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600.000 Zuschauer um zwei Uhr früh

Paul Gludovatz, Gerhard Schweitzer, Ingo Enzenberger und Thomas Hinum blättern im OÖN-Archiv. Bild: VOLKER WEIHBOLD

600.000 Zuschauer um zwei Uhr früh

SCHMIDHAM. 2007 kam Österreichs U20-Nationalelf bei der Fußball-WM in Kanada ins Halbfinale Zehn Jahre danach gab es ein ganz besonderes Wiedersehen.

Von Harald Bartl, 18. Juli 2017 - 00:04 Uhr

Vor genau zehn Jahren schrieb Österreichs U20-Fußball-Nationalelf mit Platz vier bei der WM in Kanada Geschichte. Zehn Jahre danach trafen sich die oberösterreichischen Protagonisten von damals dort, wo einst alles begonnen hatte. Im Garten von Co-Trainer Gerhard Schweitzer wurden 2007 die ersten Pläne für die WM geschmiedet. Diesmal haben Teamchef Paul Gludovatz und die oberösterreichischen Spieler Thomas Hinum und Ingo Enzenberger alte Erinnerungsstücke mitgebracht. Zwischen Ordnern mit WM-Analysen, alten Dressen und der Kult-Trainingshose von Trainer Paul Gludovatz baten die OÖN zum Interview.

 

OÖNachrichten: Warum hat ausgerechnet hier in Schmidham bei Vöcklamarkt alles begonnen?

Schweitzer: Wir haben damals im Hotel Winzer, rund drei Kilometer von mir daheim entfernt, ein Teamcamp mit der Nationalelf abgehalten und gegen die SV Ried mit 6:0 gewonnen. In dieser Zeit haben wir zum ersten Mal gesehen, wie stark die Mannschaft wirklich ist und was alles möglich sein könnte. Gludovatz: Dieses Treffen ist das schönste Geschenk für mich. Schon auf dem Weg hierher ist so viel von damals wieder hochgekommen. Vor allem diese Euphorie, die sich im Laufe der Zeit um dieses Team entwickelt hat. 600.000 Zuschauer haben unsere Spiele im Fernsehen um zwei Uhr früh österreichischer Zeit verfolgt – das ist doch nicht normal. Wobei auch der Hype in Oberösterreich seinen Anfang genommen hat.

Sie sprechen Ihren Besuch bei den OÖNachrichten einen Monat vor WM-Beginn an?

Gludovatz: Genau. Es war mir wichtig, dass wir ein Bewusstsein für dieses Team schaffen. Und dass das vom ersten Tag an auch nach außen getragen wird. Wir haben von Oberösterreich aus bereits Rückenwind bekommen, als die WM noch kein Selbstläufer war. Ihr habt diesen Hype damals mit ins Rollen gebracht. Das haben wir auch den Spielern in Kanada vor Ort gezeigt. Hinum: Das stimmt. Es war für jeden noch einmal eine Extramotivation, als wir die ersten Artikel gesehen haben. Dass auch in der Heimat alle so hinter uns stehen, hat uns nochmals extra angetrieben.

Was hat das Team ausgemacht?

Schweitzer: Die mannschaftliche Geschlossenheit. Ein Beispiel, weil er hier sitzt: Den Ingo Enzenberger hat der Pauli vor allem wegen seiner sozialen Intelligenz mitgenommen. Er hat selten gespielt, trotzdem ist er nachher beim Kreis der Spieler oft in der Mitte gestanden. Weil alle auf ihn gehört haben. Enzenberger: Das waren Gänsehaut-Momente. Vor dem Spiel gegen Gambia wurde ich gebeten, die Mentalität des Gegners näherzubringen, weil ich damals mit einem Spieler aus Gambia bei Red Bull Salzburg gespielt habe. Wir haben uns gut auf die robuste Spielweise eingestellt und den Kampf angenommen.

Ganz wichtig war natürlich auch die Trainingshose des Trainers.

Gludovatz: Das war ein Ritual. Der Aberglaube ist schließlich auch ein Glaube. Die Spieler haben genau geschaut, dass ich die lange Trainingshose auch bei 35 Grad Celsius anziehe. Das waren Qualen (lacht). Vorher musste ich die Hose immer im Dreck wälzen. Der war vor allem bei den Kunstrasenplätzen gar nicht so leicht zu finden. A bisserl deppert waren wir schon auch alle.

Was fällt beim Durchblättern des dicken WM-Aktenordners von Gerhard Schweitzer auf?

Hinum: Vor allem die Namen der Gegner, wenn ich mir die Aufstellungen ansehe. Chiles Arturo Vidal spielt heute bei den Bayern, Alexis Sanchez bei Arsenal London. Torschützenkönig wurde Argentiniens Sergio Agüero, der heute bei Manchester City kickt. Auch Reals Angel Di Maria war dabei. Schweitzer: Dafür hat bei den Tschechen, gegen die wir im Halbfinale 0:2 verloren haben, keiner den Durchbruch geschafft. Gludovatz: Diese Niederlage muss ich auch auf meine Kappe nehmen. Ich habe es nicht mehr geschafft, den Burschen zu vermitteln, dass wir wirklich Weltmeister werden können. Dabei haben wir immer zwei, drei Partien vorgearbeitet. Beim ersten Spiel hatten wir den Fokus schon auf dem Achtelfinale, beim Achtelfinale dann auf dem Finale. Wir haben immer auf Sicht entschieden, wen wir einsetzen oder schonen. Es war ja alles Wahnsinn: Sieben Spiele in 20 Tagen plus sechs Mal mehr als drei Stunden hin zu den WM-Orten im Flieger…

... und dazu noch kranke Spieler.

Hinum: Damit bin leider ich gemeint. Ich war wirklich im WM-Fieber. Vor dem ersten Spiel gegen Gambia waren es 39 Grad. Aber danach war ich voll dabei.

Apropos Fieber – die Euphorie war dann auch vor Ort riesig.

Gludovatz: Ich weiß noch, wie der Rubin Okotie einmal mit nacktem Oberkörper ins Hotel zurückgekommen ist und gesagt hat: "Trainer, ich kann nix dafür, unsere Fans haben mir das Leiberl runtergerissen." Es war wichtig, den Spielern auch Freiraum zu geben. Wenn du um 1 Uhr früh vom Spiel heimkommst und um 6 Uhr früh der nächste Flieger geht, dann hat es keinen Sinn, die Spieler für die paar Stunden ins Bett zu schicken. Sie haben aber genau gewusst, wie weit sie gehen dürfen.

600.000 Zuschauer um zwei Uhr früh
Die gute alte Zeit – ein Schrank voll mit WM-Erinnerungen  
Bild: VOLKER WEIHBOLD

Probleme mit der Polizei bekam dafür der Co-Trainer...

Schweitzer: Ich bin vier Stunden geflogen, um unseren nächsten Gegner zu beobachten. Allerdings hatte ich auf meiner Videokamera nicht den notwendigen Aufkleber, der zu Filmaufnahmen in WM-Stadien berechtigt. So schnell konnte ich gar nicht schauen, hatten mich die Polizisten geschnappt und zur Einvernahme mitgenommen.

Verfolgen Sie die Entwicklung der Spieler?

Gludovatz: Nicht mehr ganz so intensiv wie früher. Es freut mich, dass es Spieler wie Sebastian Prödl, Zlatko Junuzovic oder Martin Harnik in die Premier League und in die deutsche Bundesliga geschafft haben. Ich habe genauso viel Respekt dafür, wie sich die Burschen, die nicht mehr Profis sind, im (Berufs-) Leben zurechtfinden.

Sie haben es ja sogar zu Manchester United geschafft.

Enzenberger: Das stimmt. Ich durfte während meines Master-Studiums zwei Praktika machen. Erst in der Sponsoring-, dann in der Medienabteilung. Ein besonderes Highlight war es, ManU-Spieler Ander Herrera bei seinen Werbespot-Terminen von Station zu Station zu begleiten. Und mit der Manchester-United-Arbeitskarte jeden Tag ins Old Trafford zu gehen, das kann mir auch keiner mehr nehmen.

In Schmidham hat vor zehn Jahren alles begonnen – was bleibt jetzt von dieser U20- Weltmeisterschaft?

Schweitzer: Die Erinnerung an eine tolle Einheit. Und schon auch viel Stolz, dass wir wohl auf lange Zeit den größten Erfolg eines ÖFB-Nationalteams erreicht haben.

 

Die Oberösterreicher

Insgesamt sechs Oberösterreicher waren bei der U20-WM in Kanada dabei. Co-Trainer Gerhard Schweitzer ist heute als Sportchef bei Regionalligist Vöcklamarkt und in der Trainerausbildung des OÖ-Fußballverbands tätig. Peter Hackmair ist nach dem verletzungsbedingten Ende seiner Karriere heute als ORF-Experte und vor allem als „Freigeist“ und Buchautor sowie Blogger (www.pa-hackmair.at) unterwegs. Von seinem Urlaubsort in Kroatien aus hat er auf Bitte der OÖN ein Video mit seinen Gedanken zur WM 2007 geschickt.

Beruflich höchst erfolgreich ist der frühere Torhüter Michael Zaglmair, den es der Liebe wegen schon vor einigen Jahren nach Regensburg verschlagen hat. Er ist bei „Continental“ in der Kommunikations- und Marketingabteilung tätig.

Thomas Hinum ist nach Stationen bei Rapid, Austria Kärnten, Ried und LASK jetzt beim FC Blau-Weiß Linz Führungsspieler. Ingo Enzenberger hat nach Profistationen bei Red Bull Salzburg und Admira das Studium der Sportwissenschaften mit dem Master abgeschlossen. Derzeit nimmt der SV-Gmunden-Spieler, der auch bei Manchester United gearbeitet hat, sein Doktoratsstudium in Angriff. Masseur Hans Gschwandtner unterstützt noch immer die ÖFB-Nachwuchs-Nationalteams.

Österreichs Ergebnisse bei der U20-WM in Kanada 2007

  • Vorrunde:
    Österreich – Kongo 1:1 - Tor: Hoffer
    Österreich – Kanada 1:0 - Tor: Okotie
    Österreich – Chile 0:0
  • Achtelfinale:
    Österreich – Gambia 2:1 - Tore: Prödl, Hoffer
  • Viertelfinale:
    Österreich – USA 2:1 n.V. - Tore: Hoffer, Okotie
  • Halbfinale:
    Österreich – Tschechien 0:2
  • Spiel um Platz 3:
    Österreich – Chile 0:1

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