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Hoffnung auf Zypern: "Beste Chance auf Wiedervereinigung seit 1974"

NIKOSIA. Verhandlungen bis Mai auf der zwischen Türken und Griechen geteilten Insel.

Einkaufsstraße in Nikosia Bild: Wrase

Im Mai kommenden Jahres könnten die Verhandlungen über eine Wiedervereinigung von Zypern abgeschlossen sein. Viele Insel-Griechen sind skeptisch. Ob sie bei einem Referendum mit Ja stimmen werden, ist keinesfalls sicher.

Michalis Michalopoulos ist stolz darauf, zur "Minderheitsfraktion der Ja-Sager" zu gehören. "Ich habe damals mit NAI (Ja) gestimmt und damit das OCHI (Nein) unseres Präsidenten ignoriert", betont der in Nikosia lebende Wirtschaftsprüfer stolz. Damals, im Frühjahr des Jahres 2004, waren griechische und türkische Zyprer aufgerufen, über den Plan von UN-Generalsekretär Kofi Annan zur Überwindung der Teilung der Mittelmeerinsel abzustimmen.

Dieser bot den türkischen Zyprern einen anerkannten Bundesstaat im Rahmen einer Föderation und damit die Mitgliedschaft in der EU. Den Insel-Griechen garantierten Annans Vorschläge die Rückgabe von Territorium, auf das mehr als die Hälfte der Flüchtlinge von 1974 zurückkehren hätte können, sowie die Möglichkeit, verlorenen Besitz zu einem Drittel zurückzubekommen. "Es war ein guter Kompromiss", glaubt Michalopoulos, "der von unserem Präsidenten torpediert wurde".

Griechen sagten 2004 nein

"Ich bitte euch, euer Recht, eure Würde und eure Geschichte zu verteidigen", hatte Tassos Papadopoulos vor den TV-Kameras "mein griechisch-zyprisches Volk" angefleht und sich theatralisch einige Tränen aus den Augen gewischt. Nur ein "donnerndes OCHI" könne Zypern noch vor der Auflösung bewahren. "Die zynischen Tränen des Präsidenten waren entscheidend", empörte sich die "Cyprus Mail" nach dem Referendum, das von 76 Prozent der griechischen Zyprer abgelehnt wurde. 65 Prozent der Insel-Türken stimmten zu.

Elf Jahre später hat sich die Stimmung gewandelt. Der Hass auf die türkischen Zyprer und ihre Schutzmacht Türkei beginnt langsam zu schwinden. Spürbar ist die Entspannung vor allem in der Ledra Street von Nikosia, der geschmackvoll restaurierten Flaniermeile der "einzigen geteilten Hauptstadt", wie ein Blechschild am griechischen Checkpoint vorwurfsvoll verkündet. Inzwischen ist der wechselseitige Grenzübertritt schnell und unbürokratisch möglich, die martialischen Betonabsperrungen sind seit 2008 weg.

Im nächsten Jahr könnten nach Jahren des Stillstands auch die Checkpoints verschwinden. Denn mit Nikos Anastasiades hat die geteilte Mittelmeerinsel einen Präsidenten, der 41 Jahre nach der türkischen Invasion die Lösung des Dauerkonfliktes wirklich will. Die Chancen, dass der Grieche es schafft, stehen vor allem deshalb gut, weil er endlich den richtigen Partner hat: Auch Mustafa Akinci, der Führer der türkischen Zyprer, will die Spaltung überwinden sowie seinen international geächteten Teilstaat aus der Isolation führen. Die beiden Pragmatiker hatten einst in Limassol die gleiche Schule besucht. Gemeinsam könnten sie 2016 Geschichte schreiben – vorausgesetzt, die griechischen Zyprer ziehen dieses Mal mit.

"Wir sind ein Volk von Dickschädeln, die alles oder nichts wollen", erklärt der Student Panos Gregoriades. Das Trauma von Besatzung und Vertreibung sitze tief. Dennoch setze sich langsam die Erkenntnis durch, dass "die fortgesetzte Teilung der Insel am Ende auch Isolation bedeuten kann".

Bei einem weiteren Nein der griechischen Seite könnte die Staatengemeinschaft die "türkische Republik Nord-Zypern" diplomatisch anerkennen. Die Spaltung wäre zementiert. Eine Wiedervereinigung brächte beiden Vorteile, hofft der Physik-Student, der, wie die meisten seiner Landsleute, über den Stand der Verhandlungen nur wenig weiß.

3 Fragen an Historiker Hubert Faustmann

Der Zypern-Experte unterrichtet an der Universität von Nikosia.

Plötzlich scheint nach Jahren eine Lösung des Zypern-Problems möglich. Was hat sich geändert?
Entscheidend war die Wahl von Mustafa Akinci im türkischen Nordteil der Insel, der ganz klar für eine Lösung einsteht, die realistisch ist. Damit hat Nicos Anastasiades endlich einen Partner, mit dem ernsthaft verhandelt werden konnte. Er ist ein Mann, der sich mit Reformen endlich den notwendigen Handlungsspielraum verschafft hat. Außerdem verhält sich auch die Türkei inzwischen konstruktiv.

Wo sind noch die Stolpersteine?
Sicherlich die Eigentumsfrage, die als die schwierigste gilt. Ausstehend ist auch die Territorien-Frage, also welche Gebiete vom Norden an den Süden zurückgegeben werden. Ganz entscheidend ist das Thema Sicherheit, die Stationierung türkischer Truppen auf Zypern. Über den Wiedervereinigungsplan werden die griechischen und türkischen Volksgruppen unabhängig voneinander abstimmen. Das wird nicht einfach.

Sind Sie dennoch optimistisch?
Man sollte vorsichtig optimistisch ein. Ich denke, die Stimmen sind etwas enthusiastischer als die Substanz. Aber es ist sicherlich richtig, jetzt festzustellen, dass wir die beste Chance auf eine Wiedervereinigung der Insel seit 1974 vor uns haben. Die Angst vor Veränderungen ist groß. Die griechischen Zyprer haben viel zu verlieren. Es wird vor allem von der Sicherheitsfrage abhängen, also dem Umfang der türkischen Militärpräsenz. Das sind Fragen, die jederzeit zu einer Ablehnung führen können.

Nach Putsch besetzt

Mit einer militärischen Intervention reagierte die Türkei im Juli 1974 auf den Versuch, den Anschluss Zyperns an Griechenland mit einem Staatsstreich durchzusetzen. Seither ist Zypern faktisch eine geteilte Insel. Fast 200.000 griechische Zyprer flohen in den Süden der Insel. Die 1983 im Nordteil der Insel ausgerufene „Türkische Republik Nordzypern“ scheint nun bereit, einst von Griechen bewohnte Gebiete zurückzugeben.

 

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Artikel Michael Wrase aus Nikosia 31. Dezember 2015 - 00:04 Uhr
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