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Bischof Scheuer: „Ohne Hoffnung zehren wir aus“

LINZ. Über sein neues Leben in Linz und seine persönliche Osterbotschaft spricht Diözesanbischof Manfred Scheuer im Interview mit den OÖNachrichten: „Hoffnung ist ein Grundnahrungsmittel“, sagt der Bischof. Man müsse auch die Würde derer wahrnehmen, die Leid ertragen müssen.

"Ohne das Grundnahrungsmittel Hoffnung zehren wir uns aus"

Bischof Scheuer: "Manchmal ist es gut, einen Schritt zurück zu machen." Bild: Alexander Schwarzl

OÖNachrichten: Nach dem Abschied aus Tirol sprachen Sie von Wehmut. Ist die Trauerphase mittlerweile vorbei?

Manfred Scheuer: Wenn ich wo 12 Jahre bin und eingewurzelt, wäre es seltsam, hätte ich keine Trauerphase. Linz war in gewisser Weise Neuland – nicht immer von den Leuten her, aber von der Aufgabe. Die Trauerphase in dieser Form ist vorbei. Meine Aufgabe ist ja die eines Vagabunden. Ich bin äußerlich viel unterwegs, nicht nur in Oberösterreich, auch innerlich bin ich in Milieus, in Sprachen, in unterschiedlichen Lebenswelten unterwegs, das wechselt fast stündlich.

Wie hat sich die Diözese seitIihrem Amtsantritt entwickelt?

Wir haben nicht revolutionär begonnen. Ich baue auf Leuten auf, die schon Verantwortung getragen haben. Natürlich gibt es sukzessive, auch aufgrund altersbedingten Ausscheidens, Neubesetzungen. So habe ich erst dieser Tage eine wichtige Neubesetzung gemacht. Frau Eder-Cakl wird Pastoralamtsleiterin. Darüber bin ich sehr froh. Insgesamt ist die Diözese Linz nicht viel anders als die Diözesen in Europa. Es gibt auf der einen Seite eine verstärkte Bedeutung von Religion in der Öffentlichkeit, teilweise eine politische. Es gibt auf der anderen Seite einen aggressiveren Atheismus, es gibt auch stärkere Forderungen nach Verbannung der Religionsgemeinschaften aus der Öffentlichkeit.

Wie sieht es mit dem Priesternachwuchs aus?

Wir haben unsere Sorgen und der Priestermangel gehört zu den starken. Es lässt sich nicht alles lösen. Oft werden Analysen, Zahlen gebracht und da wird die Problemanzeige mit der Lösung verwechselt. Soll heißen: Die Zahlen sind eine Aufgabe, aber noch lange nicht die Lösung. Das wäre so, als sagte man: So und so viele sterben, die Auferstehung ist damit noch nicht angegangen.

Gibt es heuer Priesterweihen?

Ja. Ich werde bei Ordensgemeinschaften Weihen haben, unter anderem zwei in Schlierbach.

Kürzlich fanden die Pfarrgemeinderatswahlen statt. Es gab viele neue Kandidaten, der Frauenanteil steigt. In einigen Pfarren fehlten aber die Kandidaten.

Die Pfarrgemeinderäte sind eine starke Kraft. Im Ergebnis spiegelt sich aber wider, dass sich im gesamten sozialen Gefüge das Ehrenamt verändert hat. Wenn in Partnerschaften beide berufstätig sind, ist eine längere ehrenamtliche Tätigkeit oft nicht so leicht.

Kann es sein, dass sich die Menschen weniger Zeit nehmen wollen, um für andere zu arbeiten?

Gerade die Flüchtlingsbetreuung hat gezeigt, dass sich viele viel Zeit nehmen. Da war manchmal sogar das Problem, dass sie sich zu wenig herausgenommen haben.

Haben manche die Probleme zu nahe herangelassen?

Manchmal ist es gut, einen Schritt zurück zu machen und neue Kraft zu schöpfen. Das gilt es zu respektieren, vielleicht auch gut zu begleiten. Ich glaube schon, dass wir von der Diözese her versuchen, die Pfarrgemeinderäte in den Schulungen auch zum Beispiel in einem Danke zu begleiten. Wir haben aber auch gemerkt, dass es nicht so einfach ist, die junge Generation zu erreichen. Obwohl: Glaube, Religion ist für junge Leute durchaus ein Thema.

Wird das in Zeiten wie diesen vielleicht sogar mehr Thema?

Es wird immer mehr verlangt, die Unsicherheit steigt. Vielleicht sucht man da wieder mehr einen Anker. Wenn ich etwa Schülermessen aus den 1980er Jahren mit heute vergleiche, da sind die Jugendlichen jetzt viel aufmerksamer und mehr bei der Sache.

Mit Gabriele Eder-Cakl haben Sie die erste Frau in eine hohe Funktion berufen. Ist das ein Signal an die Frauen?

Bei der Nachfolge von Willi Vieböck war es mir ein Anliegen, dass das nicht von vornherein in die Richtung Mann oder Frau, Priester oder Laien entschieden ist. Sie ist daher auch nicht genommen worden, weil sie eine Frau ist. Ich bin mir bewusst, dass jeder nur ein schmales Segment erreichen kann. Auch ich als Bischof bin da sehr begrenzt. Insofern ist es gut, wenn es auch andere Typen, andere Stile gibt. Das ist mir wichtig.

Nach Oberösterreich sind viele Flüchtlinge gekommen. Erwarten Sie sich davon mehr Gläubige und sogar mehr Priester?

Wir hatten im Umfeld von Ostern etwa 160 Taufen, vorwiegend aus dem arabischen, iranischen, afghanischen Bereich. Es lässt sich damit aber nicht so einfach sagen, das sind die Mitarbeiter von morgen. Ich glaube aber auch, dass Religion ein wichtiger Bereich in der Integration ist. Das zu vernachlässigen, würde sich sicher rächen.

Wie ist es Ihnen heuer mit der Fastenzeit gegangen?

Mir ist es gelungen, keinen Alkohol zu trinken und dass ich den Tagesrhythmus etwas geordneter gehabt habe. Das heißt, ich bin am Abend etwas früher ins Bett gegangen. Ich war insgesamt etwas gesammelter und stressfreier und das hat mir ganz gut getan.

Was lautet Ihre Osterbotschaft?

Ich bemerke sehr unterschiedliche Signale. Die einen gehen in Richtung Eskalation, Krisen werden verstärkt, andere blenden davon viel aus und sehen vor allem die positive Entwicklung. Ich glaube, das was Ostern von der christlichen Botschaft her kann, ist die Wahrnehmung des Leidens. Nicht, dass ich sagen würde, wir beten das Leiden an. Es geht darum, das Leiden wahrzunehmen und die Würde der leidenden Menschen zu sehen. Zu meiner Osterbotschaft gehört also Wert und Würde der leidenden Menschen, die Wahrnehmung dieses Leidens und nicht die Augen davor zuzumachen. Wir müssen aber auch wegkommen von der Mentalität: alles oder nichts, ganz gut oder ganz böse. Es geht im guten Sinn also auch um Symbolhandlungen, die Hoffnung vermitteln. Weil ich denke, Hoffnung ist ein Grundnahrungsmittel. Wenn die nicht da ist, dann zehren wir aus.

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Artikel Clemens Schuhmann und Eike-Clemens Kullmann 15. April 2017 - 00:04 Uhr
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