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"Warum müssen wir für Russlands Krieg gegen Amerika bezahlen?"

LINZ. Der ukrainische Botschafter Olexander Scherba sieht das Minsker Abkommen in Gefahr.

"Warum müssen wir für Russlands Krieg gegen Amerika bezahlen?"

Scherba ist seit November ukrainischer Botschafter in Österreich. Bild: Schwarzl

"Das Minsker Friedensabkommen ist in großer Gefahr", mahnt Olexander Scherba, der neue Botschafter der Ukraine in Österreich. Im OÖN-Gespräch wirft er Moskau fortgesetzte Aggression vor und fordert eine Beibehaltung der Sanktionen.

 

OÖN: Trotz der vereinbarten Waffenruhe in der Ukraine hört man beinahe täglich von blutigen Kämpfen. Ist das Minsker Friedensabkommen bereits tot?

Olexander Scherba: Nicht tot, aber in großer Gefahr. Der Frieden ist brüchig, es gibt Bombardierungen von zivilen Dörfern. Und beide Seiten sagen, das waren nicht wir. Aus unserer Sicht weiß ich aber genau, dass wir die Letzten sind, die an einer Neuauflage des Krieges interessiert sind. Wir kämpfen um unsere Existenz, für uns ist dieser Frieden eine Überlebenschance, und nicht zuletzt geht es um unsere Mitbürger, Ukrainer. Es wäre unmenschlich und würde schlicht keinen Sinn ergeben, diese künstliche Kluft inmitten der Ukraine zu erweitern.

Hat es für die Ukraine überhaupt noch einen Sinn, weiterzukämpfen? Die Gebiete im Osten scheinen ohnehin verloren.

Wir kämpfen nicht um die Gebiete im Osten, wir kämpfen darum, dass sich die Besatzung nicht erweitert. Wir haben es im Herbst genau beobachtet. Die Separatisten haben immer geklagt, dass die Ukrainer den Frieden brechen – und sind immer weiter vorgestoßen. Als Ergebnis haben wir immer mehr Gebiete verloren. Und auch jetzt geht es bei uns um die Verteidigung, nicht um Angriff.

Aber die ukrainische Regierung hat auch klar gesagt, dass sie die Krim zurückholen will...

Wir haben nie gesagt, dass wir das militärisch machen. Uns wurde die Krim gestohlen. Das ist, wie wenn man ein Handy stiehlt. Man kann es nur ein paar Tage genießen, dann braucht man das Aufladegerät. Und das Aufladegerät für die Krim ist in der Ukraine. Unter der russischen Besatzung ist die Krim nun zu einem abgeschotteten Ghetto geworden. Das ist schlimm und war ein großer Fehler.

Aber wie soll die Krim je wieder ukrainisch werden?

Irgendwann wird es der russischen Nation klar werden, dass sie sich manipulieren lässt und ihre einstigen Brüder wegen nichts tötet. Und dann wird auch klar, dass die Krim ohne Ukraine wirtschaftlich nicht funktionieren kann. Niemand stand jemandem im Wege auf der Krim. Alles kommt darauf an, wann die Krim sich dessen bewusst wird, dass sie ausgenutzt und für dumm verkauft wurde.

Viele sagen, dass der Krieg in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen sei. Stimmt das?

Russland sieht das als Krieg gegen den Westen. Aber ich frage mich, warum müssen die Ukrainer für Russlands Kampf gegen Amerika bezahlen? Wenn Russland ein Problem mit Amerika hat, sollte es lieber weniger iPhones kaufen und nicht tausende Ukrainer töten.

Es heißt auch, dass die Maidan-Proteste ein Putsch waren, bei dem der Westen seine Finger im Spiel hatte.

Würden Sie gegen etwas protestieren, nur weil Amerika Sie angestachelt hat? Genau wie in der DDR, in Rumänien oder der Tschechoslowakei wollten auch die Menschen in der Ukraine Demokratie und Freiheit. Das war unser Mauerfall. Aber diesmal saß in Kreml nicht Gorbatschow, sondern jemand anderer.

Aber warum ist dann bis heute nicht geklärt, wer die Scharfschützen waren, die das Blutbad am Maidan angerichtet haben?

Wir befinden uns im Krieg, wo derartige Untersuchungen nicht so einfach sind. Wir wissen aber ganz genau, dass es eine Gruppe von Menschen war, die beiderseits geschossen haben. Die waren nur an einem Blutbad interessiert. Und genau dieses Blutbad wurde ein paar Tage später von Russland benutzt, um die Krim zu annektieren. Ist doch klar, wem es nützte.

Bei uns ist der Ukraine-Krieg aus den Schlagzeilen geraten. Fühlen Sie sich vom Westen im Stich gelassen?

Nein. Es gibt zwei wichtige Faktoren, die Russland davon abhalten, weiter in die Ukraine vorzustoßen: Erstens die Bereitschaft der jungen Ukrainer, gegen Russland zu kämpfen, und zweitens die Sanktionen. Die sind für uns ein Zeichen, dass wir nicht im Stich gelassen wurden. Sie müssen aber unbedingt beibehalten werden.

Bekommen Sie militärische Hilfe aus dem Westen?

Es gibt einige hundert Militärausbildner, die in den vergangenen Wochen aus dem Westen kamen. Aber im Vergleich zu den tausenden russischen Soldaten, die "im Urlaub" im Osten der Ukraine kämpfen, sind das Peanuts.

Die Ukraine ist innerlich zwischen West und Ost zerrissen. Wäre nicht eine Neutralität ein Modell für die Zukunft?

Die Ukraine war blockfrei und hat auf Atomwaffen verzichtet, bevor sie angegriffen wurde. Und was war das Ergebnis? Man lässt uns jetzt bluten. Wir sind es leid, in diesem Zwischenraum zwischen Ost und West zu leben.

Sehen Sie nach all den Toten noch eine Chance auf ein friedliches Zusammenleben von Ukrainern und Russen?

Natürlich. Wir waren das friedlichste Land in der Ex-UdSSR. Wir hatten zwar immer eine Trennlinie, aber viele Länder haben solche Linien. Es braucht einen Katalysator, um aus einer Trennlinie einen Krieg zu machen. Und dieser Katalysator war der Kreml. Wenn die Politik des Kremls geändert wird, ist auch der Krieg zu Ende.

Aber der jetzt entstandene gegenseitige Hass bleibt...

Ja, dieses Problem wird öfters übersehen. Es wird natürlich eine gewisse Zeit brauchen, um aus dieser Zwickmühle wieder herauszufinden. Aber die lokale Bevölkerung in der Ostukraine will Frieden, genauso wie die Menschen in der Rest-Ukraine. Nur die tausenden russischen Staatsangehörigen, die in die Ukraine gekommen sind, wollen Krieg. Die haben kein anderes Ziel als Krieg. Ohne Krieg fühlen die sich unbedeutend. Mit Krieg dürfen sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Und sie werden an dieser Kriegsrealität hängen. Das ist das Problem.

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Artikel Heidi Riepl 07. Mai 2015 - 00:05 Uhr
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