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Katholische Bischöfin: "Ablehnung von Priesterinnen ist zutiefst unmoralisch"

LINZ. Christine Mayr-Lumetzberger ließ sich vor 15 Jahren zur Priesterin weihen.

Katholische Bischöfin: "Ablehnung von Priesterinnen ist zutiefst unmoralisch"

Christine Mayr-Lumetzberger: "Der Prozess ist unumkehrbar." Bild: Mayr

Vor genau 15 Jahren ließen sich sieben Frauen auf einem Schiff im Oberen Donautal zu römisch-katholischen Priesterinnen weihen. Die Aufregung in der Amtskirche war groß. Die OÖN baten eine von ihnen, Christine Mayr-Lumetzberger (61) aus Pettenbach, um eine Bilanz.

 

OÖN: Hat sich für Sie in der römisch-katholischen Kirche seit 2002 etwas gebessert?

Mayr-Lumetzberger: Absolut. Es gibt zwar noch immer ein paar selbsternannte Wächter des Kirchenrechts, die glauben, sie müssen dieses an mir exekutieren. Die meisten haben aber begriffen, dass der Prozess unumkehrbar ist, dass die Ablehnung der Frauen in Kirchenämtern zutiefst unmoralisch und kirchenrechtlich nicht vertretbar ist. Sie sollen über meine Arbeit urteilen.

Sie sind 2002, unmittelbar nach der Weihe, von einem prominenten Kirchenmann exkommuniziert worden – Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt. Er hat später geschrieben: "Die Aufgabe der Frau in der Kirche ist die Mutterschaft."

Das ist gesellschaftspolitisch nicht zu halten. Wie wäre es im umgekehrten Fall? Würden sich die Männer von den Frauen sagen lassen, was ihre Aufgabe ist? Und zur Exkommunikation: Die akzeptieren wir nicht. Die haben sie für uns erfunden. Im Kanon 1024 heißt es: Die Weihe empfängt nur ein getaufter Mann. Ersetze das Mann durch Mensch, und alles ist erledigt.

Wie viele Frauen sind mittlerweile geweiht?

Weltweit sind das rund 250 Priesterinnen, 20 Bischöfinnen. Die Situation ist aber in Deutschland und Österreich anders als in den USA. Österreich ist ein Kirchenstaat. Eine Freundin aus den USA hat zu mir gesagt: Macht die Weihen in Österreich, weil das ist ein Laboratorium für die Welt. In den USA fiele das wegen des Pluralismus gar nicht auf. In Österreich fürchten sich Kirchenleute manchmal, mit uns zusammenzuarbeiten. Es kommt aber auf die einzelnen Personen an.

Die Österreicher sind mehrheitlich für Priesterinnen, das bestätigen Umfragen seit Jahren, auch für geschiedene, wiederverheiratete Männer als Priester.

Das ist weltweit so. Bei uns Frauen der Danube-7 (Anm.: siehe Bericht unten) war der Zölibat aber nie ein Thema, einige sind verheiratet, andere nicht.

Was machen die Priesterinnen und Bischöfinnen?

Wir arbeiten in der Seelsorge. Ich habe das pastorale Aufkommen einer mittelgroßen Dorfpfarre, rund acht bis zwölf Hochzeiten im Jahr, sechs bis zehn Taufen, ein halbes Dutzend Begräbnisse.

Und Beichten?

Die katholischen Gläubigen sind beichtgeschädigt, sie sind beicht-traumatisiert. Zu mir haben viele Vertrauen. Sie kommen und sagen: Kann ich mit dir reden? Sie sprechen mich an. Einmal war das sogar auf einer Toilette. Sie mailen mir, rufen mich an. Da kommt alles zur Sprache. Da brauche ich nicht mit Beichtsprüchen zu kommen. Da ist viel therapeutisches Zuhören und Schweigen nötig, zu den vielen persönlichen Geschichten und Katastrophen. Wenn alle Pfarren funktionieren würden, spräche mich kein Mensch wegen meiner Dienste an.

Sind die Sakramente gültig?

Ein Sakrament wird gegeben und empfangen durch das Wollen, die Intention des Spenders und des Empfängers. Es gibt in der römisch-katholischen Kirche eine Formpflicht, die wir einhalten. Alle Weihedokumente werden ordnungsgemäß ausgestellt.

In vielen Pfarren ächzt und krächzt es, weil Geistliche aufgrund der Überalterung, der Zuständigkeit für mehrere Pfarren überfordert sind. Viele Gläubige sehen es nicht gern, dass ihnen ausländische Priester hingesetzt werden, die sie nicht verstehen.

Ja, es ist schlimm. Wie kann die katholische Kirche sehenden Auges einen so tollen Betrieb gegen die Wand fahren? Das ist doch keine Verantwortung für die Mitarbeiter. Es gibt keine Mitarbeiterführung, keine Supervision, wie sie in Organisationen und Unternehmen heute selbstverständlich ist. Es gibt schwierige pfarrliche Situationen, wo die Priester Begleitung bräuchten. Wegen der Personalnot können junge Priester nicht ausreichend praktische Erfahrungen sammeln und müssen mit zu wenig Erfahrung zu viel Verantwortung übernehmen.

In der Diözese ist mitunter aus konzilsnahen Kreisen zu hören, dass die Frauenpriesterinnen mit ihrem radikalen Vorstoß Fortschritte erschwert hätten.

Das ist eine Schutzbehauptung. Ich werde oft gefragt: Hat sich diese Aktion ausgezahlt? Ich sage: Ja. Würde man eine Werbefirma engagieren, um die Frauenweihe zum Thema zu machen, wäre es unbezahlbar, so ein Echo zu erhalten, wie es unsere Weihen ausgelöst haben. Unsere 15-jährige Arbeit ist unbezahlbar. Wir bekommen aber keine Kirchenbeiträge, sondern nur Spenden. Ich arbeite auch viel in der Ökumene, im interreligiösen Dialog. Ich gehe überall dorthin, wo katholische Geistliche nicht hin wollen oder hin dürfen.

 

Weihe hatte eine lange Vorgeschichte

Es war ein ordentlicher Skandal, als am 29. Juni 2002 sieben Frauen auf einem Donauschiff nahe Engelhartszell vom argentinischen Bischof Romulo Braschi zu römisch-katholischen Priesterinnen geweiht wurden. Es war keine Spontanaktion. Die Frauen hatten sich jahrelang vorbereitet.

Christine Mayr-Lumetzberger, heute pensionierte Sonderpädagogin, wollte eigentlich Ordensfrau werden, lernte aber dann ihren Mann kennen. Sie sieht sich als „Mädl des Konzils“, engagierte sich stark in der Voest-Pfarre, fühlte sich vom Kirchenvolksbegehren ermuntert und fasste 1996 bei einer internationalen Frauensynode mit Mitstreiterinnen aus mehreren Ländern den Beschluss, sich weihen zu lassen.

„Wir haben aber über alle Schritte die Bischofskonferenz informiert“, sagt Mayr-Lumetzberger. Es wurde ein Ausbildungsprogramm erarbeitet und den Bischöfen vorgelegt. „Wir wollten lernen, wie wir vernünftig, glaubwürdig und authentisch priestern können. Interessanterweise fanden sich später einige Punkte davon in der Priesterausbildung der Amtskirche wieder.“ Nachdem sich die Frauen jahrelang vertröstet und hingehalten fühlten, schritten sie kurz nach der Jahrtausendwende zur Tat. „Wir haben gesagt, wir können das. Wir haben genau die gleiche Berufung wie die Männer. Wir wollten priesterliche Dienstleister sein. Wir wollten nicht hinunter kanzeln auf die Gläubigen und eine Million Gebote aufstellen.“

2003 Weihe zur Bischöfin

Es dauerte Monate, bis die Gruppe der sieben Frauen, die sich „Danube-7“ nannten, einen Bischof für die Weihe fand. Es gab Versuche, den Akt zu verhindern. 2003 wurde Mayr-Lumetzberger dann zur Bischöfin geweiht, im Sinne der Amtskirche natürlich ungültig. Die Frauen sind international in Vereinen organisiert, etwa „Initiative Weiheämter für Frauen“ oder „Roman Catholic Women Priests“.

 

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Artikel Josef Lehner 15. Juli 2017 - 00:04 Uhr
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