Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Montag, 25. September 2017, 09:58 Uhr

Linz: 12°C Ort wählen »
 
Montag, 25. September 2017, 09:58 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Politik  > Innenpolitik

Eurofighter-Ausschuss: Letzter Akt im Drama um einen unglücklichen Vergleich

WIEN. Mit dem Zeugenauftritt von Ex-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (VP) findet das parlamentarische Kontrollgremium heute seinen Abschluss und letzten Höhepunkt.

Eurofighter-Ausschuss: Letzter Akt im Drama um einen unglücklichen Vergleich

Reinhold Mitterlehner ist heute der letzte prominente Zeuge im U-Ausschuss. Bild: APA/Zinner

Mitterlehner übte sich stets in kritischer Distanz zu den Abläufen rund um die milliardenschwere Jet-Beschaffung.

Schon als Minister erregte Mitterlehner 2012 Aufsehen, als er im OÖN-Interview von einem Deal sprach, bei dem "nicht alles sauber gelaufen" sei, weshalb die Erwartungshaltung bei einigen der 18 Ausschussmitglieder vor dem heutigen Auftritt erhöht war. Allerdings: Die Gegengeschäfte, den aktuellen Untersuchungsgegenstand, hatte Mitterlehner stets als weitgehend korrekt bewertet.

Mitterlehner steht zu Gegengeschäften

Der frühere Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) steht grundsätzlich zu Gegengeschäften bei Beschaffungen. Was das Gesamtvolumen im Gegenzug des Eurofighter-Ankaufs anbelangt, zeigt er sich jedoch skeptisch, erklärte er am Mittwoch im Untersuchungsausschuss - dem letzten Befragungstag.

Mehr dazu erfahren Sie im Video: 

Auch wenn der Rahmen heute ein anderer sei: "Ich freue mich, Sie wiederzusehen", erklärte der frühere ÖVP-Obmann eingangs im Ausschuss. In seinem Eingangsstatement hielt er fest, dass er weder den Ankauf der Jets, noch den Vertrag für die Gegengeschäfte verhandelt habe: "Es gab keinerlei Mitwirkung meinerseits." Er wolle jedoch damit aufräumen, dass er sich von Gegengeschäften distanziere und diese für etwas Schlechtes halte: Dies will er "in dieser Zuspitzung und Oberflächlichkeit nicht so im Raum stehen lassen". "Gegengeschäfte sind im Prinzip was Positives, wenn damit einher geht, dass die Wirtschaft und Unternehmen mit Partnern den Standort technologisch und innovativ voranbringen." Der Umfang der beim Eurofighter-Kauf erwarteten Gegengeschäfte im Ausmaß von 200 Prozent berge aber "schon eine gewisse Problematik". Auch für Airbus sei ein Volumen von vier Mrd. Euro keine einfache Angelegenheit. Positiv sei grundsätzlich auch, dass EADS damals ein Kooperationsbüro in Wien eingerichtet habe, dessen Arbeit habe sich aber verselbstständigt.

Geschäfte nicht rechnerisch geprüft

Mitterlehner war zunächst bis Dezember 2008 in der Wirtschaftskammer als stellvertretender Generalsekretär für die Arge Offset zuständig. Seine Aufgabe sei es gewesen, Kontakte zu EADS herzustellen und die Möglichkeit für Gegengeschäfte auszuloten. Als Minister habe er danach eine formal kontrollierende Aufgabe gehabt: "Ich habe nicht die Geschäfte rechnerisch geprüft." Bei der Arge Offset seien verschiedene Klein- und Mittlere Unternehmen der Auffassung gewesen, dass sie nun auch von dem großen Vertrag profitieren können: "Das habe am Anfang etwas blauäugig auch ich so gesehen", räumte das frühere Regierungsmitglied ein. "Die Möglichkeit, dass man in eine Dauergeschäftsverbindung kommt, das ist wunderbares Anspruchsdenken, aber taktisch schwierig zu verwirklichen."

Mit dem Kooperationsbüro in Wien, Eurofighter Business Development (EBD), seien Infoveranstaltungen in ganz Österreich durchgeführt worden. Das Ergebnis dieser Roadshows war jedoch "bescheiden", denn ganz wenige Unternehmen schafften konkrete Geschäftsverbindungen, erklärte Mitterlehner. Einigermaßen konsterniert sei er darüber gewesen, dass dann die Umsätze von Wirten, bei denen diese Veranstaltungen abgehalten wurden, in die Gegengeschäfte eingerechnet worden seien: "Der Sinn und Zweck der Geschichte war das nicht." Die Task Force im Ministerium habe die Geschäfte geprüft, dabei seien zum Teil "skurrile Geschichten" entdeckt worden. Teilweise wurden dann neue Geschäfte eingemeldet.

Video: "Ganz sauber sind die Eurofighter-Gegengeschäfte sicher nicht gelaufen", berichtet ORF-Reporter Jörg Hofer. Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hätte dies in seiner Befragung vor dem Ausschuss auch angesprochen.

"Pipifax- und Mickey Maus-Geschichten"

Als in weiterer Folge Korruptionsvorwürfe laut wurden, habe er mit der Staatsanwaltschaft eine Kooperation und Datenaustausch vereinbart. Auch sollten Sachverständige die Plausibilität und Nachhaltigkeit der Gegengeschäfte prüfen. Die Untersuchung dürfte sich in der Schlussphase befinden. Airbus- (früher EADS-)Chef Thomas Enders habe er ebenfalls kontaktiert, da er nicht wollte, dass das Unternehmen mit kleinen Gegengeschäften - "Pipifax- und Mickey Maus-Geschichten" - diskreditiert werde. Ziel sei dann auch gewesen, die Gegengeschäfte überzuerfüllen, dies laufe auch korrekt ab. Nun gelte es jedenfalls abzuwarten, wie die Staatsanwaltschaft nach den Ermittlungen entscheidet.

Vom Verfahrensrichter nach dubiosen Finanzflüssen gefragt, verwies Mitterlehner auf die mediale Berichterstattung. Dies müsse die Staatsanwaltschaft aufklären. Von Provisionszahlungen wisse er nichts, so der Ex-Ressortchef.

Befragung gestaltete sich "zäh"

FPÖ-Mandatar Reinhard Bösch hielt Mitterlehner eine Aussage des früheren Verteidigungsministers Norbert Darabos (SPÖ) im Ausschuss zu den Gegengeschäften vor. Demnach habe Mitterlehner ihn 2009 bei einer Konferenz angesprochen und gesagt, dass gewisse Geschäfte "vorgeschoben" worden seien. Das sei "nicht logisch und nicht nachvollziehbar", wies Mitterlehner die Darstellung zurück und erklärte, dass es "aus meiner Sicht keinen objektiven Sinn ergibt, so eine Behauptung zu machen". Er könne sich auch nicht daran erinnern.

Ungewöhnlich ungiftig gab sich der Eurofighter-Bekämpfer Peter Pilz: Mitterlehnersei der einzige Verantwortliche aus der ÖVP, der die ganze Zeit über "nicht die Interessen von EADS, sondern die Interessen der Republik Österreich vertreten hat", streute der Noch-Grüne dem Ex-Minister Rosen. Auf die Frage, ob er Hinweise auf die Fälschung von Gegengeschäfts-Bestätigungen gehabt habe, meinte Mitterlehner, dies sei ihm neu, "ich bin da nicht konkret informiert gewesen". Ermittlungen seien aber Aufgabe der Staatsanwaltschaft.

Dass er schon 2002 in einer Zeitung noch als Wirtschaftskammer-Generalsekretär vor den Kompensationsgeschäften als "Voodoo-Zauber" gewarnt hat, dazu steht Mitterlehner: Voodoo sei etwas, was sich objektiv nicht nachvollziehen lasse, verwies er einmal mehr auf das große Volumen. Wenn man im Ausmaß von 200 Prozent des Kaufpreises neue und zusätzliche Geschäfte hätte, wäre ein Jet-Kauf ein Riesengeschäft - dass es kein Riesengeschäft sei, "merken wir daran, dass wir hier im Ausschuss sitzen", resümierte Mitterlehner.

Pilz' Kollegin Gabriela Moser zog aus den Befragungen der letzten Tage sowie heute die Schlussfolgerung, dass es Provisionen gegeben haben müsse, wenn das Volumen für Gegengeschäfte zu groß ist. Mitterlehner bezeichnete dies jedoch als Unterstellung und betonte, es gebe Konsequenzen bei der Anrechnung, wenn sich nachträglich schwerwiegende, neue Umstände wie Schmiergeldflüsse herausstellen.

FPÖ-Mandatar Reinhard Bösch wollte wissen, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, wenn die im Laufe der Zeit eingerichteten Task Forces von Verteidigungs- und Wirtschaftsressort enger zusammengearbeitet hätten. Mitterlehner sieht das nicht so und betonte, dass das Verteidigungsministerium die Verantwortung für den Grundvertrag zum Gegengeschäftsvertrag trage. Kritik übte Mitterlehner am Darabos-Vergleich, der alte Flieger gebracht habe. Jetzt habe man letztlich Jets, die nicht einmal zehn Jahre fliegen, "jedes Gebrauchtauto hat einen längeren Benutzungsspielraum", merkte er an. "Dort liegt die wirkliche Belastung der Republik, nicht bei den Gegengeschäften", spielte er auf den von Darabos ausgehandelten Vergleich an.

Zeitweise gestaltete sich die Befragung auch am letzten Tag wieder einmal ziemlich zäh. So wurde etwa Team Stronach-Mandatar Leo Steinbichler mehrmals ermahnt, zum eigentlichen Beweisthema zu fragen, weil nicht wirklich klar war, worauf er eigentlich hinaus wollte. Das Eingreifen des Verfahrensanwalts sowie des Ausschuss-Vorsitzenden Karlheinz Kopf (ÖVP) war allerdings sinnlos, wie letzterer selbst feststellen musste: "Ich glaube, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass unser beider Interventionen erfolglos sind - aber der Vorteil dabei ist: die Uhr läuft."

Die Befragung Mitterlehners wurde gegen Mittag beendet. Gegenüber Journalisten stellte er anschließend fest, dass die neue Abwicklung und Vorsitzführung im Ausschuss aus seiner Sicht eine "wesentliche Verbesserung" ist. Ob der Eurofighter-U-Ausschuss im Herbst fortgesetzt wird, sei aber Sache der Abgeordneten. Seine persönliche Zukunft ließ der ehemalige Vizekanzler auf Nachfrage offen.

Verabschiedet aus dem Ausschuss hat sich Mittwochmittag bereits der Vorsitzende Kopf. Er ist am Nachmittag terminlich verhindert und wird von Norbert Hofer (FPÖ) vertreten. Kopf bedankte sich bei allen für die "sehr gute Zusammenarbeit".

 

Video: Im Parlament beobachtet ORF-Reporter Jörg Hofer einen spannenden Tag im Eurofighter-Untersuchungs-Ausschuss mit der Befragung des Ministerialbeamten Friedrich Machinek.

Den ehemaligen VP-Obmann Mitterlehner und den von Grünen und FPÖ eingesetzten U-Ausschuss verbindet jedenfalls ein Schicksal: Der Koalitionsbruch und damit die vorgezogene Neuwahl haben die Amtszeit beider deutlich verkürzt.

Morgen beschließt der Nationalrat seine Auflösung. Mit der Kundmachung endet per Gesetz auch die Ermittlungstätigkeit des U-Ausschusses. Mitterlehner und zwei weitere Beamte des Wirtschaftsministeriums werden heute also die letzten von 25 Auskunftspersonen gewesen sein. Nur zwei, Ex-Magna-Chef Siegfried Wolf und der ehemalige Magna-Vorstand Hubert Hödl, sind trotz Ladung unter Hinweis auf Auslandsreisen nicht erschienen.

Themen gestrichen

Zwei Themenfelder, "Informationslage bei Vertragsabschluss" und die Frage, ob dem ersten Eurofighter-Ausschuss 2006 Akten vorenthalten worden seien, mussten aus Zeitgründen gänzlich gestrichen werden. Zwar haben der Noch-Grüne Peter Pilz und FP-Chef Heinz-Christian Strache eine Neuauflage des Eurofighter-Ausschusses nach der Wahl am 15. Oktober in Aussicht gestellt. Ob es tatsächlich so weit kommt, wird aber etwa von der nächsten Regierungskonstellation und auch davon abhängen, ob Pilz doch wieder dem Nationalrat angehören wird (siehe Artikel unten).

Die meisten, wenn auch dank Rechnungshof nicht ganz neuen Erkenntnisse brachte der U-Ausschuss zum Vergleich, den Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos (SP) 2007 mit EADS ausverhandelt hat. Das Bild von kaum nachvollziehbaren, lückenhaft dokumentierten Verhandlungen im kleinsten Kreis hat den Verdacht verfestigt, dass Darabos aus politischem Kalkül eine "Verbilligung um jeden Preis" in Kauf genommen habe. Wie sehr dieser Vergleich zum militärischen und ökonomischen Nachteil der Republik war, unterstrich Darabos-Nachfolger Hans Peter Doskozil (SP), der vor wenigen Tagen die Abkehr von den zu teuren und veralteten Eurofightern angekündigt hat. (luc)

Kommentare anzeigen »
Artikel 12. Juli 2017 - 00:04 Uhr
OÖN-TV

Eurofighter: Mitterlehner als Zeuge

Weitere Themen

Innsbruck: Warten auf Bischof bald zu Ende?

INNSBRUCK. Am 17. Jänner 2016 wurde Manfred Scheuer, der seit 2003 die Diözese Innsbruck geleitet hatte, ...

Salzburg will von Schaden Kosten zurückfordern

SALZBURG. Am Mittwoch trat Heinz Schaden (SP) als Salzburger Bürgermeister zurück (die OÖN berichteten).

FPÖ-Politiker lesen Internet-Hasspostings vor

Politiker werden in den Sozialen Medien oft Opfer übler Beschimpfungen.

Image-Paarlauf in New York

NEW YORK/WIEN. Präsident Van der Bellen und Außenminister Kurz bei der UNO-Generalversammlung.

Höchstens 500.000 Euro Jahresgage für Manager?

WIEN. SPÖ-Chef Kern will Gehälter in jenen Unternehmen beschränken, bei denen der Bund die Mehrheit hat.
Meistgelesene Artikel   mehr »
Bitte Javascript aktivieren!