Zu viele Menschen leben hier auf einem Fleck, die entweder zu alt, zu krank oder zu ungebildet sind.}Gilles DuhemPolitologe, Volkswirt und Chef des Vereins Gemeinschaftshaus MORUS 14 Bild: APA Picturedesk
Berlin-Neukölln ist Deutschlands sozialer Brennpunkt Nummer eins. 160 Nationen wohnen in diesem inzwischen berüchtigten Bezirk der deutschen Hauptstadt. Neukölln Nord ist das Problemviertel innerhalb des Bezirks. 150.000 Menschen leben hier, die Hälfte davon mit Migrationshintergrund.
Mehr als 40 Prozent der Menschen in Neukölln Nord haben keine Arbeit. Gewalt gehört zum Lokalkolorit. „Das Problem ist nicht die Migration“, sagt Gilles Duhem, gebürtiger Franzose. Es sei die Ballung der Probleme. Der Politologe und Volkswirt führt den Förderverein Gemeinschaftshaus MORUS 14.
„Zu viele Menschen leben hier auf einem Fleck, die entweder zu alt, zu krank oder zu ungebildet sind.“ Die Arbeitslosigkeit lag vor ein paar Jahren schon über 40 Prozent – offiziell. 70 Prozent der Jugendlichen hier haben einen Hauptschulabschluss, mit dem in Deutschland nicht viel anzufangen ist, oder überhaupt keinen Schulabschluss.
Mittels Vereinen, Privatinitiativen und Freizeitclubs versucht sich ein Stadtteil der Hoffnungslosigkeit am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen: Beim „Modell Schülerhilfe“ im Rollbergviertel lernen Freiwillige am Nachmittag bis zu zwei Stunden mit ein bis zwei Kindern. Unter den Betreuern ist eine türkische Geschäftsfrau ebenso wie ein Polizist türkischer Herkunft. „Ich habe Eltern, die können den Namen der Schule nicht nennen, in die ihr Kind geht oder in welche Klasse ihr Kind geht“, sagt Duhem. Überraschender Zusatz des Franzosen: „Das Engagement der Deutschen für die Integration ist immens, das gäbe es in Frankreich nie.“
Man habe aber viel zu lange diskutiert „und nicht den Baum geschüttelt“, kritisiert Duhem. Die Defizite im Viertel sind groß, erzählt er: „Ich habe Zwölfjährige, die waren noch nie im Wald, Zehnjährige, die können die digitale Uhr nicht lesen, weil sie keine Zeiger hat.“
Täglich gibt es im Gemeinschaftshaus gegen geringes Entgelt Mittagstisch für die Bewohner des Rollbergviertels: „Mieter kochen für Mieter“, nennt sich das. Heute tischt der Verein der Schwulen und Lesben aus der Türkei auf: Rote Linsensuppe, Zucchinifladen mit Weizenbrei, Hähnchenbrustfilet und Tsatsiki hat der Koch in der winzigen Küche auf die Teller gezaubert. An den hübsch gedeckten Tischen mit Herbstlaub darauf sitzen meist ältere Bewohner der Anlage, die keine Angehörigen haben. „Jalla, jalla“ (arabisch: „schnell“), ruft eine hungrige grauhaarige Dame fröhlich, „ab in die Küche.“ Vorher gibt es aber noch ein paar Verlautbarungen von Gilles Duhem: Wann der nächste Stummfilm im Verein gezeigt wird, wer nächstes Mal zu Mittag kocht.
Eine evangelische Schwester unterhält sich mit einem 29-jährigen Mann. Es ist Fadi Saad, Quartiermanager für das Wohnviertel, Kind palästinensischer Eltern, kriminelle Gang-Karriere, Gefängnis. Heute ist er Lehrer für Berufsorientierung an zwei Berliner Schulen und wird von den Jugendlichen respektvoll „Abi“, großer Bruder, gerufen. Gerade hat er ein Buch über sein bewegtes Leben geschrieben. „Es ist nicht das Problem der Deutschen, sondern von allen“, sagt er zu den Problemen. „Meine Onkels und Tanten, die in Skandinavien leben, sprechen dänisch und schwedisch, weil sie es dort lernen müssen.“ In Deutschland besteht nach wie vor keine solche Pflicht.
Fadi Saad bringt Schule, Eltern und Polizei zusammen. „In den arabischen Ländern hat die Polizei mehr Autorität als hier“, sagt er. „Wenn da keine Grenzen gesetzt werden, ist es vorbei.“ Mitunter fehle das Verständnis der Eltern für den eigenen Nachwuchs, erzählt der Quartiermanager: Das Kind wolle Mechaniker werden, doch der Vater sage, der Sohn werde Bürokaufmann. Dafür aber fehlten alle Voraussetzungen. „Da besteht ein völlig anderes Bild der Realität“, sagt Saad.
Sein Vorschlag: Statt Kindergeld an die Eltern zu zahlen, dieses beim Staat zu belassen und gratis Kindergartenplätze anzubieten. Das Wort „Schulpflicht“ gefällt Fadi Saad nicht recht: „ich sage meinem Sohn, er darf zur Schule gehen“, erzählt er. „und wenn er sich nicht benimmt, darf er nicht mehr – da fängt er zu weinen an.“