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Salvador Dalís Eier-Metaphorik Bild: OÖN

Die vollkommene Geometrie

Das Ei in der Kunst als Metapher für vermisste Geborgenheit und Behausung. Die Formgebung der Natur ist vom Menschen nicht zu verbessern.

Von Peter Grubmüller, 10. April 2017 - 00:04 Uhr
  • Das Ei in der Kunst als Metapher für vermisste Geborgenheit und Behausung.
  • Die Formgebung der Natur ist vom Menschen nicht zu verbessern.

Vor fünf Jahren erinnerten sich die Chefs des Pariser Centre Pompidou an jenen Künstler, der dem Kulturzentrum 1979 mit 850.000 Besuchern die erfolgreichste Schau seiner Geschichte beschert hatte: Salvador Dalí (1904–1989). Der Eingang zur Schau von 2012 führte durch ein riesiges Ei, in dem Herzschläge zu hören waren. An der Wand prangte ein projiziertes Foto. Es zeigte Dalí nackt in Embryonalstellung – kauernd in einem Ei.

Das Ei als Universalmetapher für das Leben und die Geborgenheit sickerte in die Formen- und Bildersprache etlicher großer Künstler ein. Dalí ließ etwa in seinen Bildern die ganze Welt in der Gebärmutter des Eis zur Welt kommen. Andernorts verarbeitete er das Ei als Nahrungsmittel, etwa in seinem Gemälde "Gebratene Eier auf dem Teller". "Geopolitisches Kind beobachtet die Geburt des neuen Menschen" (1943) heißt ein anderes Bild, in dem ein Kind einen aus dem Ei schlüpfenden Mann beobachtet – der "neue Mensch", von dem in diesen Zeiten Surrealisten, Kommunisten und eine Menge anderer Ideologen träumten. Rieseneier sind auch auf dem Dach von Dalís Museum in Figueres drapiert, das er selbst entworfen hat.

Max Ernst (1891–1976), der deutsche Maler und Surrealist erster Stunde, interessierte sich vor allem für Vogeleier. "Das innere Gesicht: Ei" hat er eine seiner Werkgruppen genannt. Im Sinne seiner eigenen Mystifizierung enthob er 1951 auch seine Geburt der menschlichen Sphäre, also schrieb er über sich selbst in der dritten Person: "Am 2. April 1891, um 9.45 Uhr, hatte Max Ernst seinen ersten Kontakt mit der fühlbaren Welt, als er aus dem Ei schlüpfte, das seine Mutter in eines Adlers Nest gelegt hatte, und welches der Vogel dort sieben Jahre lang ausgebrütet hatte." Dieses Märchen seiner bereits pränatalen Bindung an die Welt der Vögel habe er von antiken Sagen entlehnt. Auch die schöne Helena sei bekanntlich aus einem Ei der von Zeus in Schwanengestalt verehrten Königstochter Leda geschlüpft.

Lang bevor das Christentum das Ei samt dessen Fruchtbarkeitssymbolik vereinnahmte, malte Hieronymus Bosch (1450–1516) das Ovulum in Verbindung mit Völlerei und Torheit. In seinem Triptychon "Der Garten der Lüste" zeigt er in der Mitteltafel ein Riesenei, in das Menschen wie irre strömen. Hohl und zerbrechlich sei die geistige Behausung der Dummen. Allerdings – wie von Designern genutzt – von "heiliger Geometrie".

Warum also sollte der dänische Architekt und Designer Arne Jacobsen (1901–1972) seinen 1958 entwickelten Sessel auch anders bezeichnen, wenn er sich vom Ei inspirieren ließ. Sein "Egg Chair" entstand 1958 für die Lobby des Jacobsen-Gesamtkunstwerks, des SAS Royal Hotel in Kopenhagen. Das längst zum Design-Klassiker gewordene Sitzmöbel weist keinerlei Gerade auf und vermittelt ob seiner Ei-Form ein intimes Geborgenheitsgefühl. Alte "Egg Chair"-Originale kosten heute rund 12.000 Euro. Jacobsen: "Mir war es gar nicht möglich, an der Ei-Form etwas zu ändern. Sie ist so grandios, dass der Mensch nie darauf gekommen wäre."

Das Ei in der Pop-Kunst

Pop-Künstler Jeff Koons überhöht, verfremdet Trivialitäten und Konsumgüter künstlerisch. Seit seinem 2013 um 58,4 Millionen Dollar verkauften „Balloon Dog“ gilt er als teuerster lebender Künstler. In seiner „Celebration“-Serie gestaltete der New Yorker mehrere Variationen von „Cracked Eggs“ (gesprungenen Eiern), die er als Symbol der Geburt sieht. Das Geschöpf sei bereits „geschlüpft“. Inhaltlich vergleicht der 62-Jährige diese Serie mit Botticellis „Geburt der Venus“.

Das Ei in der Pop-Kunst
Jeff Koons  
Bild: Reuters

Die polierten Oberflächen von Koons‘ Skulptur spiegeln die Umgebung und den Betrachter verzerrt wider. Die Magenta-Version so eines zwei Meter großen „Cracked Eggs“, von denen insgesamt fünf in unterschiedlichen Farben angefertigt wurden, brachte 2014 bei einer Christie’s-Versteigerung in London 23,3 Millionen Dollar ein.

 

Fabergés pompöse Eier-Kunst

Die Eier aus der Werkstatt des Juweliers Peter-Carl Fabergé waren einst Geschenke für Mitglieder der Zarenfamilie.

Ein Ei kann noch so hübsch künstlerisch gestaltet sein, um 10.000 Euro wirkt es auf den ersten Blick nicht wie ein Schnäppchen. Ein Schrotthändler aus den USA war vor drei Jahren auf einem Trödlermarkt dennoch bereit, für ein goldfarbenes Ei mit eingearbeiteter Uhr diese Summe hinzublättern. Der Kauf veränderte sein Leben. Das Kunstwerk stellte sich als vom Petersburger Hof-Kunstschmied Peter-Carl Fabergé gefertigt heraus, das Zar Alexander III. 1887 seiner Gemahlin Maria Fjodorowna zu Ostern geschenkt hatte. Marktwert: 24 Millionen Euro. Der Londoner Fabergé-Experte Kieran McCarthy kaufte das Ei im Auftrag eines privaten Sammlers.

Fabergés pompöse Eier-Kunst
2014 aufgetauchtes Fabergé-Ei  
Bild: Reuters

50 dieser filigranen Schmuckeier schuf Fabergé für die russische Zarenfamilie. Markenzeichen dieser Eier waren nicht nur wertvollste Materialien, sondern auch die Überraschungen im Inneren, die sich immer auf die Familie des Zaren persönlich bezogen. Das Azova-Ei etwa erinnert an die mehrmonatige Asienreise des Zarewitschs auf dem Kreuzer Pamiat Azowa. Oder das „Dänische Palast-Ei“, das Zar Nikolaus II. seiner Mutter, einer gebürtigen Dänin, schenkte. Es enthält zehn Miniaturgemälde dänischer und russischer Königsschlösser.

Der Untergang der Monarchie im Jahr 1917 brachte auch die Firma Fabergé zu Fall. Nach der Oktoberrevolution beschlagnahmten die Bolschewisten die wertvollen Ostereier. 40 von ihnen verkauften sie ins Ausland. Zehn der Luxusobjekte befinden sich heute im Waffenmuseum des Kreml. Die restlichen Eier sind im Besitz von Museen und privaten Sammlungen. Acht Eier sind seit der Revolution verschollen.

2004 erwarb der russische Oligarch Viktor Vekselberg neun Eier für rund 100 Millionen Euro. Eines davon, das sogenannte Rothschild-Ei, verkaufte er 2007 bei Christie’s für allein 16 Millionen Euro

 

 

 

 

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