Wie der „Aufruf zum Ungehorsam“, der nach wie vor die Kirche beschäftigt, ist der neue Text in mehrere Punkte gegliedert. Alle beinhalten ein „Nein“. So heißt es zum Beispiel unter Punkt eins (von fünf): „Wir sagen Nein, wenn wir zusätzlich immer weitere Pfarren übernehmen sollen, weil uns das zu reisenden Zelebranten und Sakramentenspendern macht, denen die eigentliche Seelsorge entgleitet.“ Ob es zu konkreten Ablehnungen von zusätzlichen Pfarrübernahmen komme, liege letztlich in der Entscheidung des Einzelnen, sagt Peter Paul Kaspar, oberösterreichisches Vorstandsmitglied der Pfarrer-Initiative. In der Diözese Linz wird bei aktuell ausgeschriebenen Pfarrer-Posten meist die Übernahme weiterer Pfarren erwartet.
„Wir sagen Nein zur Zusammenlegung oder Auflösung von Pfarren, wenn sich keine Pfarrer mehr finden“, lautet These drei. Einen direkten Zusammenhang zur Diskussion um Pfarrzusammenlegungen in Wien gibt es laut Kaspar nicht. Das Problem des Priestermangels bestehe überall.
„Überforderung“
Unter Punkt vier ist von Pflichterfüllungsstress und Überforderung der Pfarrer aufgrund der steigenden Belastung die Rede. Laut Kaspar wird in diesem Zusammenhang der Todesfall eines Weinviertler Pfarrers, der fünf Pfarren betreut hat, von Reformgruppen mit Betroffenheit diskutiert.
Am 13. Februar wird Kaspar mit Dechant Johann Gmeiner aus Grieskirchen, der als traditionsverbundener Priester gilt, öffentlich in Linz diskutieren. Gmeiner kritisiert den Protest der Initiative: „Seelsorgliche Präsenz ist zuerst nicht eine ,lokale‘ Angelegenheit, sondern wie ich mit meiner Aufmerksamkeit für jemanden da bin. Und das kann man auch in einer anderen Pfarrgemeinde für Menschen sein.“ Er zeigt sich überrascht von der „Tabuisierung der momentanen Pfarrstruktur“. Auch der Wiener Theologieprofessor Jan Heiner Tück wirft der Pfarrer-Initiative vor, „zu defizitorientiert“ zu bleiben. Positiv sieht er, dass die Pfarrer „die provokante Rhetorik des ,Ungehorsams’“ fallengelassen hätten. Die Warnung vor „Dauer-Überforderung“ sollten die Bischöfe laut Tück nicht übergehen. Laut Wiens Erzbischof Christoph Schönborn dient der neue Text der Pfarrer-Initiative jedenfalls der Versachlichung.
Der Text der Pfarrer-Initiative kann hier nachgelesen werden:
Die Erwiderung von Dechant Johann Gmeiner aus Grieskirchen:
Zur Einleitung:
Ich kann nicht umhin mitzuteilen, dass ich auch von vielen Seiten Reaktionen zum „Aufruf zum Ungehorsam“ wahrnehme: Verwunderung darüber, warum aus diesen Forderungen eine Erneuerung des religiösen Lebens ausgehen soll, und Trauer darüber, weil dieser Aufruf von Menschen ausgeht, die nach mindestens 6-jähriger intensiver Vorbereitung – man kann wirklich
sagen: hoch und heilig ihrem Bischof Gehorsam versprochen haben. Dies verwundert auch viele Menschen aus der normalen Berufswelt: Dienstnehmer und Dienstgeber.
Zu 1.: Warum soll einem Priester die Seelsorge „entgleiten“, wenn er nicht nur in einer Pfarre tätig ist? Mich stört schon das Wort „entgleiten“. Ich will nicht alles fest in meiner Hand haben. Ich als Priester bin auch nicht der wichtigste Seelsorger. Für die Kinder sind es z. B. die Eltern. So priesterzentriert sehe ich Seelsorge nicht! Dann: Seelsorgliche Präsenz ist zuerst nicht eine „lokale“ Angelegenheit, sondern wie ich mit meiner Aufmerksamkeit für jemand da bin. Und das kann man auch in einer anderen Pfarrgemeinde für Menschen sein. So erlebe ich es jedenfalls.
Zu 2.: In dieser Aussage sind meines Erachtens Denkfehler vorhanden: Wenn „die vielen Dienste und Predigten zu oberflächlichem Ritual und allzu routinierter Rede werden“, und dies mit den „immer mehr Eucharistiefeiern am Wochenende“ begründet wird, dann ist festzuhalten, dass ein Priester an einem Sonntag normalerweise zwei hl. Messen feiert und an einem Samstag eine (meist am Abend). Es können gar nicht „immer mehr Eucharistiefeiern“ werden – weil man ja nicht zugleich an mehreren Orten sein kann. Logischerweise kann dann der angegebene Grund nicht zur Oberflächlichkeit führen! Dies muss dann andere Ursachen haben. Über diese nachzudenken ist sehr wichtig.
Der 2. Denkfehler: Es kann vorkommen, dass man nach einer hl. Messe gleich wegfahren muss und erst kurz vorher ankommen kann – wenn 2 Gottesdienste knapp hintereinander zu feiern sind. Aber es ist nach meiner Erfahrung auch viel Zeit für Begegnung, Gespräch und Seelsorge. Man muss es nur wollen, z. B. vor der ersten Messe und nach der zweiten.
Zu 3.: Ich bin überrascht von dieser Tabuisierung der momentanen Pfarrstruktur. Ich orte ein unhistorisches Denken. Strukturen haben sich immer geändert und können sich auch in Zukunft ändern. Freilich bin ich für ein sehr sorgsames und einfühlsames gemeinsames Überlegen.
Zu 4.: Wenn ich mir in meinem Leben als Priester zu wenig Zeit für ein geistliches Leben nehme (z. B. genügend langes Beten jeden Tag), dann muss ich zugeben, dass es in erster Linie an meiner persönlichen menschlichen Schwäche liegt und nicht an den vorgegebenen Seelsorgsaufgaben. Ich gestehe, dass ich manche Zeit unnötig vergeude. Dass man rechtzeitig in Pension gehen soll, dieser Forderung kann ich zustimmen. Manche wollen es leider nicht. Und es kann auch vorkommen, dass manche Priester unnötigerweise zu früh in Pension gehen.
Zu 5.: Wenn die Ideale unseres christlichen Glaubens – dem Evangelium entsprechend – klar definiert werden und auch klar ausgesprochen werden müssen, heißt das noch nicht, dass damit ein unbarmherziges Urteil über jene gefällt wird, die diese Ideale nicht erreichen können oder nicht erreichen wollen.
Zum Nachsatz: Wenn Freudlosigkeit in unserer Kirche konstatiert wird, muss ich erstens festhalten, dass viele mit großer Freude in der Kirche arbeiten und leben. Und zweitens gibt es viele Ursachen für vorhandene Freudlosigkeit. Monokausale Erklärungen werden selten der Realität gerecht. „Diener der Freude sein“ – das war mein Motto als ich meinen Dienst als Pfarrer angetreten habe. Aufgrund vieler Rückmeldungen von Menschen, mit denen ich zu tun habe, glaube ich sagen zu
können: Dank der Hilfe Gottes kann ich diesen Vorsatz nicht so schlecht leben. Ich fühle mich auch dem Wort des französischen Bischof Jacques Gaillot verpflichtet: Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. So bin ich bereit, meine Dienste immer wieder neu anzubieten, auch außerhalb meiner Pfarre Grieskirchen.
Johann Gmeiner, Pfarrer von Grieskirchen
Veranstaltungshinweise:
8. Februar, 19 Uhr, Pfarre Linz-St. Konrad: Vortrag von Peter Paul Kaspar über die Anliegen der Pfarrer-Initiative
13. Februar, 19 Uhr, Kolpinghaus Linz: Podiumsdiskussion zum Thema „Ungehorsam? Kirche zwischen Spaltung und Reform“ Mit OÖN-Kolumnistin Christine Haiden diskutieren Akademikerseelsorger Peter Paul Kaspar und Dechant Johann Gmeiner.
erneuert werden - ein rotes Tuch für die Konservativen. Deren Motto lautet ja: Wie es war, die ganzen 1000 Jahr, so auch jetzt und imemrdar. Amen!
schon festhalten, dass was der Mann sagt wohl überlegt klingt und frei von Polemik und Hetze ist
wenn der Diskurs nur von solchen Menschen geführt werden würde, wäre die Kirche schon viel weiter
"ja, es sollten immer nur die an einem Diskurs teilnehmen dürfen, die meiner Meinung sind!"
Und dann beten wir um die Einheit?
So wird das, was Jesus gezeigt hat, nicht verwirklicht werden.
Dieses Beharren auf "Gscheiter sein" der jeweils besser-wissenden Oberen bringt die Kirche Europas jetzt zu einem Ende. Schade, es tut wirklich weh, ja,- es macht mich eigentlich auch zornig. Viele werden verloren gehen, so manche selbständig eigene Wege suchen müssen. Weil einer Dechant oder Bischof oder Kardinal ist, deshalb ist er noch lange nicht der Allerbeste, Allergscheiteste.
Pastoral, Herr Gmeiner, schaut anders aus. Und wer so über seine Amtkollegen/Mitbrüder drüberfährt, der ist auch für mich als Laien nicht hilfreich.
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