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Ausgestiegen – wenn Politik zur Qual wird

Zuerst ging Reinhold Mitterlehner, jetzt ist auch Eva Glawischnig dem Hamsterrad entflohen - Eine Analyse von Wolfgang Braun.

Eva Glawischnig, im September 2003 in Linz und wenige Wochen vor ihrem Rückzug im Parlament in Wien: Zwischen den Bildern liegen knapp 14 Jahre Politik. Bild: (vowe, APA)

"Den Job einer Parteichefin kann man nicht ewig machen. In Zeiten dieser medialen Zuspitzung reibt das jeden Menschen einfach auf", sagte Eva Glawischnig bei ihrer Rückzugserklärung am Donnerstag. Und wer die langjährige Chefin der Grünen anschließend mit ihrem Ehemann Hand in Hand in der Wiener Frühlingssonne davongehen sah, konnte erahnen, welche Last von ihr abgefallen ist.

Hinter Glawischnig liegen beinahe zwanzig Jahre Politik, seit 2008 war sie Parteichefin. Sie ist nicht die Erste, die in dieser Knochenmühle ausgebrannt ist und irgendwann den Mut zum Ausstieg fasste. Denn Mut gehört dazu, wenn man sich jahrzehntelang den Gesetzen des Politik-Zirkus unterworfen und daraus Sinn und Selbstbestätigung gesogen hat.

Glawischnig hat funktioniert, als Spitzenpolitikerin, als zweifache Mutter. Sie war diszipliniert, hielt auch mit 48 immer noch ihre Mannequin-Figur. Aber wie sehr die Politik zehrte, konnte man ihren Gesichtszügen ablesen. Von Leichtigkeit war da schon lange keine Spur mehr.

Direkt Richtung Infarkt

ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ist einige Tage zuvor zurückgetreten. Auch er aufgerieben vom politischen Alltag zwischen Regierungsaufgabe, Partei-Querschüssen und dem Gefühl, zwar eine hohe Funktion zu bekleiden, aber dennoch über wenig Entscheidungsspielraum zu verfügen. Ein Szenario, das laut Medizinern Stress potenziert und das Herzinfarktrisiko beträchtlich steigert.

Selbstausbeutung ist zudem ein ständiger Begleiter in der Spitzenpolitik. Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck erlitt 2004 einen Schlaganfall und war wenige Wochen später wieder im Amt – mit Sprachproblemen und gegen den dringenden Rat seiner Ärzte. Auch Ex-Bundeskanzler Viktor Klima gönnte sich im Wahlkampf 1999 nach einer schweren Lungenentzündung kaum eine Pause. Keine Schwäche zeigen, so die Devise.

"Am Ende war es nur noch eine Qual", erinnerte sich Klima. Nach der Wahl 1999 kam Schwarz-Blau, Klima verließ die Politik. Er war als Strahlemann gekommen und musste als gebrochener Verlierer abtreten. Dazu hatte er enorm an Gewicht zugelegt, er brachte mehr als 100 Kilo auf die Waage, verborgen im dreiteiligen Nadelstreif.

Eine Reihe anderer Politiker mussten auch körperlich Tribut zollen, unter ihnen Josef Pröll und Susanne Riess (früher: Riess-Passer). Diese drei – Klima, Pröll und Riess – schafften alle den Neustart in der Wirtschaft und blühten auch persönlich wieder auf. Riess wirkt heute jünger und vitaler als zu ihrer Zeit als Vizekanzlerin.

Abgefallen ist in der Wirtschaft auch der Druck ständiger öffentlicher Beobachtung durch Facebook, Twitter & Co. "Heute ist es Politikern trotz der Professionalisierung ihrer Pressestäbe nicht mehr möglich, die Kommunikationskontrolle zu behalten. Eine flapsige Aussage auf einer Veranstaltung im Mühlviertel war früher kein Problem. Jetzt kann sie eine Stunde später mit Handy gefilmt auf You-Tube im Internet zu finden sein und Turbulenzen auslösen", sagt der Politologe Peter Filzmaier. Und vor fünf Jahren, als sich Oberösterreichs Grünen-Landesrat Rudi Anschober eine Auszeit wegen eines Burn-outs nahm, sagte der Innsbrucker Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer: "Politiker ist ein harter Beruf, für den es Leidenschaft und Leidensfähigkeit braucht. Politiker sollte kein Lebenszeit-Job sein."

 

Hamsterrad Politik

Er habe sich nicht mehr in der Lage gesehen, 14- bis 16-Stunden-Tage zu absolvieren. So begründete der ehemalige Vorarlberger Landeshauptmann Franz Sausgruber, warum er sich 2011 nach 14 Jahren zum Rücktritt entschlossen hat.

Abendtermine und nächtliche Verhandlungsrunden zählen zum täglichen Brot in der Politik. Das kostet Zeit für das Familienleben, das nagt aber auch an der Gesundheit. Nicht selten essen Spitzenpolitiker unregelmäßig, dann, wenn eben gerade ein Zeitfenster es ermöglicht. Dazu kommt chronischer Schlafmangel. Beides verstärkt die Neigung zu Übergewicht. Denn im Schlaf werden Hormone freigesetzt, die Fett abbauen (etwa Leptin und Somatotropin). Schlafmangel hingegen fördert die Produktion des appetitanregenden Hormons Ghrelin.

Ein weiteres Problem: Der Glaube, ständig erreichbar und verfügbar sein zu müssen, lässt die Politiker nicht mehr los – und er steigt im selben Ausmaß, in dem das Prestige der Politik sinkt. "Politiker haben den Eindruck, als stünden sie bei den Wählern unter Generalverdacht. Sie glauben, sie müssen immer demonstrieren, dass sie tatsächlich etwas leisten", sagt der Innsbrucker Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer.

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Artikel Wolfgang Braun 20. Mai 2017 - 00:04 Uhr
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Glawischnig legt alle Ämter zurück

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