Die Jedermann-Vorstellung am Sonntag war eine ganz besondere, denn die Festspielleitung hatte Jedermänner, Buhlschaften und andere Mitwirkende aus den vergangenen 50 Jahren eingeladen. Intendant Jürgen Flimm und Schauspielchef Thomas Oberender bat sie nach dem Schlussapplaus alle auf die Bühne. Regisseur Christian Stückl ersuchte Tod-Darsteller Ben Becker: „Bitte, Ben, schrei ihn einmal vor!“ Der ließ sich nicht zwei Mal bitten und ließ schauerlich den „Jeeederrmann!“-Ruf erschallen. In diesem Moment wurde eine rote Fahne vom Dach des Doms runtergelassen, mit der Aufschrift: „Danke Max (Reinhardt) für 90 Jahre Jedermann!“
Als sich Maximilian Schell unter das Team mischte und erklärte: „Ich bin hier vor 28 Jahren zuletzt vor dem Tod davongelaufen!“, fiel der jetzige Jedermann Nicholas Ofczarek vor ihm auf die Knie, und Schell lobte: „Er ist hervorragend!“
Dann erzählte Schell eine Geschichte aus alten Zeiten: „Als ich 1982 aufhörte, schlug ich Klaus Maria Brandauer als Nachfolger vor. Ein Herr aus dem Kuratorium meldete sich: ‚Aber der ist doch so klein!’ In diesem Moment beugte sich ein anderes Kuratoriums-Mitglied vor und schaute den Kollegen giftig an: Herbert von Karajan, selbst kein Riese. Diese Geste genügte. Brandauer bekam die Rolle.“
1974 war der Tod auch hinter der Buhlschaft her. Senta Berger (ihr Jedermann war Curd Jürgens) erlitt während der letzten Proben Schmerz- und Schwindel-anfälle. Der Festspielarzt konstatierte „psychisch-physische Beckenbodenverkrampfung“. Das bedeutete so viel wie: Lampenfieber. In der Nacht nach der Generalprobe brach die Schauspielerin zusammen, ließ ihren Mann Michael Verhoeven anreisen, und der, ein studierter Mediziner, diagnostizierte sofort: Bauchhöhlenschwangerschaft. Der Chirurg für die Notoperation wurde von seinem Boot am Wolfgangsee geholt. Beim „Jedermann“ sprang Christiane Hörbiger – mit nur vier Stunden Vorbereitungszeit – ein, Senta Berger konnte erst wieder in der letzten Vorstellung auf die Bühne, blieb aber, mit einjähriger Unterbrechung, bis 1982 die Buhlschaft.
1961 und 1962 war Ellen Schwiers die Buhlschaft, Walther Reyer der Jedermann. „Eine sogenannte Skandalinszenierung von Max Reinhardts Sohn Gottfried“, erinnert sie sich, „Gottfried Reinhardt hatte es zur Bedingung gemacht, dass ich im Stück einmal so laut ‚Jedermann!’ rufen musste, dass man den Schrei bis rüber in den Residenzhof hören konnte. Einmal haben mich die Kollegen drangekriegt, erklärten, ich müsse sechs Mal rufen. Auch das schaffte ich, ohne heiser zu werden. Denn wenn ich eines kann, dann schreien…“
Als im Residenzhof noch gefeiert wurde, entschwanden Maximilian Schell (mit seiner schönen, jungen, blonden Begleitung Iva Mihanovic) per Kutsche und Tobias Moretti (mit Ehefrau Julia) per Pkw. Ob er sich je wünschen würde, doch noch den Jedermann zu verkörpern? Die Antwort – eigentlich ein Kompliment für Nicholas Ofczarek: „Nach dem, was ich heute Abend auf der Bühne gesehen habe, stellt sich die Frage nicht mehr.“
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