SALZBURG. Seit Einführung der anonymen ambulanten Geburt im Jahr 2001 ist die Anzahl der Tötungen von Neugeborenen in Österreich signifikant zurückgegangen. In Finnland, wo es dieses Angebot für verzweifelte Mütter nicht gibt, "blieb die Anzahl gleich, in Schweden, wo ebenfalls kein Angebot besteht, ist sie gestiegen", veranschaulichte Psychiaterin Claudia Klier. Im Landeskrankenhaus Salzburg brachten 14 Mütter ihre Babys anonym zur Welt, in die Babyklappe wurde nur einmal ein Kind gelegt.
Ganz verhindern kann die Möglichkeit einer anonymen Geburt tödliche Verzweiflungstaten nicht: Erst vor einer Woche wurde im Wiener Stadtpark die Leiche eines etwa vier Tage alten Mädchens in einem Plastiksack entdeckt. Österreichweit kommen im Jahresschnitt ein bis zwei Fälle ans Tageslicht, vor 2001 "waren es drei bis vier Fälle", so die Dozentin an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Für die Fachärztin erscheint es naheliegend, dass der Rückgang um 50 Prozent mit der gesetzlichen Einführung der anonymen Geburt und der Installierung von Babyklappen bei Spitälern zusammenhängt.
Psychisch Notsituation
Eine plötzliche Kindestötung wird vorwiegend von Frauen begangen, "die ihre Schwangerschaft verdrängen, von der Geburt überrascht und dann mit ihrer Situation überfordert sind", erläuterte Petra Schweiger vom Salzburger Frauengesundheitszentrum Isis. Noch lang nicht alle Frauen wüssten über die anonyme Entbindung in Spitälern Bescheid, "diese muss in der Öffentlichkeit noch präsenter werden". Sinnvoll wäre auch ein flächendeckendes Angebot, meinte dazu Klier.
Die Babyklappe sehen die Expertinnen mit skeptischen Augen, da die Frau unter Lebensgefahr allein gebärt und sie das Neugeborene noch dazu heimlich zu dem "Nest" bringen müsste. "Die Babyklappe ist der allerletzte Ausweg, wenn vorher keine anderen Netzwerke mehr greifen", meinte die Sprecherin der Salzburger Landeskliniken, Mick Weinberger. Nur einmal fanden Hebammen in der 2007 eingeführten Klappe ein Kind, und zwar am 27. Juni 2007.
Der sieben Tage alte "Mark" war gesund. Seine Mutter hinterlegte einen Brief: "Ich würde das Kind gerne behalten, aber ich kann nicht. Ich wünsche mir, dass mein Bub glücklich wird." Er wurde zur Adoption freigegeben. Wegen einer Baustelle übersiedelte die Babyklappe des Landeskrankenhauses nun von der Lindhofstraße zum Spitalseingang im Stadtteil Mülln.
Von jährlich 2.200 Geburten im LKH Salzburg sind im Schnitt zwei anonym. Nur in einem Fall forderte eine Mutter ihr Kind zurück. Dem Landeskriminalamt wurde in den vergangenen fünf Jahren eine einzige Säuglingstötung gemeldet: Im Dezember 2007 warf eine 18-jährige Prostituierte ihren Neugeborenen aus dem Fenster eines Bordells, das Kind starb. Die Frau befand sich laut Gutachten in einem psychischen Ausnahmezustand.
Im Sinne der Gesundheit ist für Schweiger ganz klar die anonyme Geburt die erste Wahl für Mütter, die keinen gemeinsamen Weg mit ihrem Kind sehen. Sie bringen ihre Babys unter ärztlicher Aufsicht zur Welt. Die Betroffenen können einen beliebigen Namen und ein beliebiges Alter angeben und die Telefonnummer einer Vertrauensperson sowie einen Brief für das Kind hinterlegen. Den kann es ab dem 18. Lebensjahr beim Jugendamt oder im Krankenhaus abholen. Das Baby wird zuerst von einer Pflegefamilie betreut und nach einem halben Jahr zur Adoption freigegeben - falls die Mutter es nicht vorher zurückhaben will.
Rund 85 Prozent aller ungewollten Schwangerschaften gehen auf eine fehlende oder unsichere Verhütung zurück, das geht aus einer Befragung von Frauen in Salzburg hervor, die an der Spezialambulanz Gynmed einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen ließen. Betroffen sind nicht vorrangig junge Mädchen, sondern Frauen zwischen 25 und 35 Jahren. Die Gynmed wurde im April 2005 eröffnet. Seither werden im Jahresschnitt rund 900 Abtreibungen durchgeführt. Ein Drittel der Frauen hatten ein "als sicher geltendes Verhütungsmittel verwendet", erklärte Schweiger. Die meisten Frauen haben bereits Kinder. Viele gaben an, ein weiteres Kind passe nicht mehr in ihre Lebensplanung.