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„Ich glaube“ - oder auch nicht

Wie religiös sind Österreichs Politiker? Und wie praktizieren sie ihren Glauben? Ein Überblick.

"Ich glaube" – oder auch nicht

Zu Ostern feiern die Christen die zentrale Botschaft ihres Glaubens – die OÖN haben sich umgehört, wie es die Regierung mit dem Glauben hält. Bild: Wodicka

Für viele Mitglieder der Regierung bietet die Karwoche, in der traditionell kein Ministerrat stattfindet, eine Ruhepause vom politischen Alltag.

Wie religiös ist unsere Regierung? Kirchgänger finden sich erwartungsgemäß auf VP-Seite, doch auch im SP-Regierungsteam gibt es mehrere Christen.

Die Volkspartei ist per definitionem eine christlich-soziale Partei. Auf europäischer Ebene wird dies allerdings unterschiedlich interpretiert. Für Ungarns Viktor Orban ist es das Bollwerk gegen den Islam, für Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sind es die humanitären Grundwerte: dem Nächsten zu helfen.

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ist ein aktiver Katholik. "Zu Ostern werde ich die Auferstehungsmesse feiern." Obwohl Wirtschaftsminister, lehnt er die Sonntagsöffnung ab.

Klare Positionen bezieht auch Außenminister Sebastian Kurz: Er verteidigt das Kreuz im Klassenzimmer. Im Vorjahr nahm der überzeugte Katholik gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn am "Marsch für Jesus" teil.

Seinen Glauben machte Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter bereits bei der Angelobung mit den Worten "vor dem heiligen Herzen Jesu Christi" öffentlich. "Jeden Sonntag gehe ich nicht in die Kirche, aber doch sehr regelmäßig", sagt Rupprechter zu den OÖNachrichten. Den Rosenkranz trägt er in der Hosentasche.

Auch Innenminister Wolfgang Sobotka ist überzeugter Christ. "Durch viele persönliche Erlebnisse bin ich sicherlich ein gläubiger Mensch. Für mich ist das durchaus auch eine Frage der Spiritualität."

Der Vater von Justizminister Wolfgang Brandstetter war katholischer Religionslehrer. Trotz der Prägung durch das Elternhaus gibt er sich wortkarg: "Für mich gilt der Grundsatz: Religion ist Privatsache."

Eine durchaus kritische Position zur katholischen Kirche nimmt Finanzminister Hans Jörg Schelling ein, auch wenn er als Winzer Messwein herstellt. "Ich bin ein geschiedener Wiederverheirateter und fühle mich von der Kirche diskriminiert", sagt Schelling.

Staatssekretär Harald Mahrer – wie alle anderen katholisch – betont das Ideelle an der Religion. "Für mich als Christdemokrat sind bestimmte Werte wichtig. Das ist eng mit der christlichen Soziallehre verknüpft."

Familienministerin Sophie Karmasin besucht nur zu Anlässen das Gotteshaus. Praktizierende Christin ist sie nicht, und die Position der Frau in der Kirche sieht sie mehr als skeptisch.

In der Sozialdemokratie gibt es traditionell weniger Katholiken. In Erinnerung bleibt der frühere Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, der sich rühmte, einst Ministrant gewesen zu sein. Sein Nachnachfolger Christian Kern ist – wie in der Wiener Sozialdemokratie üblich – ohne Bekenntnis. Selbiges gilt auch für Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner und Klubobmann Andreas Schieder.

"Ich bin katholisch getauft und noch Mitglied", gibt Bildungsministerin Sonja Hammerschmid Auskunft. Infrastrukturminister Jörg Leichtfried erklärt unumwunden: "Ich bin Mitglied der katholischen Kirche, der SPÖ und des SK Sturm Graz." Die Messe besucht auch er nur zu speziellen Anlässen.

Katholisch ist auch Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil. Sozialminister Alois Stöger ist Katholik, war Mitglied in der katholischen Arbeiterjugend, ist noch immer bei der katholischen Arbeiterbewegung und der christlichen Soziallehre sehr verbunden. Staatssekretärin Muna Duzdar ist nicht religiöse Muslima.

Mit 40 Jahren gefirmt

Keiner der Oppositionschefs ist bisher aus der Kirche ausgetreten. Im Gegenteil: FP-Obmann Heinz-Christian Strache holte 2009 als 40-Jähriger die Firmung nach. Grünen-Sprecherin Eva Glawischnig ist evangelisch, Neos-Chef Matthias Strolz ministrierte bereits als Kind.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hatte in frühen Jahren der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Im Wahlkampf philosophierte er darüber, wieder einzutreten. Es war wohl kein Zufall, dass Van der Bellen das erste Wochenende nach seinem Wahlsieg in Mariazell verbrachte.

„Laut zu sagen ,Ich bin ungläubig’ wäre kontraproduktiv“

Steigt ein Politiker im Ansehen der Bürger, wenn er sich als gläubig bekennt und vielleicht sogar die Sonntagsmesse besucht? Bringt das Wählerstimmen?

„Nein, sicher nicht. Diese Zeiten sind vorbei“, sagt der Politologe Peter Filzmaier im Gespräch mit den OÖNachrichten. Früher sei das anders gewesen. „Da hatten die regelmäßigen Kirchgänger in der ÖVP sehr wohl Potential, in der Wählergunst zuzulegen.“

Doch mit dem Wandel der Gesellschaft habe sich das geändert. „Die Kirche verliert Mitglieder und Kirchgänger, weil zunehmend mehr Menschen ein anderes Weltbild haben, als es dort vorgegeben wird“, sagt Filzmaier und erinnert an wiederverheiratete Geschiedene oder Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Wenn da ein Politiker Glaube und konservatives Weltbild zu sehr vor sich hertrage, „kann ihm das mehr schaden als nützen, weil er sich von diesen Menschen abgrenzt“, sagt Filzmaier.

Gleichzeitig sei es aber kontraproduktiv, würde ein Politiker „offensiv und laut sagen ,Ich bin ungläubig’ und er ist vielleicht noch stolz darauf.“ Denn mit dem christlichen Glauben seien ein Weltbild und Werte verbunden, „die man sich von einem Volksvertreter erwartet“, sagt Filzmaier. Natürlich sei es für einen SPÖ-Politiker in der Stadt einfacher zu bekennen, dass er keinen Bezug zum Glauben habe, als für einen ÖVP-Vertreter in einer Landgemeinde. „Da gibt es Abstufungen“, sagt Filzmaier.

Und wenn FP-Chef Heinz-Christian Strache mit einem Kreuz in der Hand gegen den Bau einer Moschee demonstriert? „Dann ist das Populismus pur und hat mit Glauben nichts zu tun“, sagt Filzmaier. Hier gehe es vielmehr darum, das Kreuz als Symbol gegen andere Religionen, vor allem gegen den Islam einzusetzen. Dass dies aber noch lange nicht bedeuten müsse, dass Strache ein besonders gläubiger Mensch sei, würden die Wähler sehr wohl erkennen.

 

 

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Artikel Annette Gantner und Anneliese Edlinger 12. April 2017 - 00:05 Uhr
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