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„Die Aufarbeitung einer Diktatur kennt kein Verfallsdatum“

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin, will, dass die Einsicht in die Akten des DDR-Geheimdienstes für immer möglich ist.

„Die Aufarbeitung einer Diktatur kennt kein Verfallsdatum“

Roland Jahn im früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin, heute eine Gedenkstätte Bild: dapd

OÖNachrichten: Ist es für Sie eine Genugtuung, dass Sie seit einem Jahr als Beauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin die Akten jenes Geheimdienstes verwalten, der Sie selbst jahrelang drangsaliert hat?

Roland Jahn: Das Wort Genugtuung gebrauche ich nicht. Für mich ist wichtig, dass ich zur Aufklärung beitragen kann. Ich kann in meiner Funktion dazu beitragen, dass Menschen in ihre Akten schauen, dass Menschen erfahren, wie die Geheimpolizei der DDR funktioniert hat. Und dass die nächste Generation daraus lernen kann, damit sie nicht in die Fänge einer Diktatur gerät.

Sehen Sie diese Gefahr aktuell in Mitteleuropa?

Im Moment nicht. Aber es geht darum, dass wir Demokratie gestalten. Mit dem Blick in die Unfreiheit können wir Gefahren für die Freiheit erkennen. Es gibt viele Erfahrungen aus der Diktatur, die gerade für junge Menschen Lebenshilfe sein können. Etwa die Frage: Wann passe ich mich an, wann widerspreche ich?

Wie ist es Ihnen dabei gegangen, als Sie zum ersten Mal Ihre Stasi-Akten gelesen haben?

Es war Erschrecken auf der einen Seite. Es war aber auch Erleichterung auf der anderen Seite, weil das Lesen Klarheit geschaffen hat. Erschreckend war, wenn man sieht, dass Freunde einen verraten haben. Dass Freunde für die Stasi gespitzelt haben. Erleichterung aber auch, weil man es nun weiß und weil man auch sieht, dass andere Freunde zu einem gehalten haben – mit dem Lesen der Akten kann man offen damit umgehen.

Was hat Sie am meisten überrascht in Ihren Akten?

Es gab Freunde, die bei Wirtshausbesuchen Wort für Wort aufgeschrieben haben – sogar noch nach meiner Zwangsausbürgerung in Westberlin. Ich habe aber auch Klarheit erhalten über meine Biografie: Etwa, dass ich von der Uni geflogen bin, weil ich in einem Seminar offen meine Meinung gesagt habe – und der Seminarleiter das 1:1 der Stasi weitergeleitet hatte. Oder meine Ausbürgerung 1983: Diese wurde von Stasi-Chef Erich Mielke höchstpersönlich angeordnet. Damit bekommt man jenes Stück der eigenen Lebensgeschichte wieder zurück, in das die Stasi lenkend eingegriffen hatte. Klarheit und Wahrheit befreien. Man kann ganz anders durchs Leben gehen, wenn man weiß, was genau geschehen ist. Das geht nicht nur mir so, sondern fast allen, die Einblick in ihre Akten hatten.

Vom Verrat durch Freunde haben Sie gar nichts geahnt?

Nein, das waren ja Freunde, die der DDR-Opposition zugeordnet worden waren. Dann den Verrat in den Akten zu lesen, das geht schon unter die Haut.

Sind Freundschaften zerbrochen, nachdem Sie die Akten gelesen haben?

Ich bin jemand, der offen auf Menschen zugeht. Es sollte grundsätzlich die Chance geben, dass man sich wieder offen begegnen kann. Aber das gelingt nicht immer. Sehr geschmerzt hat mich ein Fall, wo mich ein Freund in Westberlin bespitzelt hat – dieser Konflikt ist bis heute nicht ausgeräumt.

Gab’s Entschuldigungen? Kann man sie überhaupt annehmen?

Man kann sie annehmen. Es gab bei einzelnen Personen Bedauern und eine offene Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist. Da entwickelt sich auch wieder eine neue Beziehung.

Kann man als Opfer überhaupt jemals wieder Vertrauen in seine Mitmenschen haben?

Das ist schwer, aber ich denke es ist möglich.

Es ist immer wieder zu beobachten, dass die DDR verklärt wird. Was läuft da schief?

Liegt eine Diktatur weit zurück, dann setzt eine automatische Verklärung ein, weil man diese konkreten Erlebnisse nicht mehr sinnlich erfahrbar hat. Daher ist es wichtig, dass wir aufklären – und der jungen Generation, die das nicht miterlebt hat, den Alltag einer Diktatur begreifbar machen. Mit Ausstellungen und Forschung, mit Kunst, Literatur und Film.

Kann man alleine mit Aufklärung Ostalgie verhindern?

Aufklärung ist die einzige Chance! Es geht ja nicht darum, ein Geschichtsbild zu verordnen. Es geht darum, umfassende Information zu bieten, damit sich die Menschen ihr eigenes Bild machen können.

Die Mauer ist 1989 gefallen. Wie lange braucht es die Stasi-Unterlagenbehörde noch?

Behörden sind ja kein Selbstzweck, sondern sie sind Dienstleister für die Gesellschaft. Solange die Gesellschaft diese Dienstleistung braucht, werden wir das machen. Der Wunsch nach persönlicher Akteneinsicht ist nach wie vor ungebrochen. Dieses Ermöglichen von Transparenz darf nie ein Ende haben. Transparenz ist ja eine Säule der Demokratie.

Also kein Schlussstrich?

Aufarbeitung kennt kein Verfallsdatum!

Jüngst wurde in Ostdeutschland eine Neonazi-Terrorzelle ausgehoben. Gab’s eigentlich Rechtsextremismus in der DDR, die sich ja stets als der Hort des Antifaschismus verstanden hat?

In den Stasi-Akten lässt sich feststellen, dass es Rechtsextremismus auch in der DDR gab. Aber eine offene Untersuchung über die Ursachen hat nicht stattgefunden.

Weil es offiziell ja keine Nazis in der DDR geben durfte …

Man wollte nicht zugeben, dass es so etwas auch gibt.

 

Nadelstiche gegen die Obrigkeit
Der DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn wurde 1983 zwangsausgewiesen

Roland Jahn, der am 14. Juli 1953 in Jena geboren wurde, war ab Mitte der 70er-Jahre im Visier der DDR-Staatssicherheit. Beim Maiaufmarsch 1977 trug er ein leeres weißes Plakat, um so gegen die Zensur zu protestieren.

Wenig später flog er von der Uni – und musste sich als Transportarbeiter „in der Produktion bewähren“. Er setzte aber weiterhin Nadelstiche gegen die Obrigkeit: Er schminkte sich sein Gesicht halb als Adolf Hitler und halb als Josef Stalin – und nahm so an einem Maiaufmarsch teil; in einer Lokalzeitung schaltete er eine Annonce zum Gedenken an seinen Freund Matthias Domaschk, der in Stasi-Haft starb.

1982 kam Jahn in U-Haft, weil er die polnische Flagge mit der Aufschrift „Solidarnosc“ an seinem Fahrrad befestigt hatte. Nach Protesten kam er frei – wurde aber am 8. Juni 1983 zwangsweise ausgebürgert: Jahn wurde unter einem Vorwand zum Wohnungsamt bestellt, gefesselt und geknebelt – und im Grenzbahnhof Probstzella in das letzte Abteil des Zuges nach Bayern eingesperrt. An der gesamten Aktion sollen an die 100 Stasi-Agenten beteiligt gewesen sein.

Im Westen war er gewichtige Stimme der DDR-Bürgerrechtler und arbeitete als Journalist. Seit März 2011 ist er Chef der Stasi-Unterlagenbehörde.

Stasi
Die DDR-Staatssicherheit sicherte als „Schild und Schwert der Partei“ mittels stalinistischer Unterdrückung und flächendeckender Bespitzelung 40 Jahre lang die Herrschaft der Einheitspartei SED.

91.000
Beim Mauerfall im Jahr 1989 verfügte die Stasi über 91.000 hauptamtliche und bis zu 200.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM). Damit war die Stasi – gemessen an der Bevölkerungszahl – der größte geheime Sicherheitsapparat der Welt.

111 km
Die Stasi-Unterlagenbehörde (www.bstu.bund.de) in Berlin, die Roland Jahn leitet, verwaltet das Aktenerbe des Unterdrückungsapparates. Archiviert sind 111 Regal-Kilometer an Akten, dazu kommen noch 16.000 Säcke mit Aktenschnipseln. Zusammengesetzt sind das gut 6000 A4-Seiten je Sack. Gesichert wurden außerdem 1,75 Millionen Fotos, 3000 Filme und Videos sowie 27.600 Tondokumente. Seit 1991 gab es 2,83 Millionen Anträge von Bürgern auf Auskunft, Akten-Einsicht und Herausgabe.

Buchtipps

Fundierter Einblick in den Unterdrückungsapparat
Der DDR-Geheimdienst Stasi war ein Staat im Staat, eine „Armee hinter den Kulissen“. Er griff rücksichtslos in Biografien ein, zerstörte Ehen und überwachte flächendeckend. Dieses Buch gibt fundiert Überblick über diesen Unterdrückungsapparat. (schuh)
Jens Gieseke, Die Stasi, Pantheon-Verlag, 360 Seiten, 15,50 Euro

18.000 Seiten über einen einzigen „Abweichler“

Peter Wulkau schwimmt in der DDR gegen den Strom, fliegt von der Uni, schreibt einen satirischen Polit-Roman. Und schon greift die Stasi in sein Leben ein, lässt ihn von 38 Menschen bespitzeln und legt 18.000 Seiten Akten an. Fazit: Ein unfassbarer Einblick in das Getriebewerk eines perfiden Zersetzungsapparats. (schuh)
Heike Bachelier, Ein ganz normaler Feind, Droemer, 416 S., 23,70 Euro

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Artikel Clemens Schuhmann 31. März 2012 - 00:04 Uhr
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