anders, verantwortungsbewusst, lebt. Scheuer: In der Wirtschaftsgesellschaft gibt es etwas wie die Magie der Zahlen. Ich glaube, es ist auch gut für die katholische Kirche, sich nicht so sehr von den Zahlen erdrücken zu lassen, die uns natürlich oft um die Ohren fliegen.

"Die Einheit der Kirchen ist eine Frage des Willens"
OÖNachrichten-Interview der beiden Kirchenoberen  
Bild: VOLKER WEIHBOLD

Nicht wenige Menschen,die auf Distanz zu den Kirchen gehen, suchen Spiritualität, etwa durch Meditationsangebote. Fehlt da nicht ein Angebot der Kirchen zur Lebenshilfe?

Scheuer: Ich würde schon sagen, Urauftrag der Kirche ist, Leben zu gestalten. Ich würde aber nicht die Marktlogik auf den Glauben übertragen, weil das letztlich zu Konsumdenken führt. Glaube, Nachfolge Christi, ist nicht mit dieser Logik zufrieden, das geht nur mit eigenem Engagement. Natürlich brauche ich auch Lernhilfen, um innere Widerstandskraft zu haben und innere Freiheit zu gewinnen, aber indem ich mich einlasse, nicht kaufe. Lehner: Ich würde das unterstützen. Natürlich suchen Menschen Haltepunkte. Wenn sie Gemeinschaft erleben, fühlen sie sich wohl. Aber das ist nur der erste Schritt, weil wir sind ja keine Wohlfühlgemeinschaft. Aus dem Angenommensein erwächst der Blick: Aha, wie soll ich leben, dass ich Menschen wahrnehme und mit ihnen entsprechend umgehe? Also ein neues Sensorium für ein neues Leben gewinnen.

Zur Grundsatzfrage der Ökumene: Gibt es eine Chance auf eine Wiedervereinigung der getrennten Kirchen?

Scheuer: Grundsätzlich denke ich einmal, das Hauptaugenmerk dieses Jahres liegt nicht darauf, wie wir wieder zusammenkommen oder was uns trennt. Wir sind dankbar dafür, was uns verbindet. Uns verbindet viel mehr, als uns trennt. Die Verbindungslinien laufen ja nicht einfach zwischen evangelisch und katholisch. Es gibt in der katholischen Kirche so unterschiedliche Flügel, die miteinander weniger zu tun haben, als wir beide hier miteinander zu tun haben. Ich vermute, dass das in der evangelischen Kirche ganz anders ist (lacht). Einheit ist ja nicht einfach ein institutioneller Vollzug, sondern ein lebendiger Vollzug von Gemeinschaft. Wir haben in diesem Jahr viel voneinander gelernt, und das ist eigentlich ein ganz starker Vollzug von Einheit. Lehner: Die Frage der Einheit ist nicht nur eine Frage: "Wird das kommen?", sondern eine Frage: "Will ich?" Ich sage, ich will, dass sie kommt. Natürlich ist das eine hochkomplexe Frage. Das Ursprungsbild ist ein Haus, jemand wird rausgeworfen. Die Tür ist zu. Wenig weiter wird ein neues Haus gebaut. Jetzt habe ich zwei Häuser, die durch Gräben und Zugbrücken voneinander getrennt sind über Jahrhunderte. Im 20. Jahrhundert hat man angefangen, Zugbrücken herunterzulassen, man hat gemeinsame Wege angelegt, die inzwischen wirklich zu gut begangenen Straßen geworden sind, man hat kleine Häuschen dazwischen gebaut. Und ich glaube, dass Ökumene in Zukunft nicht mehr so funktionieren wird, dass der eine sein Haus abreißt und beim anderen einzieht, oder alle zwei Häuser abgerissen werden und ein neues gebaut wird, sondern etwas ganz organisch entstehen wird, und es wird irgendwann einen organischen Umschlag geben müssen. Wir werden dazwischen immer weiter bauen, und irgendwann wird der Punkt kommen, wo wir sehen: Es ist schon so nahe, dass wir fast ein gemeinsames Dach haben.

Wo sind die Stolpersteine?

Lehner: Ich glaube, es spitzt sich trotzdem auf die Frage der gemeinsamen Eucharistiefeier zu und auf die Frage: Wollen wir aus dem gemeinsamen Kern heraus, und daran arbeiten wir auch, auch am gemeinsamen Haus bauen, sodass die jeweiligen Eigenarten erhalten bleiben, aber trotzdem klar ist: Das ist ein Dach. Oder ein Fundament. Auf Dauer können wir nicht nur nebeneinander friedlich leben und uns freuen, dass wir durch viele Wege verbunden sind, sondern da geht es schon um mehr.

Die Ablehnung des Papsttums war immer eines der Kernanliegen des Protestantismus. Ist das unverändert?

Lehner: Interessanterweise tritt das Papstthema ein bisschen in den Hintergrund. Ich bin natürlich auch nur ein Teil der evangelischen Kirche. Aber wir haben genau gehört, was Johannes Paul II. gesagt hat: Dieses Amt darf kein Hindernis für Ökumene sein. Das Papsttum hat eine enorme Chance, weil die Einheit eine Person braucht, die man anschauen kann. Und wo man sich orientieren kann. Insofern können wir aus evangelischer Sicht durchaus mit, wenn Franziskus das Amt als Bischof in Rom und Bischof unter vielen anlegt. Kirchenrechtlich gibt es da natürlich schon auf beiden Seiten Schwierigkeiten. Scheuer: Ich habe in den letzten drei Jahren oft gesagt, wie Papst Franziskus das Amt anlegt, da können wir aus ökumenischer Sicht schon mit. Antirömische Affekte sind in der katholischen Kirche zurzeit gelegentlich stärker als in der evangelischen.

einige strittige punkte in der Ökumene
Die Wartburg, Luthers Rückzugsort  
Bild: APA/EPD/MARCO USCHMANN

Einige strittige Punkte in der Ökumene

Die Suche nach Gemeinsamkeiten, kurz Ökumene, ist erklärter Wille der katholischen wie der evangelischen Seite. An einigen Punkten hakt die Debatte.

Amtsfrage: Diese Frage betrifft nicht nur das Papsttum, sondern die Rolle der Priester in der katholischen Kirche und der Pfarrer in der evangelischen. Bisher ist ein gemeinsames Abendmahl nach katholischen Vorgaben nicht möglich, weil einem evangelischen Pfarrer die Weihe fehlt. In der Realität kommen ökumenische Abendmahle vor.

Papsttum: Das ausschweifende und machtbesessene Leben der Kirchenfürsten, besonders aber der damaligen Päpste, war einer der Hauptgründe für den Widerstand von Luther. Über die Jahrhunderte entwickelte sich unter den Evangelischen auch eine ins Politische gehende grundsätzliche Ablehnung des Papsttums („Los von Rom“). Das Verhältnis hat sich gelockert.

Rechtfertigungslehre: Zu einer Einkommensquelle für Päpste und Bischöfe war zu Luthers Zeit der Ablasshandel geworden: Sündenbefreiung gegen Spenden. Luther sagte: Der Gläubige steht auch ohne Gaben in der Gnade Gottes. In der Frage gibt es heute kaum noch Theologenstreit.

 

Eine Chronologie

  • 1517: Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg
  • 1520: In Steyr gibt es erste Auseinandersetzungen um einen der Reformation zugeneigten Prediger. Luthers Idee findet in Oberösterreich rasch Anhänger, weil man mit dem Klerus unzufrieden ist. Durch Eisenhandel und Salzwirtschaft gibt es enge Kontakte nach Deutschland.
  • 1522: Christoph Jörger, der Sohn von Dorothea und Wolfgang Jörger (Landeshauptmann von 1513 bis 1521), geht nach Sachsen und schließt sich Luther an.
  • 1525: Sowohl in Gmunden, Steyr, Wels, Linz, Freistadt und Vöcklabruck setzt sich die Lehre Luthers rasch durch. Viele Geistliche laufen zum Luthertum über.
  • 1527: In Passau wird gegen Waizenkirchens Pfarrvikar Leonhard Käser ein Ketzerprozess geführt. Im August wird Käser in Schärding verbrannt.
  • 1546: Martin Luther stirbt.
  • 1555: Der Augsburger Religionsfriede legt fest, dass die Untertanen den Glauben ihres Landesherrn anzunehmen haben. Es ist der Beginn der gegenreformatorischen Bestrebungen. Dass die katholisch gebliebenen Habsburger gegen die Protestanten vorerst nicht viel unternehmen, liegt auch an der Bedrohung durch die Türken.
  • ab 1570: Die religiösen Unruhen, die von 1570 bis in die Neunzigerjahre die Pfarren Windischgarsten, St. Leonhard und St. Pankraz erschütterten, und der so genannte Sierninger Handel von 1588, der durch Rekatholisierungsmaßnahmen ausgelöst wurde, waren erste Vorboten der gewaltsam durchgesetzten Gegenreformation, die ihren Höhepunkt in den Bauernaufständen von 1594 bis 1597 und von 1626 finden.
  • 1781: Das Toleranzpatent Josefs II. beendet die Gegenreformation. Zur Überraschung der Regierung melden sich nach fast 160 Jahren Verbot allein in Oberösterreich bald an die 10.000 Personen als evangelisch.

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