OÖN: Ist eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit denkbar?
Frithjof Bergmann: Zumindest eine, in der der Begriff „Arbeit“ nicht mehr automatisch mit „Lohnarbeit“ gleichgesetzt wird. Einen Anstoß zum Umdenken könnte die Wirtschaftskrise geben, die viele Betriebe zur Einführung der Kurzarbeit zwingt. In Zukunft sollte Kurzarbeit nicht mehr als Abstieg, sondern als Aufstieg gesehen werden.
OÖN: Ist Kurzarbeit nicht in jedem Fall ein Abstieg?
Bergmann: Ja, wenn man sie so wie bisher umsetzt, also vier Tage Arbeit, drei Tage frei. Die drei freien Tage reichen nicht, um etwas Sinnvolles damit anzufangen. Ganz anders, wenn man den Zeitrahmen ändert! Wenn man Kurzarbeit so organisiert, dass die Menschen beispielsweise vier Monate Lohnarbeit verrichten und dann zwei Monate pausieren.
OÖN: Klingt gut! Und was könnte man mit der gewonnenen Zeit anfangen? Gemüsebauen?
Bergmann: Ich denke da eher an Ausbildung! In der gewonnenen Zeit könnten die Mitarbeiter eines Unternehmens innovative Seminare besuchen, die von ihrem Arbeitgeber gesponsert werden. Dort lernen sie neue Technologien und erwerben dadurch die Fähigkeit, kleine Selbstversorger-Unternehmen zu gründen.
OÖN: Selbstversorgung klingt wieder nach Gemüsebauen!
Bergmann: Nein, es geht um Hightech-Selbstversorgung mit Alltagsdingen, die man ansonsten kaufen müsste. Nur so kann man von der Lohnarbeit weitgehend unabhängig werden. Dazu muss man den Umgang mit Maschinen lernen, die diese Dinge herstellen.
OÖN: Sie denken da wohl an den viel zitierten „Fabrikator“?
Bergmann: Er ist die Miniaturfabrik der Zukunft: Ein Computer, der verschiedene, fein geriebene Staubsorten in Schichten aufträgt und dreidimensionale Gegenstände druckt. Er muss natürlich programmiert sein. Damit kann man einen Motorblock machen, einen Vergaser, Brillen, Handys, Schuhe, sehr viele unterschiedliche Dinge.
OÖN: Gibt es dieses Wunderding schon?
Bergmann: Professor Andreas Gebhardt, der in Aachen unterrichtet, hat schon ein erfolgreiches Unternehmen ganz um den Fabrikator herum aufgebaut. Derzeit kostet ein guter Fabrikator rund 40.000 Euro. In Detroit, wo ich für die wirtschaftliche Entwicklung im Stadtzentrum zuständig bin, wollen wir mit Fabrikatoren elektrische Autos bauen, die mit Induktion angetrieben werden.
OÖN: Wenn die Menschen die Benutzung von Fabrikatoren einmal beherrschen, könnte die Mama etwa zu den Kindern sagen: „Ich gehe schnell weg und mach’ mir Turnschuhe.“ Oder eine neue Vase. Statt diese Dinge im Geschäft kaufen zu müssen!
Bergmann: Ja, und der Papa baut sich damit ein Auto-Ersatzteil oder eine Pumpe.
OÖN: Aber mit solchen neuen Technologien wie dem Fabrikator würden wohl weitere Arbeitsplätze abgebaut werden!
Bergmann: Wir müssen uns ja ohnehin darauf einstellen, dass die „alte Arbeit“ immer mehr abnehmen wird. Es ist einfach zu wenig davon für alle da. Deshalb brauchen wir den schrittweisen Aufstieg vom bisherigen Arbeitssystem zu einem neuen, intelligenteren, aber auch ökologisch verträglicheren, das trotzdem wettbewerbsfähig ist.
OÖN: Und das dem Menschen mehr Freizeit ermöglicht?
Bergmann: Ja, aber eine Freizeit, die er wiederum zur Arbeit nutzt. Zu einer Arbeit, die ihm persönlich entspricht, die ihm Freude macht und seinem Leben Sinn gibt. In Detroit streben wir jetzt ein Modell an, das zehn Stunden Lohnarbeit pro Woche vorsieht, zehn weitere Stunden Grundwirtschaftsarbeit in kleinen Selbstversorgerunternehmen und 20 Stunden Arbeit, die man ganz einfach gerne machen will.
OÖN: Zehn Stunden Lohnarbeit – kann man davon leben?
Bergmann: Der Lohn für zehn Stunden würde dann sehr wohl zum Leben reichen. Man wäre zehn weitere Stunden mit Unterstützung eines Zentrums an der Grundwirtschaftsarbeit beteiligt, die Versorgung wäre gesichert. Zur Grundwirtschaft gehört auch die Arbeit in Gemeinschaftsgärten. Wir stehen jetzt vor der Möglichkeit einer Kultur, wo jeder bis zu 80 Prozent der benötigten Alltagsdinge selber oder in kleinen Produktionsunternehmen herstellen kann.
OÖN: Was würden Sie den Arbeitgebern künftig raten?
Bergmann: Die Wirtschaft soll sich darauf einstellen, dass immer mehr Menschen Unterstützung haben wollen, um herauszufinden, welche Talente sie haben. Wir sollten die Technologie dazu nutzen, jene Arbeit, die Menschen erschöpft und entmutigt, viel mehr von Maschinen machen zu lassen. Das wäre eine große Befreiung.
OÖN: Wie könnten die Menschen im Zeitalter der „Neuen Arbeit“ ihre Freizeit nutzen?
Bergmann: Anders als heute! Die heutige Vorstellung von Freizeit ist ja absurd. Nämlich, dass man 45 Jahre am Stück arbeitet, nur um ab und zu einen kurzen Zeitraum zu gewinnen, den man sich dann mit Urlaub etwa am Strand von Tunesien verdirbt. Unter den Bedingungen der „Neuen Arbeit“ braucht man eigentlich keinen Urlaub mehr. Heute haben wir ihn ja nur deshalb nötig, weil wir die Lohnarbeit als „milde Krankheit“ betrachten, von der wir uns erholen müssen. Die „Neue Arbeit“ hingegen macht Freude und gibt Sinn. Urlaub wird da überflüssig.
OÖN: Wäre die Voraussetzung dafür nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle?
Bergmann: Das würde bedeuten, dass der Staat das Geld zum Fenster hinauswirft. Was würde die Masse damit anfangen? Ich habe mit Drogensüchtigen gearbeitet, die haben sich mit dem Geld sofort den nächsten Joint besorgt. Daraus folgt: Menschen ohne Unterstützung machen in ihrer Freizeit nichts Interessantes. Oft liegen sie einfach im Bett oder sehen fern. Wir brauchen deshalb Zentren für die „Neue Arbeit“, mit Fachleuten, die andere darin unterstützen, herauszufinden, was sie wirklich wollen.
OÖN: Welche Rolle spielt dabei die Erziehung?
Bergmann: Sie ist besonders wichtig! Junge Menschen sollten nicht mehr mit dem Gefühl aufwachsen, Arbeit sei eine lästige Pflicht. Vielmehr müssen sie erkennen, dass das Schlimmste im Leben die Langeweile ist.
OÖN: Welche Arbeit ist denn Ihrer Ansicht nach sinnvoll?
Bergmann: Ich habe das schon viele Menschen gefragt, und die Essenz aus ihren Antworten ist die: Jede Tätigkeit ist sinnvoll, wenn sie für andere Bedeutung hat. Also nicht im Büro Dokumente hin und her schieben, sondern etwas mit der Natur, mit Tieren und den Menschen zu tun haben. Mit ihnen feiern, tanzen, beten, essen, fröhlich sein. So wie es uns andere Kulturen, besonders in Afrika, vorleben.
OÖN: Sie könnten sich einen Fabrikator leisten. Was würden Sie damit am liebsten herstellen?
Bergmann: Ein Holzhaus, das wie ein Ei aussieht. Hoch genug, um mir statt einer Zimmerpflanze einen Baum hineinzustellen.