Die Bushs sind durchaus mit dem Kennedy-Clan vergleichbar: Patriarch und Ex-Präsident George H. W. Bush (Mitte sitzend) im Kreise seiner Familie. Bild: Reuters
Dass ausgerechnet das schwarze Schaf der Familie in Vaters Fußstapfen tritt und tatsächlich Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist schon eine Ironie der Geschichte. Und wer weiß, wie viele lange Abende Vater George über die Frage nachgegrübelt hat, warum ausgerechnet George Dabbeljuh (W.) die Geschichte der Familie Bush so unrühmlich fortschreiben musste, während doch mit Bruder Jeb jemand im eigenen Stall zur Hand war, der den Stern der Bushs weiter so hell hätte leuchten lassen können wie den der, sagen wir, Kennedys oder Clintons.
So ganz hat der Patriarch die Hoffnung freilich nicht aufgeben, dass Jeb die Schmach, die über der Familie liegt, noch tilgt und als dritter Bush eines Tages, irgendwann, auch noch Präsident wird. Zeitlich ist der Zug nicht abgefahren. Mit 56 ist Jeb heute im besten Alter. Und zumindest der Vater, dessen Auge immer schon liebevoller auf dem jüngeren als auf dem älteren Sohn ruhte, ist davon überzeugt, dass John, den alle nur Jeb nennen, auch das Zeug dazu hat.
Der dunkle Schatten
Auch Jeb selbst, der nach zwei Amtszeiten als Gouverneur von Florida kein drittes Mal mehr antreten durfte und heute in einer international tätigen Immobilienfirma überwintert, flirtet durchaus mit der Idee. Doch ein Traum wird es wohl bleiben. Noch ein Bush ist Amerikas Wählern auf längere Sicht kaum mehr zuzumuten. Selbst Vater und Sohn räumen das bedauernd ein. Der lange dunkle Schatten des Ältesten ist eine Bürde, die sich nicht so schnell abstreifen lässt.
Das ist, wenn man so will, die Tragik dieses Clans. George Dabbeljuh, der für sich in Anspruch nehmen kann, als unbeliebtester Präsident seit Menschengedenken das Weiße Haus nach acht Dienstjahren geräumt zu haben, hat so ziemlich alles ramponiert, was sich die Familie über die Jahrzehnte an Reputation aufgebaut hatte.
Politische Familien-Saga
In der Tat ist der Vergleich mit den Kennedys, der unbestritten Ersten Familie Amerikas, keineswegs so vermessen wie es beim ersten Hören klingen mag. Auch die Bushs, das ungeschliffenere republikanische Gegenstück der aristokratischen Kennedy-Dynastie, haben über Generationen am amerikanischen Geschichtsbuch mitgeschrieben. Politik liegt auch in den Genen dieser wohlhabenden und einflussreichen Ostküsten-Familie. Uropa Samuel war ein enger Berater von Präsident Hoover, Opa Prescott brachte es bis zum Senator, Vater George war UNO-Botschafter, CIA-Chef, Vize-Präsident und Präsident.
George und Jeb, die beiden Söhne, schrieben auf ihre Art die Familienchronik fort. Und in den Startlöchern steht schon die nächste Generation. George Prescott Bush, Jebs ältester Sohn, den alle Welt wegen seines blendenden Aussehens nur den „hinreißenden George“ nennt, kann darauf hoffen, dass in einigen Jahren vielleicht die Erinnerung an Onkel Dabbeljuh ausreichend verblasst sein wird, um seinen Weg in der Politik zu machen. Bis dahin aber wird der Clan kleinere Brötchen backen müssen.
Der Mustersohn Jeb
Vielleicht – das aber geht schon weit ins Spekulative – wäre tatsächlich alles ganz anders gekommen, wenn Vater George nicht so eindeutig zu erkennen gegeben hätte, dass er seinen Ältesten eigentlich für einen ziemlichen Versager hielt. George Dabbeljuh, der Vietnam-Drückeberger, der Trinker und wiedergeborene geläuterte Christ, litt unter dem übermächtigen Vater, der den strebsamen Jeb, der ein skandalfreies Leben mit seiner mexikanischen Frau führt, bevorzugte. Die Präsidentschaft des Juniors war nach dieser Lesart der Versuch, es dem Alten zu beweisen, der zuvor schon wenig davon gehalten hatte, dass George Dabbeljuh ausgerechnet im raubeinigen Texas das Gouverneursamt anstrebte.
Der Irak-Krieg war dann wohl das Schlüsselmoment. Mit dem Sturm auf Bagdad wollte der Sohn vollenden, was der Vater beim ersten Golfkrieg noch vorzeitig abgebrochen hatte. Jede Geste des Präsidenten, der sich nach der erfolgreichen Invasion in Bomberuniform an Bord des Flugzeugträgers „Lincoln“ in triumphaler Pose präsentierte, „zeigte sein Gefühl der persönlichen Rehabilitierung. Bei der Mission ging es nicht nur darum, Saddam Hussein zu bezwingen, sondern auch darum, den Schatten des Vaters zu überwinden“, schreibt Bush-Biograf Jacob Weisberg in seinem Buch „Die Bush-Tragödie“. Als sich der Junior nach der Niederlage bei den Kongresswahlen 2006 wiederum gezwungen sieht, Teile der alten Garde des Präsidentenvaters wieder ins Boot zu holen, ist der Versuch, dem Schatten des Vaters zu entkommen, endgültig vor aller Welt gescheitert.
Bushs Memoiren
Mit sich selbst wiederum scheint George Dabbeljuh trotz allem im Reinen zu sein. Bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten gibt er sich locker. An seinen Memoiren schreibt er zur Zeit auf seiner texanischen Ranch bei Dallas. Im nächsten Jahr soll die Rechtfertigung in eigener Sache erscheinen. Dass derweil enge Weggefährten von einst, allen voran Ex-Vizepräsident Dick Cheney, Bushs machtbewusster Richelieu, über Dabbeljuh als zunehmend knieweichen Präsidenten herziehen, lässt ihn plötzlich in ganz anderem, freundlicherem Licht erscheinen.
Vor dem Urteil der Geschichte rettet ihn freilich auch das nicht. Dass die lähmenden letzten Jahre unter Bush Nachfolger Barack Obama entscheidend den Weg geebnet haben, steht außer Frage. Wenn man so will, ist dies vielleicht Bushs nachhaltigstes politisches Erbe. Das würde die Ironie der Geschichte dann freilich vollends auf die Spitze treiben.