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„Politik ist ein Virus, keine Frage“

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Molterer: „Die schwarz-blaue Wende 2000, das war Arbeiten unter extremem Druck.“   Bild: Volker Weihbold

LINZ. Über die schwarz-blaue Wende, seine Bekanntschaft mit Alfred Hrdlicka und seine Nicht-Nominierung als EU-Kommissar spricht Ex-Vizekanzler Wilhelm Molterer (VP) im OÖN-Interview.

OÖN: Hatten Sie bei der Wende zu Schwarz-Blau vor zehn Jahren ein mulmiges Gefühl?

Molterer: Dass Schwarz-Blau kein Spaziergang wird, war uns allen bewusst. Was ich persönlich so nicht erwartet hatte, waren die Sanktionen, die ein großer Fehler der EU waren, sowie die zum Teil jenseitige Aggression der SPÖ und der Linken. Letztlich hat uns das aber zusammengeschweißt – und uns inhaltlich frei gemacht.

OÖN: Inwiefern frei gemacht?

Molterer: Uns war klar: Egal, was wir machen – wir werden sowieso kritisiert. Das heißt: Auch wenn wir die Pensionsreform nur halb angegangen wären - die Angriffe wären gleich gewesen. Daher haben wir dann auch keine halben Sachen gemacht.

OÖN: Können Sie die Bedenken nachvollziehen, die es gegen eine FPÖ in der Regierung gegeben hat?

Molterer: Es hat natürlich Äußerungen von Haider und anderen gegeben, die nicht akzeptabel waren. Aber letztendlich hat Haider dadurch, dass er nicht in die Regierung gegangen ist und später auch den Parteivorsitz übergeben hat, die Regierung möglich gemacht. Dass er dann diese Verzichtsituation nicht ausgehalten hat, was 2002 zu Knittelfeld geführt hat, ist eine andere Sache.

OÖN: Wie haben Sie die Anfangsmonate der Wende erlebt?

Molterer: Das war ein Arbeiten unter extremem Druck – öffentlich und persönlich. Es sind damals auch Freundschaften vorübergehend auf Eis gelegt worden ...

OÖN: Von wem?

Molterer: Das ist meine Sache. Auf der anderen Seite gab es eine Dynamik in der politischen Arbeit, die ich so vorher und nachher nicht erlebt habe.

OÖN: Eine Folge von Schwarz-Blau war tiefes Misstrauen zwischen SPÖ und ÖVP. War das ein Grund, warum die Regierung Gusenbauer-Molterer gescheitert ist?

Molterer: Das kann eine Rolle gespielt haben. Weniger bei Alfred Gusenbauer – den ich als sehr pragmatischen Menschen schätze –, sondern im SP-Parlamentsklub, der Gusenbauer oft im Regen stehen lassen hat.

OÖN: Vergangenes Jahr ist Ihr Wechsel in die EU-Kommission gescheitert – unter anderem weil sich die SPÖ geweigert hat, Ihrer Bestellung zuzustimmen. Sind Sie ein spätes Opfer der Wende?

Molterer: Nein. Das war ein klares Schwächezeichen des Herrn Faymann. Er war im Eck und hat geglaubt, Stärke beweisen zu können – indem er das Einfachste und Primitivste macht, was man in der Politik machen kann: zu einer Personalentscheidung „Nein“ zu sagen. Richtig ist, dass ich gerne als Agrar-Kommissar nach Brüssel gegangen wäre, und richtig ist auch – entgegen aller fälschlichen Behauptungen Faymanns –, dass das de facto vereinbart war.

OÖN: Hatten Sie das Gefühl, dass auch Ihre Partei Sie fallen lässt?

Molterer: Nein. Sepp Pröll hat gemacht, was möglich war.

OÖN: Sind solche Momente die Schattenseite der Politik?

Molterer: Ganz ehrlich: ja. Die Kommissarsgeschichte war für mich persönlich nicht einfach. Die Übergabe des Parteichefs und Vizekanzlers war bei Weitem nicht so schwer. Das war nach dem Wahlergebnis von 2008 eine logische Konsequenz.

OÖN: Nach Jahrzehnten in der Spitzenpolitik sind Sie jetzt Nationalratsabgeordneter. Fühlen Sie sich befreit – oder fehlt die Politik im engsten Zirkel der Macht?

Molterer: Politik ist ein Virus, keine Frage. Das war eine Zäsur für mich. Klar ist, dass die jetzige Situation eine berufliche Neuorientierung erfordert.

OÖN: Ein Gerücht lautet, Sie werden Nachfolger Ludwig Scharingers in der Raiffeisenlandesbank?

Molterer: Völliger Blödsinn. Ein Blick ins Bankwesengesetz würde allen zeigen, dass das nicht geht. Ich bin in der relativ glücklichen Situation, dass ich mir aussuchen kann, wohin die Reise geht.

OÖN: Politik in Spitzenposition ist sehr zeitintensiv. Gibt es Dinge, von denen Sie jetzt sagen, das hätte ich mir früher schon gönnen sollen?

Molterer: Nicht im persönlichen Bereich Da habe ich mir meine Freiräume immer gehalten. Meine private Leidenschaft für Kunst und meine Familie – dazu hatte die Öffentlichkeit nie Zugang. Aber ich sehe etwas anderes: Man muss die Sachen in der Politik viel radikaler auf den Punkt bringen. Welche Halbwahrheiten und unerfüllbaren Dinge wir uns gegenseitig einreden – das geht auf keine Kuhhaut.

OÖN: Was meinen Sie damit?

Molterer: Man muss klar sagen Das jetzige Pensionssystem ist langfristig nicht finanzierbar, das Gesundheitssystem in dieser Struktur auch nicht. Wenn wir Migration und Integration nicht angehen, dann werden wir im Gefüge der Gesellschaft langfristig Schiffbruch erleiden. Die Liste ließe sich fortsetzen.

OÖN: Da werden viele Politiker einwenden: Wenn man manches nicht in Watte packt, muss man das bei den Wahlen büßen.

Molterer: Ich glaube, dass die unangenehme Wahrheit die tragfähigere Basis ist als die angenehme Unwahrheit. Ich bin damit zwar nicht gut gefahren. Trotzdem sage ich: Die unangenehme Wahrheit muss mehrheitsfähig werden, das muss das Ziel sein.

OÖN: Das klingt jetzt fast ein bisschen utopisch.

Molterer: In der Politik geht es doch immer wieder um Utopien. Auch Helmut Kohl wollte vor 20 Jahren die Chance der Wiedervereinigung Deutschlands unbedingt ergreifen, gegen alle Warnungen. Ich bin kürzlich mit Oskar Lafontaine zusammengesessen, und der hat gesagt, dass Kohl die SPD damals mit seinem tiefen Glauben, das Richtige zu tun, an die Wand gespielt hat.

OÖN: Wie sind Sie mit Lafontaine zusammengekommen?

Molterer: Das ist eine besondere Geschichte. Ich habe Alfred Hrdlicka sehr gut gekannt. Seine Witwe hat mich gefragt, ob ich bei Hrdlickas Begräbnis eine Rede halte. Das habe ich gemacht. Der zweite Redner war Lafontaine. Das war sehr schön, eine ganz eigene Spannung, hier der Christlichsoziale, dort der Linke. Wir haben uns danach lange unterhalten.

OÖN: Dass Sie mit dem begnadeten Bildhauer und bekennenden Linken Hrdlicka eng bekannt waren, wird einige überraschen.

Molterer: Das hängt damit zusammen, dass ich mein Privatleben nie öffentlich gemacht habe. Ich kenne zu viele in der Politik, die die Familie oder Freundschaften in die Auslage gestellt haben, und daran sind Familien und Freundschaften zerbrochen. Glauben Sie, dass ich zum Hrdlicka ins Atelier mit einem Journalisten reingekommen wäre? Ich wär hochkant rausgeflogen – und recht hätt’ er gehabt.

OÖN: Schaffen Sie einen abgeklärten Rückblick auf Ihre Karriere in der Politik oder wühlt Sie das noch immer auf?

Molterer: Interessant ist, dass man schnell eine gewisse Distanz bekommt, die den Blick schärft. Aber dass ich dieses Kapitel einfach zugemacht habe, wäre gelogen. Das ist wie bei einem Kicker. Wenn ich heute den Heli Köglberger auf den SV Sierning anrede, wo er in jungen Jahren gespielt hat, dann ist er nach wie vor ein halber Sierninger. Das schüttelt man nicht einfach so ab.

OÖN: Sie haben zuvor erwähnt, man müsste in der Politik die Dinge viel radikaler ansprechen. Gibt es noch etwas, das Sie im Rückblick anders sehen?

Molterer: Ich habe erkannt, dass Funktionen und Ämter oft eine Filter für Wahrheiten sind. Wenn jetzt Leute zu mir sagen, was über die letzten paar Jahre alles hätte geschehen sollen, sage ich: ,Freunde, warum seid Ihr nicht vor zwei, drei, vier Jahren gekommen?' Und bekomme dann dazu hören: ,Damals warst Du halt Minister, Klubobmann, Vizekanzler.’ Da kommt offenbar die ungefilterte Wahrheit nicht durch

OÖN: Es hat allerdings gerade in den letzten Jahren von Schwarz-Blau geheißen, es gebe in der VP einen kleinen Kreis, der abgeschottet die wichtigsten Entscheidungen trifft. Baut man sich in politischen Spitzenpositionen nicht oft selbst eine Mauer?

Molterer: Ganz sicher. Das war ja nicht nur als Vorwurf an außen formuliert, sondern  auch an mich: Das ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite erfordert Führung eine hohe Effizienz der Entscheidungsfindung. Das bedeutet, man braucht straffe Strukturen. Auf der anderen Seite braucht man schon auch Offenheit in der Diskussion – ob in der Politik, in den  Medien oder in der Wissenschaft.

OÖN: Wenn Ihre Söhne sagen würden, Sie möchten unbedingt in die Politik: Würden Sie Ihnen dazu raten?

Molterer: (lacht) Diese Frage hätten meine beiden Söhne nie gestellt.

OÖN: Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der in die Politik will?

Molterer: Wenn du es willst, dann mach’ es. Die entscheidende Frage ist: Macht einem die Politik Freude? Wenn das nicht der Fall ist, wenn man mit einem eingeschlafenen Gesicht auf Veranstaltungen steht, dann spüren die Leute, dass der das eigentlich gar nicht will. Dann sollte man heimgehen, dann hat man da nichts verloren. Freude und Wollen, das sind die Kriterien. Wer glaubt, er geht in die Politik, weil er Karriere machen kann, der hat von vornherein verloren.

OÖN: Mit der oberösterreichischen Volkspartei gab es im Nationalratswahlkampf 2008 Differenzen. Ist das ausgeräumt?

Molterer: Wir waren unterschiedlicher Auffassung, das ist auch ausgetragen worden. Das ist ok, das ist Geschichte.

OÖN: Bei Ihrem Kunstinteresse – würde Sie eine Aufgabe in dieser Branche reizen?

Molterer: Das ist immer eine Option, aber wahrscheinlich eine unrealistische. Österreich hat in vielen Dingen keine Tradition. Eine, die Österreich zum Beispiel nicht hat, ist ein flexibler Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft und eine, die es noch weniger gibt, ist der Wechsel zwischen Politik und Kultur.

OÖN: Eine Frage, die nicht politisch ist, aber interessiert trotzdem viele Leute: Warum haben Sie sich Ihren Bart rasiert?

Molterer: Manche lassen sich im Urlaub einen Bart wachsen, ich habe es umgekehrt gemacht und habe ihn im Urlaub abrasiert. Meiner Frau hat das Gesicht gefallen. Sie hat gesagt: Lass es einmal so, man kann es ja leicht wieder korrigieren.

OÖN: Oft nimmt man solche Änderungen in Umbruchphasen des Lebens vor. War das bei Ihnen so?

Molterer: Manche haben gemeint, ich soll das im Wahlkampf 2008 machen. Aber ich habe das damals bewusst nicht gemacht. Es hat schon eine Rolle gespielt, dass ich jetzt in einer anderen Lebenssituation bin.

35 Kommentare
Molterer lass es bleiben - Es reicht ! · von na-so-was · 07.02.2010 09:44 Uhr

Wolferl und Willi! Eine Unglück für Österreich ! Es war eine grottenschlechte Regierungszeit, an deren Folgen Österreich noch lange leidet!
(Beispiele: Abfangjäger, Transitlösung-Brenner, Ex-Finanzminister Grasser,...) Zur Erinnerung:
Schüssel 1 hat's zerrissen
Schüssel 2 wurde abgwählt
Schüssel 3 hat's zerrissen (Ausprägung Willi)

 
Politik ist kein Virus... · von wien3 · 06.02.2010 23:06 Uhr

sondern ein bösartige Krebs der jedem auffrißt außer die eigene Zellen.

 
Molterer · von Pilatus · 06.02.2010 23:01 Uhr



Warum probiert es Molterer nicht in der Privatwirtschaft, wo er doch soviele Angebote hat ? Weil er dort scheitern würde, der Mann hat doch noch keine Stunde wirklich gearbeitet, der wurde von einem ÖVP-Bund zum nächsten weitergereicht wie eine faule Birne und erreicht hat er schlußendlich nur seinen hohen Pensionsanspruch, nicht mehr und nicht weniger.

Es reicht, hat er gesagt und wurde, wie im TV ersichtlich, von Neugebauer, diesem ÖVP-Minderleister abgebusselt ..... und was hat es gebracht ....... den Sieg der Sozis und den Verlust vieler ÖVP-Privilegien.

Sehen so Sieger aus ? Nein, ein Molterer ist nicht aus diesem Holz geschnitzt, er ist ganz einfach ein gutbezahlter Loser.

 

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    Einen Radweg auf der Eisenbahntrasse, der wäre sicher ein touristischer Magnet.
 
 
 
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