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„Ohne Konzil wären die Schwierigkeiten der katholischen Kirche viel größer“

LINZ. Was das Besondere am Zweiten Vatikanum war, dessen Jubiläum morgen gefeiert wird, erklärt Kirchenhistoriker Günther Wassilowsky im OÖN-Interview.

„Ohne Konzil wären die Schwierigkeiten der katholischen Kirche viel größer“

Konzilsfachmann Wassilowsky Bild: VOLKER WEIHBOLD

OÖN: Es gab bisher 21 große Konzilien der Kirche. Ist ein Konzil ein Jahrhundertereignis?

Wassilowsky: Ein Konzil ist immer etwas Außergewöhnliches. Das Zweite Vatikanum ist aber ein besonderes Ausnahmeereignis: Nachdem auf dem Ersten Vatikanum (1869/70) die Unfehlbarkeit und der Jurisdiktionsprimat des Papstes dogmatisiert wurden, dachte man, die Epoche der Konzilien sei beendet, denn der Papst könne ohnehin alles selbst entscheiden. Insofern war allein schon die Einberufung des neuen Konzils eine Relativierung des papstdominierten Kirchenbildes des Ersten Vatikanums.

Neu war auch, dass das Zweite Vatikanum keine Verurteilungen „falscher Lehren“ aussprach.

Das Konzil sollte nicht in negativer Abgrenzung zu Phänomenen der Gegenwart agieren, sondern in positiver Weise Zeugnis vom Glauben der katholischen Kirche ablegen. Es war auch ein Konzil der Weltkirche, weil zum ersten Mal Bischöfe aus aller Welt kamen – und das waren eben nicht mehr nur wie früher „Exportbischöfe“ aus Europa.

Kirchenpolitisch gestritten wird über die Einschätzung des Konzils: War es ein Bruch mit der Tradition der Kirche, wie konservative und progressive Kreise argumentieren? Oder steht das Konzil in der Tradition und bietet wenig Ansatz für weitere Kirchenreformen?

Wenn jemand das Konzil als radikalen Bruch lesen will, muss man sagen: So passieren Dinge in der Geschichte nicht. Aber zu sagen, das Konzil hätte gar nichts Neues gebracht, stimmt auch nicht. Es sind zum einen Mischverhältnisse von Neuem und Altem. Zum anderen geschieht Erneuerung oft im Rückgriff auf Traditionen, die verloren gegangen sind. Freilich fanden auch radikale Korrekturen statt, am deutlichsten bei der Frage der Religionsfreiheit. Das Ideal von Religionsfreiheit war von den Päpsten im 19. Jahrhundert noch als „pesthafter Irrtum“ bezeichnet worden.

Manche machen das Konzil verantwortlich für die Kirchenkrise.

Ich würde eher die Gegenthese vertreten: Hätten es dieses Konzil nicht gegeben, wären die Schwierigkeiten der katholischen Kirche noch viel größer. Wenn man zum Beispiel den Kirchenbesuch als Krisenindikator hernimmt, dann beginnt dieser direkt nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive einzubrechen. Gerade in den 60er Jahren mit den gesellschaftlichen Umbrüchen – Stichwort 68er-Bewegung – wäre diese Kurve ohne die Erneuerung der Kirche noch viel stärker nach unten gegangen.

Aber die Krise gibt es?

Natürlich gab und gibt es Krisenhaftes im Katholizismus: die Missbrauchskrise oder das Verhältnis von Rom zu den Diözesen. Man kann nicht jeder Krise mit dem Konzil begegnen. Manchen aber schon: Eine Vision des Konzils war ein besseres Miteinander von Rom und den Diözesen sowie die Stärkung der Position der Bischöfe. Stattdessen lässt sich ein Fortschreiten des römischen Zentralismus beobachten, wie es ihn nie zuvor in der Kirchengeschichte gegeben hat. Das ist eine gewisse Untreue zum Konzil. Eine weitere Vision war die Laienverantwortung. Wir haben viele Laien in kirchlichen Institutionen eingebunden. Das ist wichtig. Aber die Vision des Konzils war die Präsenz der Laien als Christen in der Welt.

Nun haben die Konzilstexte Unschärfen. Das führt doch zu dem Problem, dass sich progressive und konservative Kreise auf das Konzil berufen können?

Konzilstexte sind notwendigerweise Kompromisse. Das bedeutet aber nicht, dass ein Text beliebig interpretierbar wäre. Man muss das Ergebnis eines Konzils zusammen mit dem Ereignis des Konzils sehen: Denn viele Interpretationen, die im Endtext vielleicht möglich scheinen, sind im Ereignis des Konzils ausdrücklich zurückgewiesen worden. Deshalb spielt die Rede vom „Geist des Konzils“ sehr wohl eine Rolle.

Nach dem Ersten Vatikanum kam es zum Bruch, aus dem die Altkatholische Kirche entstand. Nach dem Zweiten Vatikanum haben sich die traditionalistischen Piusbrüder von der Einheit entfernt. Muss man mit Spaltungen nach einem Konzil rechnen?

So etwas ist unbedingt zu vermeiden. Insofern muss man das Anliegen von Papst Benedikt XVI., die Verständigung mit den Piusbrüdern zu suchen, grundsätzlich positiv würdigen. Aber das Entgegenkommen kann nicht so weit gehen, dass der Katholizismus weltweit auf Punkte des Konzils verzichtet, weil eine verschwindend kleine Gruppe nicht dazu stehen kann. Wenn die Piusbrüder auf die Initiative des Papstes hin keinen Schritt machen, ist definitiv klar, dass sie sich von der katholischen Kirche verabschiedet haben.

 

Zur Person

Günther Wassilowsky ist Professor für Kirchengeschichte an der Katholisch-theologischen Privatuniversität Linz. Er gehört zu den international renommiertesten Konzilsforschern und hat die maßgebliche, fünfbändige „Geschichte des II. Vatikanischen Konzils“ in deutscher Sprache mit herausgegeben.

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Artikel Heinz Niederleitner 10. Oktober 2012 - 00:04 Uhr
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