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„Iran ist die beherrschende Regionalmacht“

Ab dem Wochenende feiert der Iran 30 Jahre Islamische Revolution. Der Konflikt um das Atomprogramm und die Anti-Israel-Hetze des Präsidenten Ahmadinejad prägen heute das Bild des Landes im Westen. Der Iran ist aber, so sagt der Politologe Michael Lüders, eine Macht, an der man nicht vorbei kann.

Bild: rts (3), epa, Archiv

OÖN: Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer bezeichnet in seinem Buch „The Devil we know“ den Iran als zukünftige Supermacht. Hat er Recht?

Lüders: Der Iran wird auf Dauer die beherrschende Regionalmacht im Mittleren Osten bleiben. Es gibt gute Gründe, dem Regime in Teheran mit Skepsis und Entschlossenheit zu begegnen. Aber es ist auch an der Zeit, die eigene Politik zu überdenken. Der Versuch einer Isolierung, den vor allem die USA betrieben haben, war erfolglos. Der Iran blieb ein Machtfaktor. Es bedarf daher einer neuen Politik, die mit dem Iran auf Augenhöhe verhandelt unter Wahrung westlicher Eigeninteressen. Eine Dämonisierung iranischer Politik führt nicht weiter.

OÖN: Der neue US-Präsident Obama hat sich für Gespräche ohne Vorbedingungen mit dem Iran ausgesprochen. Wird seine Außenministerin Clinton, die ja nicht als Iran-Freundin bekannt ist, diesen Weg auch beschreiten?

Lüders: Wenn Obama an seiner Direktive festhält, wird sie keine andere Wahl haben. Allerdings hat sich Obama sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Es gibt einflussreiche innenpolitische Kräfte in den USA, die den Iran auch weiterhin isoliert sehen möchten. Vor allem deshalb, weil der Iran als eine Bedrohung Israels sowie amerikanischer Interessen im Irak gilt.

OÖN: Beobachter rechnen damit, dass der Iran weitere Fortschritte bei seinem Atomprogramm meldet. Teheran unterstreicht dabei immer wieder den friedlichen Charakter. Israel, viele arabische Staaten und auch der Westen sprechen von einer Bedrohung. Sehen Sie Wege, den Iran von seinen nuklearen Ambitionen abzubringen?

Lüders: Auf die zivile Nutzung der Atomenergie wird der Iran auf gar keinen Fall verzichten. Das ist eine Frage des nationalen Prestiges. Es scheint mir aber möglich zu sein, die Frage der Urananreicherung politisch zu klären. Eine Urananreicherung im Ausland wäre eine Möglichkeit. Diesen Weg wird die Islamische Republik aber nur dann beschreiten, wenn die USA ihr mit einer Nichtangriffsgarantie entgegenkommen. Aus iranischer Sicht fühlt man sich bedroht angesichts der Tatsache, dass in allen iranischen Nachbarstaaten mit Ausnahme Turkmenistans US-Truppen stationiert sind. Vor diesem Hintergrund ist die nukleare Option aus der Sicht von Hardlinern natürlich ernst zu nehmen. Der Besitz einer Atombombe garantiert dem Iran, nicht angegriffen zu werden. Und solange es hier keine klaren Garantien gibt, wird der Iran an seiner aggressiven Rhetorik festhalten.

OÖN: Während des Krieges im Gaza-Streifen wurde der Iran als Waffenlieferant der Hamas gebrandmarkt. Iranische Waffen und viel Geld gehen auch an die libanesische Hisbollah. Welche Ziele verfolgt der Iran in diesen Ländern?

Lüders: Die iranische Strategie ist die Schaffung eines schiitischen Halbmonds, einer Interessengemeinschaft von Schiiten im Nahen Osten, also vom Iran über den Irak bis zur schiitischen Partei Gottes (Hisbollah) im Libanon. So soll ein Gegengewicht zu den konservativen sunnitischen Staaten geschaffen werden.

OÖN: Und die Hamas?

Lüders: Die Hamas ist natürlich eine sunnitische Organisation. Es wird immer wieder behauptet, dass der Iran die Hamas militärisch und finanziell unterstützt. Das ist auch keineswegs auszuschließen. Es gibt bislang aber keinen unwiderlegbaren Beweis für eine Waffenbrüderschaft zwischen der Hamas und dem Iran.

OÖN: Die arabische Welt präsentiert sich zerrissener denn je. Ist vor diesem Hintergrund an eine Lösung des Kernproblems, des Palästinakonflikts, zu denken?

Lüders: Nur dann, wenn die Regierung Obama eine neue Politik betreibt, die Israel ebenso in die Pflicht nimmt wie die Palästinenser und Araber. Geschieht dies nicht, wird die Lage im Nahen Osten weiterhin instabil bleiben, werden sich nichtstaatliche Akteure wie die Hisbollah und die Hamas behaupten können – auf Kosten der gemäßigten sunnitischen Regime.

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Artikel Von Michael Wrase 30. Januar 2009 - 00:04 Uhr
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