30. Januar 2016 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Society & Mode

Schöpferin eines neuen „Wiener Chic“

Susanne Bisovsky

In einer Eigenkreation mit dem Markenzeichen, der Rose Bild: Udo Titz

Die gebürtige Linzerin Susanne Bisovsky will einen neuen „Wiener Chic“ etablieren. Anleihen aus Tracht und Folklore prägen den international geschätzten Avantgarde-Stil der früher bei Helmut Lang tätigen Designerin.

Den Opernball verfolgt Susanne Bisovsky heuer ganz entspannt. Im Vorjahr hatte die Designerin Desirée Treichl-Stürgkhs Kleid entworfen – oder vielmehr die Kleider, denn die scheidende Ballorganisatorin entschied sich erst kurz vor dem Ball für schwarze Spitze und gegen ein Modell mit dem für Bisovskys Stil typischen Blumenmuster. Die Designerin war sowieso auf Nummer sicher gegangen und hatte mehrere Varianten genäht.

Weniger Stress hat die gebürtige Linzerin heuer aber auch nicht: Bisovskys Mode ist gefragt, nicht nur für rauschende Tänze.

Ihre Interpretation des Wiener Chic, jüngst im Herbst präsentiert, hat unter Modefans, die sie ohnehin schon von Paris bis New York hat, eingeschlagen. Ausladende Röcke, Blumenmuster, Stick, Folklore-Elemente: Die Entwürfe schwelgen in nostalgischer Opulenz, lassen sich aber doch in keine Stilrichtung einordnen.

„Avantgarde“ nennt es Lebenspartner und Pressebetreuer in Personalunion, Joseph Gerger, selbst Schuhdesigner. Mit ihm lebt und arbeitet die 47-Jährige seit fast zwei Jahrzehnten. Seit 2011 sind Wohnung und Atelier auf 200 Quadratmetern Beletage einer alten Seidenfabrik vereint. „Salon Bisovsky“ steht neben der Klingel, hinter den roten Flügeltüren öffnet sich eine Märchenwelt: Biedermeiermöbel, bestickte Polster, Vasen, Federn, Kunstblumen; die Küche, wo die beiden zum Gespräch bitten, bis an die vier Meter hohe Decke mit Dutzenden Ikonenbildern und blumig-bäuerlichen Keksdosen verziert.

Wie bei der Oma

„Wenn jemand sagt, bei dir schaut’s aus wie bei meiner Großmutter, ist das für mich ein großes Kompliment“, sagt Bisovsky. Sie schöpft „Inspiration aus der Vergangenheit, aber es ist kein Retro-Stil“, betont sie. „Ich spiele gern mit Elementen der Tracht, aber ich bin keine Dirndl- und Trachtendesignerin“, wehrt sie gängige Zuschreibungen ab. Angefangen hat ihre Karriere damit: Die Diplomarbeit an der Wiener Universität für angewandte Kunst betitelte sie „Be-Tracht-ung“. Maturiert mit Gesellenprüfung Schneiderei hat Bisovsky an der Modeschule Mödling.

Die Familie war, als sie noch klein war, nach Niederösterreich übersiedelt. Ihre Eltern sind aus Steyr, dort gibt es noch eine große Verwandtschaft. „Ich habe ein gutes Gefühl, dass ich aus Oberösterreich stamme“, spürt sie Verbundenheit und sagt gern „Pfiat di“. Auf Flohmärkten sucht sie Dinge mit besonderem Flair, gerne auch Linzer Goldhauben. Linzer Augen und Torte mag dagegen Gerger, „aber ich nicht so gern“.

Zusammen arbeiten und leben, das funktioniert „zu 99 Prozent bestens“, wundern sich beide. Gerger hat aus früheren Beziehungen drei erwachsene Kinder, Bisovsky keine: „Ich hatte nicht den richtigen Mann zur richtigen Zeit.“

Sie selbst war als Kind „nie so ein Modepüppchen, ich habe nicht verstanden, wie sich meine Freundinnen immer um ihr Aussehen kümmerten, bin lieber in Schnürlsamthosen und mit Taschenfeitl herumgelaufen.“ Nun kleidet sie sich schlicht, meist schwarz, die langen, dunklen Haare mit einem Tuch oder unter einer Kappe gebändigt.

„Ich nehme mich zurück, um mich auf die Arbeit zu konzentrieren“, sagt die kaum geschminkte, mädchenhaft wirkende bald 50-Jährige. Sie entwirft kaum auf Papier, arbeitet „lieber über den Spiegel an der Schneiderpuppe“. Die hat Größe 36/38, Bisovsky entwirft für jede Größe. Puppenkleider hat sie als Mädl schon gemacht, auch die Mutter nähte gelegentlich. „Wenn du groß bist, wirst das für Erwachsene machen, hat sie gesagt, ich meinte, dass nur klein gut aussieht, was ich mache.“ Sie lag falsch.

Ausgezeichnet: Kleid des Jahres

Mit 18 holte JC Castelbajac Bisovsky nach Paris, später studierte sie bei Vivienne Westwood und Österreichs Parade-Designer Helmut Lang. Für ihn entwarf sie 1996 das Latexkleid, das bei den Pariser Schauen als „Kleid des Jahres“ ausgezeichnet wurde. „Darauf bin ich immer noch stolz.“

Der Schnelllebigkeit der Branche entzieht sich die Designerin, die ein 20 Jahre altes Nokia-Handy nutzt, weitgehend. Sie sagt sogar: „Mit Mode und Lifestyle selbst kenne ich mich nicht aus.“ Wie bitte? „Heute hochgejubelt, morgen out, mit diesem Zugang habe ich nie etwas anfangen können“, erklärt sie. Unter „Susanne Bisovsky“ gibt es keine zwei Kollektionen pro Jahr. Stattdessen wird die Haute-Couture-Linie „Everlasting“ im eigenen Rhythmus weiterentwickelt. Die Pret-à-porter-Linie „Mitgift“ funktioniert nach Baukastenprinzip.

Sind ihre Entwürfe zeitlos? „Wäre schön, wenn es so gesehen wird“, zitiert sie Coco Chanel, die sagte: „Mode kommt und geht, Stil bleibt.“ Suzy Menkes, renommierte „Vogue“-Journalistin und Mode-Kolumnistin, lobte Bisovsky heiß.

Sticht sich der Profi eigentlich auch noch beim Nähen? „Sicher, aber das spüre ich nicht mehr.“

Luxus der Langsamkeit

Ganz kann sich Bisovsky Konventionen nicht entziehen. Den Luxus der Langsamkeit ermöglicht eine Zusammenarbeit mit „Sportalm“. Für das Modeunternehmen entwirft sie seit 15 Jahren zwei Kollektionen pro Jahr. „Mit voller Hingabe und ziemlich freier Hand“, und ja, da gibt es auch Bisovsky-Dirndln.

Nicht-Dirndl-Kundinnen empfängt sie im Salon, persönliche Beratung inklusive. Ausgewählte Geschäfte, auch eines in Linz, führen Bisovsky. Selbstbewusstsein und eine Portion Humor braucht Frau, die ihre Kreationen trägt. „Zu mir kommen Damen, um sich zu verwandeln. Es ist schön, wie sie vor dem Spiegel plötzlich größer werden und strahlen, wenn sie etwas anprobieren.“ Bisovsky schwebt mit dem „Wiener Mädl“ ein Gewandbild vor, „das mit dem ‘Ja nicht auffallen’ bricht“. Sie wirbt fürs Feschmachen: „Man kann mit Jeans in die Oper, aber muss man?“

Was will sie noch erreichen? „Wenn Kundinnen sagen, sie haben bei mir ein Stück Wien gekauft, habe ich schon halb gewonnen.“

 

1996 wurde Susanne Bisovskys in Latex gegossenes Spitzenkleid, das sie für Designer Helmut Lang entworfen hatte, als „Kleid des Jahres“ ausgezeichnet. Eine Jury von Modejournalisten kürt damit das aus ihrer Sicht bedeutendste Kleidungsstück des Jahres.

50 Euro beträgt der Startpreis für ein Bisovsky-Accessoire, das teuerste Stück in der Pret-à-porter-Linie liegt bei 700 Euro. Haute- Couture-Kreationen sind ab 3000 Euro zu haben, je nach Aufwand und Stoff gibt es nach oben aber keine Grenze.

Neun Monate beträgt in etwa die Vorlaufzeit einer großen Modeschau, bei der Bisovsky 30 bis 40 Haute-Couture-Modelle zeigt. Produzieren lässt die Designerin, die natürlich auch selbst zur Nadel greift, in und um Österreich – gestrickt wird etwa im Burgenland und in Slowenien, genäht unter anderem in Ungarn, Schuhe kommen aus Italien.

 

Nachgefragt ...

Heimat ist für mich ... wo ich meine Süßigkeitenlade finde.

Sehnsucht nach Oberösterreich bekomme ich ... wenn ich an meine Kindheit denke.

Das gibt es nur in Wien … den Wiener Grant.

Mein Lieblingsplatz in Wien... mein Bett.

Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern ist... Wien liegt östlicher, der Wiener ist ein Straßenköter, geprägt von vielen Einflüssen, sage ich immer.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/society/Schoepferin-eines-neuen-Wiener-Chic;art411,2099398
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