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Atemlos

Hochlager auf 5350 Metern. Im Hintergrund „die Bratpfanne“ Bild: Egger/OÖN

Atemlos

An der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan ist auch die eigene schnell erreicht. 7134 Meter ragt der Pik Lenin dort in den Himmel. Gabriel Egger über eine Landschaft, die den Atem raubt.

30. September 2017 - 00:04 Uhr

Ein Schritt ist ein Marathon. Zwei sind eine Weltreise. Also nur noch ein paar Jahre bis zu den bunten Zelten, dort am Horizont. 5300 Meter sagt die Uhr. Das zweite Hochlager ist nur zwei Fußballfelder weit entfernt. Irgendjemand hängt in meinem Kopf ein Bild auf. Ich spüre das Hämmern. Die Schneebrücken über den großen Gletscherspalten schmelzen im gleichen Tempo, in dem auch die Kräfte schwinden. Keine Zeit, darüber nachzudenken, was passieren könnte, wenn wir fallen. Nachdenken ist anstrengend. Besonders mit 25 Kilo auf dem Rücken.

Zum dritten Mal stapfen wir durch die Bratpfanne. Ein niedlicher Name, für dieses Monster in Weiß. 50 Grad in den Mittagsstunden, minus 15 in klaren Nächten. Sommerurlaub eben.

Zwei Wochen sind bereits vergangen seit Richard, Lisa und ich am Flughafen der ältesten Stadt Kirgistans gelandet sind. Osch, 250.000 Einwohner, zwei Hotels, ein Markt und an jeder Ecke gegorene Stutenmilch. An den Bergsteigern verdient Kirgistan nicht viel. Im Jahr kommen genauso viele Besucher, wie Hallstatt an einem Tag empfängt.

Atemlos
OÖN-Redakteur Gabriel Egger, Lisa Maria-Putz aus Steyr und der Sierninger Polizist Richard Egger (v.l.n.r) im Basislager des Pik Lenin.  
Bild: Egger/OÖN

Der Tod steigt mit in die Höhe

Der Weg ins Basislager "Achik Tash" dauert mit dem Auto sechs Stunden. 350 Kilometer bis an den Fuß des Pik Lenins, benannt nach Wladimir Iljitsch Lenin, Begründer der Sowjetunion. Straßen gibt es kaum. Wer hier unfallfrei fahren kann, besteht auch in der Rallye Dakar.

Unser erster Schlafplatz liegt fast auf Höhe des Großvenediger-Gipfels – 3610 Meter. Sergej, der Chef des Basislagers, spricht Deutsch. "Selbst beigebracht", wie er sagt. Im Winter verkauft er in der Hauptstadt Bischkek finnische Saunen, im Sommer bewirtet er Expeditionsteilnehmer aus aller Welt.

Zwischen dem Basislager und dem ersten Hochlager liegen 1100 Höhenmeter und zwei Welten. Saftiges Grün, klare Gebirgsseen unten. Mattes Weiß, Schutt, Geröll und ewiges Eis oben. "Heute hat es die Erste erwischt", sagt Sergej ohne Emotion. Eine junge Frau aus Polen musste die Nacht auf 7000 Metern Höhe im Freien verbringen. "Sie hat jetzt keine Finger und Zehen mehr", sagt er. "Aber sie hat noch ihr Leben." Der Tod sei eben immer mit dabei.

Atemlos
Die Schneebrücken der Gletscherspalten wurden mit Seilen gesichert. Nicht alle hielten.  
Bild: Egger/OÖN

Die Frage, warum ich das dann trotzdem mache, beantwortet mir der Berg selbst, als sich sein Gipfel beim Aufstieg über die Zwiebelwiese zum ersten Mal aus dem dicken Wolkenteppich schiebt. Gefährliche Eleganz. 7134 Meter , Flughöhe eines Düsenjets. Dort, wo Menschen auf Dauer nicht lebensfähig sind, wollen wir hin.

Zwei Tage später scheint die Selbstgeißelung schon wieder beendet. Richard ist in 4500 Meter Seehöhe krank geworden. Kein Fieber, kein Schnupfen, kein NeoCitran, das hilft. Der Polizist aus Sierning ist höhenkrank. "Wie wenn dir jemand den Stecker zieht", sagt er. Strom kommt erst wieder in den Körper, wenn er absteigt. Die Zeit läuft uns davon.

Wieder nur das Dröhnen im Kopf

Drei Tage später geht es weiter. Aufbruch, 1.30 Uhr früh. Der Pik Lenin gilt als der einfachste Siebentausender der Welt. Wer auf ihm unterwegs war, mag das nicht ganz glauben. In der Spalte, die wir mittels Fixseil überbrücken, hätte locker ein Einfamilienhaus Platz. Mit Garten und Pool. Sieben Stunden ist man bis Camp zwei unterwegs. Wenige Meter unterhalb starben 1990 bei einem Lawinenabgang 43 Menschen. Sie wurden in ihren Lagern von einem Erdbeben überrascht.

Atemlos
Der Lenin-Gletscher. In Bildmitte der Aufstiegsweg.  
Bild: Egger/OÖN

Ohne Appetit überbrücken wir die Bratpfanne. Lisa schmeißt den Gaskocher an, während Richard und ich mit den Pickeln eine Plattform für unser Zelt in den eisigen Schnee schlagen. Drei Stangen, eine Plane, der dicke Schlafsack und eine Isomatte. Der Heimatbegriff hat sich hier schnell verändert. Wir schlafen ein. Dann scheint die Expedition ein zweites Mal beendet. Diesmal hat es mich erwischt. Wieder runter, wieder warten, wieder hoffen.

Im Camp eins hören wir, dass sich im zweiten Lager eine Spalte aufgetan hat. Ein Bergsteiger ist acht Meter tief gefallen, als er in aller Früh aus seinem Zelt kroch. Knochenbrüche, aber keine lebensgefährlichen Verletzungen. Für ihn fliegt der Hubschrauber, das tut er nicht immer.

Trostpreis Sechstausender

Drei Tage sind uns für den Gipfel geblieben. Dale Atkins und sein Sohn Sam kommen gerade von dort. Die Amerikaner aus Avon, Colorado, sind ausgemergelt, aber glücklich. Sie gehören zu den zwanzig Prozent, die in dieser Saison den höchsten Punkt erreichten. "Good luck, you will need it", sagen sie. Doch der Lenin wird ein Wunschtraum bleiben.

Atemlos
Ende der Expedition auf dem Pik Rasdelnaya in 6148 Meter Seehöhe. Ein schöner Trostpreis.  
Bild: Egger/OÖN

Lisa hat sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Nicht alles, was die Kirgisen kochen, verträgt der europäische Magen. Jetzt sollten wir zwei Etappen an einem Tag schaffen und bis auf 6100 Meter aufsteigen. Wir probieren es – und scheitern. Die Nacht ist kalt. Im Zelt haben sich Eiszapfen gebildet. Der Sonnenaufgang wärmt nur den Geist. Der Horizont schimmert Orange, der Pik Rasdelnaya leuchtet in den ersten Strahlen. Er ist der Preis, den wir für 20 Tage außer Atem bekommen.

Über einen 45 Grad steilen Hang steigen wir nach oben. Ein Schritt, zwei Atemzüge. Die Berge des Karakorums tauchen auf. Zwei Schritte, sechs Atemzüge. 6148 Meter über der Adria, wo ein Sommerurlaub sicher erholsamer sein würde.

Dicke Wolken tanzen wie Ballerinas um den Berg, um sich später müde über seinen Gipfel zu legen. Das Abenteuer ist vorbei. Die Zeit war ein Dieb. Der Pik Lenin auch. Er hat mir den Atem geraubt.

 

Die schwere Last der großen Höhe

 

Die Wahrscheinlichkeit, auf einer Bergtour in den Alpen tödlich zu verunglücken liegt bei 0,0001 Prozent, auf Trekkingtouren bereits bei 0,01 Prozent. Auf Expeditionen sind es deutlich mehr als drei Prozent. Das hat einen Grund.

Der Mensch kann sich nur bis zu 5500 Metern Seehöhe akklimatisieren. Darüber kommt es zu einem stetigen Leistungsabfall, der Körper verliert Gewicht und Muskeln. Die Folge: Tod durch Erschöpfung. Auch Höhenhirn- und Lungenödeme können auftreten.

Die höhenbedingte Mehratmung in Verbindung mit der kalten Luft führt zwischen 4000 und 8000 Metern zu einem erhöhten Flüssigkeitsverlust. 3,5 Liter pro 24 Stunden.

Entscheidend für die Akklimatisation ist die Schlafhöhe. Sie sollte immer tiefer als die maximale Tageshöhe liegen.
Liegt die Herzfrequenz beim Aufstieg mehr als 20 Schläge über dem Wert zu Hause, befindet sich der Körper in einer kritischen Phase. Aktive Hyperventilation ist der Schlüssel zum Erfolg. Grundsätzlich kann jeder gesunde Mensch in die Höhe. Anzeichen für Höhenkrankheit kann es bereits auf 2500 Metern geben.

 

Kommentare

„.....nachdem ihr noch jung seid, und der Pik Lenin noch länger steht, würde ich euch zu einem ...“ 1949wien .....nachdem ihr noch jung seid, und der...
„Super Bericht“ g_o_o_g_l_e Super Bericht

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