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"Kennedy war eine Chance für Amerika"

Der 35. US-Präsident hatte politisches Talent, chronische Schmerzen, ein buntes Liebesleben und mächtige Feinde.

"Kennedy war eine Chance für Amerika"

TV-Duell: Nixon versus Kennedy Bild: Life Magazine Archive/Google

Ein Mann, ein Mord, ein Mythos – US-Präsident John Fitzgerald Kennedy (1917–1963) war der schillernde und tragische Popstar unter den amerikanischen Staatsoberhäuptern. Er ist noch heute, 50 Jahre nach seinem Tod, in den Köpfen der Menschen präsent wie sonst keiner seiner Amtskollegen. Die Mischung aus einem charismatischen Machtmenschen und aufsehenerregenden historischen Großereignissen – Stichwort Berliner Mauer – machten Kennedy legendär. Politikwissenschafter und OÖN-Kolumnist Peter Filzmaier (46) erklärt in sieben Punkten die Person und den Präsidenten JFK, blickt hinter die Mauer aus Verklärung und Verschwörungstheorien.

1 Peter Filzmaier über persönliche und berufliche Berührungspunkte mit der Person Kennedy:

Ich bin 1967 – eine Generation nach Kennedy – auf die Welt gekommen. Der persönliche Bezug zu diesem Mann ist vor allem der Mythos, den mir meine Eltern vermittelt haben. Da stand nicht unbedingt der Mord im Vordergrund, sondern die Frage: Was wäre, wenn Kennedy nicht erschossen worden wäre? Hätten die Rassenunruhen (Martin Luther King, Anm.) vermieden werden können? Oder wie hätte sich der Krieg in Vietnam entwickelt? Als Erwachsener habe ich mich in einem meiner Bücher "Die amerikanische Demokratie" intensiv mit Kennedy befasst. Er war ein aktiver Präsident, mit einem gesamtpolitischen Programm, das er aktiv umsetzen wollte. Er war einer der wenigen Präsidenten, die im Kongress über eine Mehrheit der eigenen Partei verfügten. Angesichts dieses Polsters ist innenpolitisch nur wenig weitergegangen.

2...über das politische Gespür Kennedys:

Er war zweifelsohne ein politisches Talent. Kennedy war charismatisch, erschien glaubwürdig. Dieser Präsident war eine Chance für Amerika. Er hatte Potenzial, aber um eine politische Bilanz ziehen zu können, ist er schlichtweg zu früh ermordet worden.

3...zum Umstand, dass JFK die Welt in der Kuba-Krise fast in den Dritten Weltkrieg drängte:

Kennedy hat die Welt tatsächlich an den Abgrund gerückt. Letztlich haben Nikita Chruschtschow und er die Krise aber noch rechtzeitig gestoppt. Beide Politiker mussten sich intern gegen Hardliner aus der Armee durchsetzen. So mancher General stammte noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das rote Telefon, die Hotline zwischen den Vereinigten Staaten und der damaligen Sowjetunion, geht auf die Kuba-Krise zurück. Mit diesem direkten Draht sollte das gegenseitige Aufschaukeln verhindert werden.

4...über mächtige Feinde:

Kennedy war keine Marionette. Er hatte seinen eigenen Kopf, eigene politische Vorstellungen, die er aktiv umsetzen wollte. Er hat den Konflikt nicht gescheut und machte sich dadurch zwangsläufig mächtige Feinde. So stand Kennedy zum Beispiel der Armee skeptisch gegenüber. Kennedy hat für sein Handeln einen hohen Preis bezahlt. Trotz demokratischer Mehrheit im Kongress hat er innenpolitisch wenig durchgebracht. Von mächtigen Feinden im Hintergrund leben seit 50 Jahren die Verschwörungstheorien rund um die Ermordung des Präsidenten.

5...über den Medienmenschen:

Kennedy stand am Beginn einer neuen Ära. Er stellte sich in der ersten Fernsehdebatte der amerikanischen Wahlkampfgeschichte seinem Herausforderer Richard Nixon (Bild oben). Es ist allerdings ein Mythos, dass Kennedy mit seinem Auftritt in dieser Diskussion die Wahl gewonnen hätte. Die Daten bestätigten zwar, dass Kennedy den besseren Eindruck hinterlassen hat – nicht bewiesen ist aber, dass das Abstimmungsverhalten der Wähler von dieser Diskussion beeinflusst worden ist. Mit den TV-Konfrontationen zogen auch die Medienberater und Spin-Doktoren vermehrt in die Politik ein. Kennedy war ein Medientalent. Er kam braun gebrannt, wie er war, im Fernsehen besser an als ein ungeschminkter schwitzender Nixon.

6...über JFK damals und heute:

Kennedy hat die mediale Klaviatur gut bespielt. Zum Mythos dieses Mannes muss man auch sagen, in der heutigen Mediendemokratie hätte er politisch nicht bestanden. Das fängt bei seiner Krankengeschichte an. Ständig musste JFK Schmerzmittel schlucken und Therapien absolvieren. So etwas konnte man damals noch verheimlichen, heute würde das gnadenlos zerpflückt werden. Die Medienwelt ist viel brutaler geworden. Das ausschweifende Liebesleben des Präsidenten wäre ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Es mutet paradox an. Kennedy hat geheiratet, weil ihm klar war: ohne Ehefrau wird man nicht Präsident. Daneben trieb er es in Sachen Liebesleben recht bunt. Das wäre heute undenkbar. Denken Sie an Bill Clinton. Er wäre beinahe über "Lewinsky-Gate" gestolpert, die Affäre mit der Praktikantin Monika Lewinsky im Weißen Haus. Kennedy war dagegen Lewinsky zur Potenz.

7...das Phänomen JFK

Kennedy ist präsent. Er ist der amerikanische Präsident. Dwight D. Eisenhower vor ihm war beispielsweise viel länger im Amt. In den Köpfen ist aus europäischer Sicht dennoch John F. Kennedy verankert – und nicht Eisenhower. Das hängt wie erwähnt mit historischen Ereignissen wie der Kuba-Krise zusammen. Eisenhower – mag er nun ein guter oder schlechter Präsident gewesen sein – er war vor allem kein glamouröser. Was wissen Sie über das Privatleben Eisenhowers? Nichts? Dann geht es Ihnen wie 99 Prozent der Menschen. Oder wer weiß heute noch etwas über George Bush senior?

 

APA-Special „50 Jahre Jahre Attentat auf John F. Kennedy“: Erfahren Sie hier alles über eine der einflussreichsten Familien der USA und jenen Tag, der alles veränderte.

 

John F. Kennedy - Seine politische Karriere kannte auch Schrammen

0,2% betrug der Vorsprung, der es John F. Kennedy 1961 möglich machte, ins Weiße Haus einzuziehen. Der demokratische Senator aus Massachusetts hatte um Haaresbreite seinen republikanischen Gegner Richard Nixon besiegt.

1917 als zweites von neun Kindern des Unternehmers und Diplomaten Joseph P. Kennedy und dessen Frau Rose am 29. Mai geboren, wuchs John Fitzgerald Kennedy in wohlhabenden Verhältnissen auf. Nach der Highschool studierte "Jack", wie er gerufen wurde, in Harvard Politikwissenschaft. Während des Zweiten Weltkriegs war er Offizier in der US-Marine.

Seine politische Laufbahn startete JFK 1945, als er den Demokraten beitrat und schon ein Jahr später ins US-Repräsentantenhaus gewählt wurde. 1952 zog er für Massachusetts in den Senat ein. Ab dem Jahr 1960 war Kennedy Führer des liberalen Flügels der Demokratischen Partei. 1961 begann seine kurze Amtszeit als Präsident.

1961 Außenpolitisch bot Kennedy in Wien dem aggressiv auftretenden russischen Staatschef Nikita Chruschtschow (im APA-Bild unten die beiden mit Bundespräsident Schärf) Paroli, er leistete seinen Beitrag zur Abwendung des Dritten Weltkrieges, als er in der Kuba-Krise gegen die Falken in seiner eigenen Regierung auf Verhandlungen setzte – aber zuvor hatte er mit seiner Zustimmung zu dem desaströs gescheiterten Invasionsversuch in der Schweinebucht nicht nur dem jungen Castro-Regime und dessen "großem Bruder" in Moskau in die Hände gespielt, sondern auch der anti-amerikanischen Stimmung in Lateinamerika neuen Brennstoff gegeben. Als 1961 in Berlin die Mauer hochgezogen wurde, versicherte Kennedy den Deutschen zwar seine Solidarität, die offene Konfrontation mit der Sowjetunion wollte er, auch eingedenk der offenen Atomkrieg-Drohungen Chruschtschows in Wien, aber nicht riskieren. Zwei Jahre später ließ er sich von den Berlinern feiern – Stichwort: "Ich bin ein Berliner!"

Als Kennedys größter Sündenfall gilt der Vietnam-Krieg: Obgleich erst Johnson US-Kampftruppen nach Vietnam schickte, war es Kennedy, der die CIA und Spezialeinheiten sowie tausende US-Militärbeobachter im Einsatz gegen die Vietcong-Kämpfer von der Leine ließ – und auch den Einsatz von Napalm genehmigte. Mehr als 58.000 US-Soldaten sollten ihr Leben lassen, die sozialen Spätfolgen belasten das Land noch heute.

Der 1963 abgeschlossene "Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser" mit der Sowjetunion zählt zu den wenigen "handfesten" Hinterlassenschaften Kennedys. Er war zwar reformwillig, doch blieb es allzu oft beim Wollen. Zwar hatten seine Demokraten die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses, aber seit den trägen 1950er Jahren der Eisenhower-Ära war deren konservativer Flügel eher geneigt, mit den Republikanern zu paktieren.

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Artikel Martin Dunst 16. November 2013 - 00:04 Uhr
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